Unser höchstes Gut

Das wird mein vierzehnter Text. Ich danke Natalia für den Vorschlag, mit Bloggen zu beginnen, ich danke Nora für die Hilfe und das Ermutigen beim Beginnen, und ich danke denjenigen, die mir bereits entweder gleich hier öffentlich oder in einer persönlichen Nachricht geschrieben haben. Das hat mich sehr gefreut, und ich werde antworten. Vielleicht dauert es jeweils ein paar Tage, aber ich antworte. Es freut mich, wenn Menschen mir schreiben, sie fänden die Texte mutig und stark. Das zeigt mir, dass diese Menschen selbst stark und mutig sind! Ich danke auch Pia für die köstlichen Trauben aus ihrem Garten, und ich danke Rahel, dass Taieb mit ihr und Yannik Kuchen backen und Pizza essen durfte. Auch für die Unkompliziertheit, die Offenheit, die Hilfsbereitschaft und am meisten für das so selbstverständliche Nichturteilen.

„Wer A kann, kann auch B.“ Nein, wer A kann, kann A. Ob er/sie B kann, ist eine komplett andere Fragestellung, die mit A nichts zu tun hat. Wenn ich also Ende Februar an besagtes Konzert auf Malta gehen konnte, sagt das nichts darüber aus, ob ich arbeiten konnte oder nicht – zum Beispiel. Auf der Bühne schmeisst Chris den Laden, nicht ich. Von mir erwartet niemand etwas, auf mich sind nicht alle Blicke gerichtet, ich muss nichts leisten. Ich kann auch nicht viel leisten, wenn innere Organe entzündet und die entsprechenden Funktionen beeinträchtigt sind, wenn ich Schmerzen habe und nie wirklich weiss, was passiert, wenn ich zwei Monate lang – ich weiss nicht was oder wem zuliebe – durchgezogen habe und mir sieben Jahre lang so wenig wie möglich anmerken liess. Dann geht irgendwann eben – fast hätte ich geschrieben: nichts mehr – nicht mehr viel. An ein Konzert gehen, schon. Klar. Manchmal ist es auch Gion, Kieran oder Neil, der den Laden schmeisst, meistens aber der „gute alte“ Chris. 😊 Seine Einladung und sein Konzert auf Malta haben mir vielleicht das Leben gerettet. Die zweite Rettung, die seelische, nach der eigentlichen, physischen Ende Januar. Ich weiss es nicht, will es auch nicht so genau wissen. Wir haben wohl alle unsere Erlebnisse, die für uns eine ganz besondere und aussergewöhnliche Bedeutung haben und diese für immer behalten werden.

Über meinen Lieblingsarzt berichte ich heute noch einmal. Ich erzählte ihm, dass ich ziemlich viel vergässe oder nicht mehr fände, drei Hausschlüssel innerhalb weniger Wochen verloren hätte, Lücken in der Erinnerung sowie manchmal Handlungsblockaden hätte. Das alles ist durch die starken Medikamente, den damit verbundenen Schlafentzug und die damit verbundene mentale Überlastung relativ einfach zu erklären. Aber man darf den Zustand nicht anstehen lassen. Denn die Verbindung zwischen diesen Symptomen und späteren Demenzerkrankungen ist erwiesen, und die Leiterin der Memory Klinik des Waidspitals Zürich möchte die Öffentlichkeit über diesen eindeutig nachgewiesenen Zusammenhang aufklären. Das wäre so wichtig.

Herr … wusste nichts darüber und kennt die erwähnte Ärztin nicht. Na ja, sie ist nicht ganz unbekannt… Ich hatte den Eindruck, dass er nicht einmal wusste, dass es diese Memory Klinik gibt und dass sie zum Waidspital gehört. Alles, was er auf Lager hatte, war wiederum eine seiner dummen „Denken Sie …?“-Fragen. „Denken Sie, Sie hätten Morbus Alzheimer?“ Ja, das hat er mich tatsächlich gefragt. Das war so verletzend, da ich, als ich diese Symptome bemerkte, zum ersten Mal so richtig von Angst gepackt wurde. Aber im Namen der Versicherung, im Namen des Geldes, im Namen des (un)heiligen Mammon bagatellisieren und manipulieren solche Pseudo-Ärzte nahezu alles. Sogar das höchste menschliche Gut:

unser Gedächtnis,

unsere Erinnerung,

unsere Identität.

Wenn wir sie verlieren, verlieren wir uns selbst, und alle, die jemanden kennen oder kannten, der/die an einer Demenzerkrankung leidet oder litt, wissen, wovon ich schreibe.

Noch einmal, Herr …: Ich denke nicht, ich hätte …; ich weiss, dass ich habe. Kennen Sie bildgebende Verfahren?! Biopsien?! Blutwerte?! Eben. Dann studieren Sie doch Ihre Unterlagen nächstes Mal im Voraus. Die Hausärztin, die Fachärzte und ich, wir haben alles in der Schublade oder auf dem Computer. Ich habe auch alles bei mir selbst. Leider. Wir verlieren unsere Zeit nicht mit „Denken Sie …?“-Fragen. Wir wissen, was ist, und haben dafür Zeit, ein bisschen über Sie zu lachen oder über Musik zu reden. Morgen schenke ich ihr die CD von Gion. 🎤 🎸 🎤

 

 

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2 Gedanken zu “Unser höchstes Gut

  1. Sabine deine Texte sind so enorm stark. Ich bin zu tiefst beeindruckt. Ich weiss ja nicht wirklich welche Krankheit du zu erzragen hast. Bestimmt ist es eine grosse Herausforderung an dich, das Leben und an deine Liebsten. Du bist stark und packst das.
    Ich weiss wovon ich schreibe – auch an uns als Familie werden grosse Herausforderungen gestellt. Du kennst den Grund. Es liegt mir fern einen Vergleich zu machen. Das wäre absurd. Einen mehr oder weniger schweren Rucksack haben alle zu tragen. Lieber Gruss M

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    1. Vielen Dank, Margrit, das ist sehr nett von dir und freut mich sehr!

      Ich habe drei Autoimmunerkrankungen, eine betrifft die Haut, die anderen vor allem innere Organe. Es kommt aufgrund der genetischen Prädisposition oft vor, dass jemand mehrere Autoimmunerkrankungen hat. Von der einen habe ich schon lange nichts mehr gehört…, ich hoffe, sie bleibt weiterhin schön ruhig. 😉 Die Dermatitis habe ich ganz gut im Griff, die dritte Erkrankung war vom letzten Dezember an bis vor Kurzem aktiv.

      Ich kann/Wir können ganz gut damit leben. Schlimmer sind dumme und falsche Urteile…, zum Beispiel weil man ja meistens nichts sieht…

      Ja, ich kann mir vorstellen, dass du auch sehr viel zu berichten hättest – über Erfahrungen mit Menschen und Menschen. Und ja, du hast recht, es geht nicht ums Vergleichen, sondern ums Verarbeiten und Aufklären und somit vielleicht auch anderen helfen zu können.

      Das sind meine Ziele, und schreiben werde ich ab nächstem, spätestens übernächstem Jahr wohl auch beruflich. 😊 Machs gut und bis bald! S.

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