Dances with wolves

„You guys have no idea. I’m in chemotherapy. You’re assholes.“ Weil das Zitat so schön ist und so treffend ist, verwende ich es hier gleich noch einmal. Selena Gomez meinte mit dem schönen A-Wort diejenigen ihrer „Fans“, die behaupteten, sie habe wegen Drogenmissbrauch in eine Reha-Klinik einchecken müssen. Ich meinte damit die Eltern, deren Welt sich um sie selbst und nur um sie selbst dreht, sodass sie die Lachhaftigkeit und Unverhältnismässigkeit ihres Anliegens, währenddem in DER Welt die Häuser von vielen Kindern in Schutt und Asche lagen, nicht zu erkennen imstande waren, und wegen denen ich eine Infusion verpasste. Auch diejenigen, die ein einziges blödes Wort über meine Abwesenheit verloren haben (sollten), waren und sind damit gemeint. Weil: Sie haben wirklich keine Ahnung.

Gut, bei mir hat sicher niemand Drogenmissbrauch vermutet. Und wenn doch, müsste ich wirklich und wirklich nur darüber lachen. Laut lachen. Man kann in Bezug auf Drogen gleich unschuldig sein wie ich, aber man kann nicht unschuldiger sein. Das geht nicht. Ich habe in meinem Leben keinen einzigen Joint gedreht, keinen geraucht, keinen auch nur angefasst; keine einzige Zigarette auch je nur angefasst, je in den Händen gehalten, je berührt; ich wüsste nicht einmal, wie ich sie halten, wie ich sie anzünden und schon gar nicht wie ich sie rauchen müsste. Spritzen setzen kann ich mir: keine Drogen, sondern Medikamente. Ich war selbst überrascht, dass ich das relativ schnell relativ gut konnte; da ich mit den Händen nicht geschickt bin, hätte ich das gar nicht erwartet. Nein, weniger Erfahrung mit Drogen als ich kann man nicht haben, und ich gehe davon aus, dass wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, ich müsse zum Drogenentzug in eine Klinik. Aber bei einer berufstätigen Mutter sind andere Begründungen schnell zur Hand und noch schneller zu Mund: Burnout zum Beispiel und alles, was in diese Richtung geht.

Dann denkt man etwas Falsches, sagt etwas Falsches und verbreitet etwas Falsches. So schnell ist es passiert, und so verheerend kann es vor allem für die Betroffenen sein. Das A-Wort ist dann einfach das einzig Richtige. Selena Gomez war nicht wegen Drogenmissbrauch in einer Klinik, sondern wegen einer schweren organischen Erkrankung. Ich kann ziemlich gut mit ihr mitfühlen, denke ich mal. Ich hätte nämlich auch fast für vier Wochen in eine Klinik gehen müssen – in eine internistische. Es war so geplant gewesen, aber dann konnte ich einfach nicht so lange weg von den Kindern. Es war ein schreckliches Hin- und Hergerissensein, ein Hin- und Hergezogenwerden von zwei ganz starken Kräften, ein Zerrissenwerden. Ich entschied mich gegen die Klinik und für die Kinder. Wobei man das ja eigentlich so nicht sagen kann…, muss ich ehrlich zugeben. Ich hätte mich vielleicht besser anders entschieden. Vielleicht wäre es auch besser für die Kinder gewesen… Ja, das muss ich schon ehrlich zugeben.

Weil ich jetzt wieder am gleichen Ort stehe. Vom gesundheitlichen Standpunkt her gesehen, nicht von verschiedenen anderen Standpunkten her – zum Glück! Den Untersuch beim Internisten könnten wir uns theoretisch sparen; ich weiss, dass der Unfall – wahrscheinlich durch die ausgeschütteten Stresshormone – die Krankheit wieder aktiviert hat. In der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember bin ich aufgewacht, und da war es wieder: das Blut. Es sucht sich dann Wege nach aussen, und plötzlich ist alles Rot. Und da war sie auch wieder: die Panik. Ich sprang auf und mein erster Impuls war, gleich ins Spital Bülach zu fahren; mein zweiter, am Morgen sofort zu meiner Hausärztin zu gehen. Ich tat weder das eine noch das andere. Mein dritter Impuls war nämlich, wieder ruhig zu werden, mir meine Pläne nicht durchkreuzen zu lassen und mich vor allem daran zu erinnern, dass ich dies ja nicht zum ersten und nicht zum zweiten Mal erlebe. Dass ich es überlebe. Die Menstruation hatte ich vor zwölf Tagen gehabt; eine Verwechslung von daher ausgeschlossen. Wenn man „Blutungen“ und „Zwischenblutungen“ googelt, stösst man sowieso auf angstmachende Ursachen. Nein; wieder ruhig werden und mich sammeln. Die Panik breitete sich im ganzen Körper aus, dann legte sie sich schnell wieder. Ich bin wohl schon ziemlich stark geworden.

Klar; seit dem Unfall am 14. Dezember gab es immer wieder Momente, wo ich dachte, ich könne diese Verletzungen, deren Folgen und vor allem den damit im Zusammenhang stehenden erneuten Ausbruch „meiner“ schweren Erkrankung – ich bezeichne sie jeweils so, um sie von den anderen beiden, die mir langsam, aber sicher wie „peanuts“ vorkommen, abzugrenzen – jetzt nicht auch noch durchstehen. Es ist schon sehr viel und es ist nicht einfach… Aber ich werde es schaffen. Prednison ist für mich keine Option mehr, und mein Hauptfacharzt meinte letztes Mal auch, er sei bei mir in Zukunft besonders vorsichtig und zurückhaltend. Ich spüre die Nachwirkungen jetzt noch, vier Monate nach Therapieende. Wobei ich zur Zeit beim besten Willen nicht sagen kann, warum ich nicht schlafe…: Prednison…, Schmerzen nach dem Unfall, die zwar zur Zeit mehr oder weniger überdeckt werden, oder Husten, der durch die Rippen- und Brustfellentzündungen, die ja ihrerseits bereits Folgen von Verletzungen sind, verursacht wird und der insbesondere in der Nacht ziemlich schlimm werden kann.

Nein, Prednison ist keine Option mehr. Vielleicht komme ich um Imurek nicht mehr lange herum. Das wäre dann eben die Chemotherapie. Zwar in bedeutend niedrigeren Dosierungen als bei Krebsbehandlungen, aber dafür mindestens über ein Jahr, manchmal auch über zwei bis vier Jahre, was letztlich auch zu einer sehr hohen Einnahme führt. Die Haare gehen nicht stärker aus als beim Prednison; da mache ich mir keine Sorgen, weil bei mir ständig viele nachwachsen. Aber die ganze lange Liste der anderen Nebenwirkungen… Dass Tumoren sich entwickeln können… Wobei das schon nicht in dem Sinne häufig vorkommt und ja auch beim Kortison schon gegeben war: Wenn das Immunsystem unterdrückt wird, damit es den eigenen Körper in Ruhe lässt, bleibt es auch sonst gerade lieber in Ruhe und erkennt eventuelle Krebszellen weniger effizient. Auch dieser Gedanke ist nicht immer einfach… Aber ja, vielleicht muss ich dem Imurek seine Chance geben; die Therapie wird ja sowieso engmaschig kontrolliert und vor allem werden die Blutwerte regelmässig überprüft. Oder sonst mit Biologika; darüber weiss ich noch nicht so viel.

Ich weiss einfach, dass ich in den ersten Monaten des neuen Jahres gleich auf ein paar Schlachtfeldern kämpfen muss. Die Therapien in Zurzach werden die Unfallfolgen irgendwann verschwinden lassen, und die Wölfe werde ich ein weiteres Mal besiegen. Und dann vielleicht einmal mit ihnen tanzen. Im Übrigen geht es mir gut, weil ich nach Ulm fahren und den Weihnachtszirkus besuchen konnte, weil mich Taiebs Freude und Hingabe dabei noch fast mehr berührten als die bezaubernden oder atemberaubenden Darbietungen der Artisten und Artistinnen, weil er und Maurits so friedlich und herzig miteinander spielen, obschon vier Jahre zwischen ihnen liegen, weil ich mich heute Nachmittag nach einem interessanten Rundgang durch die Altstadt und einem Spaziergang der Donau entlang ausruhen und etwas erholen konnte, da Wolfgang so nett war und die beiden Jungs mit nach Hause nahm und ihnen sogar noch eine Gemüsesuppe kochte. Danke! Und bis bald…; ich mache mich gleich parat und gehe zu ihnen, damit wir dieses Jahr, das ich trotz allem nicht hassen kann und in dem ich auch ganz viel Gutes sehe, gemeinsam verabschieden können.

Ein herzlicher Dank hier auch an alle, denen ich keinen Brief geschickt habe, die mir aber auch durch nette Worte, ihr Interesse und ihre offene Art geholfen haben. Ich wünsche allen, die mir auf irgendeine kleinere oder grössere Weise beigestanden sind, einen guten Start in das neue Jahr! Tanzt nach eurem Rhythmus.

 

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Von Wölfen, Wildschweinen und dem Winterhimmel

Entscheidungen kann man ändern, und man darf sie ändern. Manchmal will man sie ändern, manchmal muss man sie ändern. In bestimmten Situationen, in bestimmten Phasen und bei bestimmten Diagnosen, die weder eine Phase noch eine Situation, sondern ein Urteil fürs Leben darstellen, wird „manchmal“ zu „oft“. Man muss oft Entscheidungen ändern, und man lernt damit umzugehen. Schwierig ist nicht die Tatsache, dass man oft gezwungen wird, Entscheidungen zu ändern; schwierig machen es einem höchstens Leute, die das nicht verstehen oder falsch interpretieren.

Schwierig war für mich auch der Satz, den mir im Frühling jemand sagte: „Du wirkst nicht so, als ob du keine Energie hättest.“ Vielleicht war er ja ganz sachlich gemeint und in dem Fall auch völlig in Ordnung. Vielleicht steckte aber auch ein kleines Anzweifeln der Krankschreibung dahinter, was so falsch und so verletzend wäre, dass mir die Worte fehlen. Und die fehlen mir nur in Ausnahmesituationen… Natürlich wirkte ich bis Ende August nie so, als ob ich keine Energie hätte. 40, 60 und 80 mg Kortison pro Tag putschen auf, sodass man Bäume versetzen könnte. So einfach ist das. So einfach und so schwierig.

Ein weiterer Satz, der angesichts einer chronischen und/oder schweren Erkrankung völlig unangebracht ist: „Wir haben alle unseren Rucksack.“ Wie den oben zitierten habe ich ihn mir bis jetzt nur ein einziges Mal anhören bzw. ihn lesen müssen. Das war eine Mutter aus unserem jetzigen Wohnort. Ich schrieb ihr dann zurück, dass das stimme und eigentlich klar sein dürfte, dass aber nicht „alles gleich schlimm“ sei, ich mich jedoch auf keine Diskussionen einlassen wolle. Daraufhin relativierte sie ihre Aussage ein bisschen und wünschte mir gute Besserung. Die gute Besserung nützt in meinem Fall zwar nicht viel; trotzdem schätzte ich es, dass sie sich immerhin um eine Relativierung bemüht hatte, und bedankte mich bei ihr. Für die gute Besserung… 😉

Ich war ihr danach auch nicht böse oder so, aber ich kann mich wohl auch glücklich schätzen, dass ich solche Sätze verhältnismässig selten zu hören bekomme. Wenn ich Berichte von anderen Betroffenen lese, erschrecken mich deren negative Erfahrungen und Erlebnisse oft sehr. Der Satz mit dem „Rucksack“ kommt nämlich ebenfalls einem Schlag ins Gesicht gleich. Das ist so – das kommt dann wirklich nicht mehr darauf an. Natürlich haben wir alle unsere Geschichten, und ich mag gar nicht daran denken, wie oft ich schon mit anderen mitgelitten habe. Und zwar ehrlich, nicht gespielt. Das liegt mir nämlich gar nicht. Wenn ich mitleide, dann leide ich ehrlich mit; wenn ich mich für jemanden interessiere, interessiere ich mich wirklich für ihn oder sie. Als ich selbst schon krank war, bot ich mehrmals anderen, denen es sicher schlechter ging als mir, meine Hilfe an, und die Angebote waren nicht einfach Worte. Wenn diese Menschen mich in der Nacht angerufen hätten, wäre ich hingegangen und hätte getan, was ich hätte tun können. Zudem half ich immer wieder anderen mit „kleineren“ Problemen. Ich habe das immer gerne gemacht; nicht, weil ich etwas dafür erwarte, sondern weil ich so bin, und ich mache es immer noch gerne, werde es wohl immer gerne machen.

Wenn ich keine Kinder hätte, wäre ich sowieso nicht mehr hier in der Schweiz. Dann wäre ich in einem der Kriegs-, Flüchtlings- oder Armutsgebiete und würde versuchen zu helfen. Menschen oder Tieren oder beiden. Auch das ist mir im vergangenen Jahr klar geworden, ganz klar. Irgendwann konnte und wollte ich mich selbst nicht mehr belügen und mir vormachen, meine Arbeit sei sinnvoll. Nein. Sinnvolle Arbeit in der aktuellen Weltlage sieht anders aus, ganz anders. Ich hätte meine Zelte hier fast abgebrochen. Klar; ich muss selbst ein paar gute Internisten und eventuell Rheumatologen in der Nähe haben, aber das wäre schon gegangen. Ich habe es wegen den Kindern nicht getan; ich hätte es nicht übers Herz gebracht, sie aus allem Vertrauten und Liebgewordenen herauszureissen. Es gibt aber Männer und Frauen, die mit ihrer ganzen Familie wegziehen und sich in einem Gebiet, wo Unterstützung und Hilfe dringend notwendig sind, einsetzen. Es gibt sie, und ihnen gehören meine ganze Bewunderung und Anerkennung.

Das eigentliche Problem mit dem „Rucksack“-Satz liegt viel mehr darin, dass er übersetzt lautet: Mich interessieren deine Sorgen nicht; ich will mich nicht damit auseinandersetzen; du musst nicht meinen, deine Geschichte sei „wichtiger“ als meine/andere. Ein weiteres Problem mit diesem Satz liegt darin, dass es tatsächlich grosse Unterschiede gibt zwischen den vielen Herausforderungen, die das Leben uns stellen kann. Ein Kind zu verlieren, stelle ich mir als eine der grössten, schlimmsten und schwierigsten vor. Oder die Eltern (sehr) jung zu verlieren. Oder jahrelang missbraucht worden zu sein. Oder…, oder…, oder… Die Liste ist lang. Mit chronischen und/oder schweren Krankheiten ist es halt so, dass der Rucksack immer schon ziemlich gefüllt ist und dass die mannigfaltigen zusätzlichen Belastungen des Alltags dazukommen, so quasi darauf gelegt werden, obwohl vielleicht nicht mehr so wirklich viel Platz vorhanden ist. Man steht allem gegenüber in einer schwächeren Position, manchmal extrem, manchmal nur wenig schwächer. Physischen Herausforderungen gegenüber sowieso; seelischen und mentalen aber auch. Auch darum ist der Satz so daneben.

Nun gut; wie schon mehrfach erwähnt kann ich mich mit meinem Umfeld wohl wirklich glücklich schätzen. Gerade vorgestern schrieb mir wieder jemand – auch eine Mutter aus Eglisau, aber eine andere… 😉 – ein paar sehr nette und wohltuende Zeilen. Wohltuend, weil sie versteht, ohne dass ich lange erklären und erzählen muss; wohltuend auch, weil sie schreibt, dass Naila „jederzeit“ zu ihnen zum Spielen kommen dürfe und immer willkommen sei. Danke. Letztlich sind es diese Begegnungen, die zählen. Das weiss ich. Dass die anderen, wenn auch vergleichsweise sehr wenigen, mich zur Zeit wieder mehr beschäftigen und mehr aufwühlen, hat mit meinem Zustand zu tun. Auch das weiss ich. Aber es ist auch „logisch“. Wenn es mir so geht wie jetzt, wo ich – vom gesundheitlichen Aspekt her, nicht von etlichen anderen Aspekten her, zum Glück (!) – wohl ungefähr am gleichen Punkt stehe wie vor genau einem Jahr und zusätzlich mit verschiedenen, teilweise wohl langwierigen Unfall-Folgen kämpfe, kommt „logischerweise“ eine Wut auf diejenigen, die auch nur ein blödes Wort verloren haben, auf. Wut auf Ignoranz, Wut auf Unvermögen, Unreife und Unverständnis, Wut auf Feigheit. Dann frage ich mich jeweils auch, ob ein Mensch Verletzungen, Enttäuschungen und Traumatisierungen überhaupt verarbeiten kann. Ganz verarbeiten, meine ich. Ich meine jetzt viel Schlimmeres, als was ich erlebt habe… Das würde mich interessieren, denn ich bin mir da nicht so sicher… Ich habe das Gefühl, dass man zwar souverän über Erlebtem und über gewissen Verhaltensweisen stehen kann, dass man aber trotzdem in Situationen geraten kann, wo sie einen wieder einholen.

Heute konnte ich wieder nach draussen gehen und fuhr mit Naila in den Tierpark „Bruderhaus“ in der Nähe unseres früheren Wohnortes im Tösstal. Wir hatten grosses Glück und erspähten sogar den Luchs, der sich meistens irgendwo gut getarnt versteckt. Auch Wölfe zählte Naila gleich fünf. Gut, bei denen habe ich immer ein zwiespältiges Gefühl – ich liebe sie und hasse sie. Aber sie können nichts dafür, gar, gar nichts; es ist nur ihr „dummer“ Name. Egal…; Naila war entzückt von ihnen und noch viel mehr entzückt von den Pferden aus der Mongolei. Deren Name in mir keine Assoziationen auslöst, dafür eine konsonanten- und aussprachetechnische Herausforderung ist: Przewalski-Pferde. Am allermeisten erfreuten sie die Wildschweine, aber ich enthalte mich hier jedes Vergleichs (😉). Wir machten gleich zwei Waldspaziergänge. Die Sonne schien wintersilbern durch die dunklen Baumstämme hindurch, samtiges Moos bedeckte Teile des Waldbodens, die Zapfen hingen wie in ewiger Ruhe hoch oben an den Nadelbäumen und noch weiter oben ragten die Baumkronen in den hellblauen Winterhimmel. Ab und zu flog ein Vogel, den es nicht in den Süden gezogen hatte und der also hier überwintert, von einem Ast zum nächsten. Irgendeiner sang sogar, und ich dachte, wie wunderbar die Natur sei. Sogar in dieser Kälte sang der noch so unbeschwert.

Die Stunden im Wald haben gut getan. Nur schade, dass das zum Tierpark gehörige Restaurant geschlossen war; sonst hätte ich noch einen Glühwein trinken können… ☀️ 🍷 ☀️

 

 

 

Von Änderungen…

Übrigens: Entscheidungen kann man ändern. Das machen wir alle tagaus, tagein; viel öfter, als wir uns bewusst sind. In einem Leben mit chronischen Erkrankungen ändert man Entscheidungen noch (viel) schneller. Man wird dazu gezwungen – so gut wie jeden Tag von neuem. Man macht es weder absichtlich, noch ist es geplant und gesteuert; nein, „the only constant in life is change“ gilt für ein Leben mit chronischen Erkrankungen noch (viel) mehr, als dass diese Aussage auf das Leben ohnehin zutrifft. Man weiss am Morgen noch (viel) weniger, wie der Tag wird, als ein gesunder Mensch, und man reitet vor allem in den ersten Jahren nach den Diagnosen auf einer Achterbahn der Gefühle, die zu manchmal auch abrupten Änderungen von Entscheidungen oder Meinungen führen kann. Das ist nicht immer einfach und schon gar nicht lustig, und was man gar nicht braucht, ist Befremden oder gar Unverständnis.

Ich habe in den letzten Tagen auch eine Entscheidung ziemlich abrupt und schnell geändert. Das wird bestimmt nicht das letzte Mal sein; das gehört zu meinem Leben noch mehr, als dass auch alle gesunden Menschen ständig kleinere und immer wieder auch grössere Entscheidungen ändern, ohne viel darüber nachzudenken. Dieses Mal hatte ich darüber nachgedacht und es bewusst gemacht. Vielleicht hatte ich zu viel Zeit zum Nachdenken, weil ich zwei Tage im Bett bleiben musste. Eigentlich vier, aber aus im letzten Beitrag erläuterten Gründen dann eben nur zwei. Wenn ich vier Tage im Bett gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht wieder umentschieden – wer weiss? Ich weiss es nicht, und ich weiss auch nicht, ob meine Entscheidung mittel- und längerfristig eine gute war. Doch ich glaube und hoffe es.

Ja, vielleicht hatte ich zu viel Zeit zum Nachdenken. Ich denke auch sonst ständig über etwas nach; manchmal wird es mir selbst zu viel, und ich würde das Nachdenken gerne abstellen. Aber das geht nicht. Taieb ist auch so, und wenn wir zusammen sind, sprudeln die Gedanken. Ich freue mich darauf, wenn er älter ist und wir zusammen diskutieren können. Das wird endlos…, ist es jetzt manchmal schon. Es kann auch anstrengend werden und eine Pause notwendig machen; dies spürt Taieb noch nicht so, was ja auch wieder etwas Wunderbares hat. In den ungezählten schlaflosen Nächten habe ich auch immer viel nachgedacht; vielleicht hat sich auch darum viel angestaut und das Bedürfnis nach dem Blog noch vergrössert. Die ebenfalls im letzten Beitrag erwähnten Kortisoninfusionen werden normalerweise am Morgen verabreicht. Damit man eben schlafen kann oder zumindest eine Chance hat, schlafen zu können. Denn das körpereigene Cortisol, das die Nebennieren produzieren, wird auch hauptsächlich am Morgen ausgeschüttet. Ich habe mich immer bemüht, die Kortisontabletten so früh am Morgen wie möglich zu nehmen, aber es hat leider nichts genützt. Ich konnte nicht schlafen; auch dann nicht, wenn ich sie um 6 Uhr morgens nahm.

Dass ich im letzten Januar ein paar Infusionen am Abend erhielt, hatte damit zu tun, dass ich ja weiterhin arbeiten und an den drei Arbeitstagen um 6.15 Uhr aus dem Haus ging. Infusionen sind oft eine sogenannte Stosstherapie, das heisst, über eine möglichst kurze Zeit wird eine möglichst hohe Dosis verabreicht, um die Entzündungen im akuten Schub zuerst einmal möglichst schnell zurückzudrängen und dann in Ruhe weiterzuüberlegen. Feuerwehrübungen. Um das Semester zu beenden, liess ich sie also ein paarmal am Abend über mich ergehen, womit auch die kleinste Chance auf ein paar wenige Stunden Schlaf vertan war. Das war nicht einmal so schlimm; ich spürte, dass mir eine langwierige und schwierige Sache bevorstand; ich wusste, dass ich Ende Monat die Krankschreibung kein zweites Mal würde ausschlagen können. Sonst hätte ich mich geradeso gut in den Rhein stürzen können.

Mit acht Monaten hatte ich – wie auch schon erwähnt – jedoch nicht gerechnet, mit vier zusätzlichen und sehr schwierigen Monaten an Nachwirkungen ebenfalls nicht, und mit einem Unfall, kaum scheint ein gewisser Rhythmus sich langsam wieder einzupendeln, schon gar nicht. Ich hatte im September bei der Nerven-und Venenprellung am linken Arm ein bisschen Angst, dass sie gleich wieder einen Krankheitsschub auslösen könnte. Es war nur eine kleine Angst aufgrund einer ebenfalls kleinen Verletzung. Ich hatte nach dem Unfall am 14. Dezember natürlich sofort Angst, dass der Stress, der Schrecken, der Schock etwas auslösen könnten. Das war dann keine kleine Angst mehr, sondern eine grössere; so, wie auch die Verletzungen und wiederum deren Folgen grössere sind, und es sieht ganz danach aus, dass diese Angst sich als nicht unbegründet erweisen wird. Aber lassen wir das mal noch; ich mag auch noch gar nicht darüber schreiben und warte einmal ab, was mein Hauptfacharzt am 16. Januar zu der unseligen Geschichte sagen wird. Vielleicht habe ich auch darum eine Entscheidung geändert – keine Ahnung…

Die beiden Tagen im Bett hatten noch etwas „Gutes“; ich konnte meine Hände und vor allem meinen rechten Arm frei haben; die Verbände sind auf Dauer zwar nützlich, aber auch eher unangenehm, vor allem weil die Haut darunter reagiert und ich es manchmal kaum aushalte. Die linke Hand hat sich sowieso erholt; nur kann ich mit der leider nicht so viel machen…; aber besser als zuvor ist es allemal. Taieb findet es immer noch schade, dass ich mich nicht für rote und blaue Verbände entschieden hatte (😉). Ich hoffe, dass die rechte Hand und der rechte Arm sich auch bald erholen; jedenfalls scheinen die beiden Tage im Bett auch diesbezüglich ganz nützlich gewesen zu sein. Bei den Rücken- und Kopfschmerzen habe ich kein gutes Gefühl; sie werden nun durch die Schmerzmittel zwar mehr oder weniger überdeckt, aber vor allem die Rückenschmerzen sind von der Art und der Intensität her so, dass ich wie gesagt kein gutes Gefühl habe. Ins Thermalbad nach Zurzach kann ich wegen des Fiebers doch noch nicht diese, sondern erst nächste Woche gehen – voraussichtlich.

Den Blog habe ich begonnen, um offen und ehrlich aus dem Leben mit chronischen Krankheiten zu berichten. Oft schwierig, oft glücklich. Zur Zeit habe ich nicht so viel Abwechslung wie gewohnt, und die Texte sind daher auch weniger abwechslungsreich. Das ist Realität, und diese soll im Blog vermittelt werden. Scheinwelten und beschönigende „wir sind alle hübsch, zufrieden und erfolgreich“-Darstellungen haben wir heutzutage ja mehr als genug. Von ihnen distanziere ich mich absichtlich und bewusst. Ich habe sie nicht nötig; ich kann mit der Realität umgehen und liebe das wahre Leben mit all seinen wunderschönen und all seinen prüfenden Facetten. Ich stelle mich den Herausforderungen und muss weder mir noch anderen etwas vormachen. Einfach ist dies nicht, aber wahrhaftig und intensiv. Alleine würde ich es auch nicht packen; darum habe ich mich zu Weihnachten bei zahlreichen Menschen bedankt. In einem Brief an verschiedene Personen und dann auch noch in ein paar Einzelschreiben an Personen, die ich vergessen hatte. Der Brief hat offenbar auch anderen, die es gerade nicht einfach haben, geholfen, was mich besonders gefreut hat. Denjenigen habe ich wiederum geantwortet, dass ich jederzeit für sie da sei – zum Reden, Zuhören und wenn möglich Helfen.

Auf Ulm, den Weihnachtszirkus und vor allem auf Tanja freue ich mich. In den Stunden, in denen sie arbeitet, werde ich jedoch wohl kaum die Stadt anschauen, sondern versuchen zu schlafen und mich ein bisschen zu erholen. Mit Taieb, der dann auch schlafen, lesen, malen, spielen – oder nachdenken – kann…

No idea…

Die Weihnachtstage sind vorüber, und ich hoffe, dass insbesondere die Menschen, denen ich mich aus unterschiedlichen Gründen besonders verbunden fühle, schöne, frohe und erholsame Tage verbringen konnten. Ich hoffe es für alle Menschen, die im Herzen gut sind und niemandem absichtlich Unrecht tun. Auch wünsche ich all denen und insbesondere allen, die mir das vergangene Jahr leichter und glücklicher gemacht haben, für das kommende Jahr viele glückliche, frohe und erfüllende Stunden, Tage und Wochen.

An das vergangene Jahr werde ich vielleicht noch einen Abschiedsbrief schreiben. Keinen idealistischen oder fast schon naiven im Sinne von „im nächsten Jahr wird alles besser“, sondern einen realistischen im Sinne von „ich gehe den eingeschlagenen Weg weiter und werde die Lehrstücke des vergangenen Jahres so konsequent wie möglich leben“. Diese Weihnachten war zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre ein Arzt bei uns zu Hause. Vor vier Jahren bereits, letztes Jahr und dieses Jahr also wieder. Das ist schon öfters vorgekommen; ich meine hier einmal „nur“ die Weihnachtstage. Der Grund war jedes Mal der gleiche: Ich konnte nicht mehr zum Arzt gehen; also kam einer zu uns nach Hause. Vor vier Jahren noch an unserem früheren Wohnort im Tösstal, letztes und dieses Jahr in Eglisau. Vor vier Jahren hatte mich eine zwar unangenehme, aber an sich harmlose Grippe völlig ausser Gefecht gesetzt, und ich war insgesamt sechs Wochen lang krank. Zwei Wochen in den Ferien und danach weitere vier, in denen ich jedoch arbeiten ging, da die ansteckende Phase vorüber war. Jedenfalls glaubte ich das dazumals; heute weiss ich, dass die Frage, wie lange jemand andere anstecken kann, umstritten ist. Dass ich so lange krank war, hatte mit der (kortisonbedingten) erhöhten Anfälligkeit und der allgemeinen Schwächung, die durch chronische Krankheiten immer gegeben ist, zu tun. Für mich war es damals noch ziemlich neu, und ich dachte, ich würde sterben.

Letztes Jahr kam es soweit, weil die schwere „meiner“ drei Autoimmunerkrankungen wieder ausgebrochen war und ich es wohl nicht wahrhaben wollte. „Sie sind krank.“, hatte meine Hausärztin nicht laut, aber eindringlich zu mir gesagt und mich krankschreiben wollen. Das war zwischen Weihnachten und Neujahr; ich traue mich (noch) gar nicht richtig, mich an diese Zeit zu erinnern. Genau ein Jahr her, aber sie ist mir noch viel zu nahe und geht mir noch viel zu nahe. Sie läuft in den jetzigen Dezember, in die jetzige Weihnachtszeit hinein; ich kann sie (noch) nicht als Einheit empfinden, schon gar nicht als eine beendete Einheit. Viel zu viel hängt (noch) mit ihr zusammen, viel zu sehr bereue ich noch, dass ich gewisse Vorwürfe, Lappalien und Banalitäten nicht mit den wenigen Sätzen, mit denen Selena Gomez einmal „alles“ auf den Punkt brachte, konterte: „You guys have no idea. I’m in chemotherapy. You’re assholes.“ Nein, die Energie dazu hatte ich damals nicht, den Mut auch noch nicht. Aber jetzt habe ich ihn. Es ging vor allem um zwei Schülerinnen, die fanden, sie hätten das Aufsatzschreiben bei mir nicht gelernt. Das stimmt wohl sogar. Schreiben lernen kann man nämlich nicht. Man kann es oder man kann es nicht. Wenn man es nicht kann, lässt man es lieber bleiben. Dann würden die Buchhandlungen sich nicht mit so viel Schund anfüllen…

Gleichzeitig erhielt ich einen (zusätzlichen) Arbeitsauftrag, über den ich schon seit längerem hätte informiert sein sollen, aber nicht informiert war. Ich hatte dann wenigstens den Mut zu schreiben, dass ich davon nichts gewusst hätte, der Auftrag (viel) zu kurzfristig komme und ich krank sei. Eines der Hauptprobleme ist allerdings, dass Kranksein von den meisten Leuten im „traditionellen Sinn“ verstanden wird; leider sogar von denjenigen, denen man zu viel anvertraut und zu viel erklärt hat. Sie verstehen nicht, was es bedeutet, im „nicht traditionellen Sinn“ krank zu sein, so richtig krank, so richtig besch… krank, dass man auf dem Bettrand sitzt und weint, weil dieser Auftrag das allerletzte war, was einem noch gefehlt hat, und weil man sich einen Tag zuvor fast mit der Hausärztin gestritten und die Krankschreibung ausgeschlagen hatte, um das Semester zu beenden. Was genau zum letztjährigen Hausbesuch des Arztes geführt hatte, kann ich nicht einmal mehr sagen; irgendwann und aus irgendeinem Grund konnte ich nicht mehr aufstehen und auch kaum noch sprechen. Vielleicht war dieser Auftrag der Auslöser gewesen, vielleicht waren die beiden Schülerinnen aus einer der Gemeinden um Winterthur, die überdurchschnittlich viele verwöhnte Kinder und unselbständige Jugendliche hervorzubringen scheinen, der Auslöser gewesen.

Der Chemotherapie-Satz würde deren Eltern übrigens null Eindruck machen. Kortisoninfusionen jedenfalls machten ihnen null Eindruck, als es anfangs Januar darum ging, dass ich abends nach 17 Uhr ihr weltbewegendes Anliegen nicht mehr hätte diskutieren können und dürfen. Sie hielten mich bis fast 19 Uhr hin; das berührte sie nicht im geringsten. Für die Infusion war es dann zu spät. Für mich. Ihre Welt drehte sich weiterhin um sie selbst; gleichzeitig wurde DIE Welt mit erschütternden Bildern aus Syrien und anderen Kriegsgebieten eingedeckt. Bilder von Staub, Elend und Blut. Ich hatte sie immer vor Augen, diese Bilder von Kindern, die kein einziges Schulheft mehr hatten und in Staub und Trümmern nach letzten, verschlissenen Habseligkeiten suchten. Dann Bilder vom Innern meines Körpers. Auch ich hatte Blutungen – innere. Egal. Alles egal. Hauptsache Töchterchen und Noten und Prüfungen. Nein, der Chemotherapie-Satz würde ihnen null Eindruck machen. Ob das schöne A-Wort ihnen Eindruck gemacht hätte, kann ich leider nicht beurteilen, da ich sie nicht so betitelt hatte. An dieser Stelle sei es nachgeholt.

Na ja, und dieses Jahr kam einfach zu viel zusammen: noch überhaupt nicht erholt von dem Krankeitsschub, der die einstmalige Prognose eines milden Verlaufs zuerst einmal gründlich über den Haufen geworfen hatte, die Erkältung, der gegenüber ich alles andere als gewappnet war, und vor allem der Treppensturz, der zu äusseren und inneren Verletzungen geführt hat, deren Folgen gegenüber ich ebenfalls nicht gewappnet bin. Das wohl „Gute“ daran ist, dass der Arzt mich überzeugen konnte, Schmerzmittel zu nehmen; diejenigen, die ich nehmen darf. Er hat schon recht: Wenn ich zwei Geburten und den letzten – notabene langen und heftigen – Krankheitsschub ohne Schmerzmittel durchgestanden habe, kann ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch alle kommenden ohne Schmerzmittel durchstehen. Da nicht davon auszugehen ist, dass Unfälle nun in Serie passieren, und da ich ja irgendwie liegen und schlafen muss, ist diese Lösung sicher schon die richtige. Jedenfalls geht es mir so besser, und ich nehme nur so viel, dass ich liegen kann. Die Rückenschmerzen spüre ich trotzdem noch; dort, wo die Metallkante der Treppe sich hineingebohrt hat, sind sie auch mit Schmerzmitteln noch recht stark. Auf dem Bauch konnte ich dann eben auch nicht mehr liegen, weil die Entzündungen des Rippen- und Brustfells noch nicht zurückgegangen sind. Beengend und beängstigend und für das Fieber, das mich gestern und vorgestern endgültig flach legte, verantwortlich.

Zwei Tage Bettruhe und zwei weitere zu Hause sind ja an sich ganz gut in einer solchen Situation. Nur komme ich schon fast in ein nächstes Dilemma, denn Bewegung ist wichtig. Für alle Menschen. Für Menschen, die bestimmte Krankheiten haben, umso mehr. Ich habe schon einmal geschrieben, dass mir die Gelenke im Liegen oft weh tun, in Bewegung jedoch (viel) weniger. Zudem bekomme ich Probleme mit den Gefässen, wenn ich (zu) lange liege, vor allem in den Beinen. Man sieht davon überhaupt nichts, aber sie tun weh, wenn ich (zu) lange liege. Auch diese Probleme gehen meistens sofort weg, wenn ich mich bewege, und auch darum kann Bettruhe eben auch einen gefährlichen Aspekt beinhalten. Darum zwei statt vier Tage, die eigentlich angebracht gewesen wären. Wie auch immer haben die beiden Tage gut getan, und ich setze „alles“ daran, dass ich am Freitag nach Ulm fahren und Tanja besuchen kann. Im Zug kann ich aufstehen, wann und so oft ich muss. Da sie mir vom Weihnachtszirkus geschrieben hatte, beschloss ich, Taieb mitzunehmen – und mich so oder so mit Schmerzmitteln einzudecken. Es geht immer auch um Lebensqualität, die beste Medizin überhaupt. Leute, die das nicht verstehen, könnten einem jeweils genauso gut einen Schlag ins Gesicht geben. Das käme auf das Gleiche heraus. Gewalt liegt in vielem; längst nicht nur in Schlägen. Auch zu diesem Thema würde das Zitat von oben noch einmal zutreffen.

Für Naila habe ich dafür eine Karte für „Salto Natale“, in den sie ebenfalls am Freitag mit meiner Mutter gehen darf. Somit dürfte Gerechtigkeit gewährleistet sein; die momentan wieder einmal vorherrschende Eifersucht macht diese besonders notwendig. Wer hat eine Kerze mehr anzünden dürfen? Wer hat eine mehr ausblasen dürfen? Wer hat mehr Spitzbuben gegessen? Wer hat das grössere Stück Weihnachtsgugelhopf auf dem Teller? Wer hat den Zopfteig länger kneten dürfen? Riesendramen in kindlichen Welten… 😉

Die Chancen des Lebens

Menschen vergessen schnell. Anschläge, Krieg, Erdbeben, Überschwemmungen, Unfälle, …, … Nur die Betroffenen vergessen nie, und sie fürchten sich am meisten vor dem Vergessen der anderen. Ich erinnere mich, dass auch Victors Mutter das einmal geschrieben hat, und ich kann mich gut in sie einfühlen. Ich glaube, dass ich das sowieso gekonnt hätte; ich glaube nicht nur, ich bin sicher. Die eigenen Erfahrungen, wie schnell Unbetroffene vergessen und wie ohnmächtig, wie weit weg von denen, die vergessen können, ich mich jeweils fühl(t)e, haben dieses Einfühlungsvermögen wohl noch verstärkt.

Ob ich diesen Unfall je werde vergessen können, bezweifle ich. Heute war der schlimmste Tag, seit ich gestürzt bin, und wenn es so weitergeht, werde ich morgen das Spital Bülach aufsuchen. Vielleicht müssen die Röntgenbilder noch einmal angeschaut werden; ich kann mir nicht vorstellen, woher solche Rückenschmerzen kommen sollten, wenn mit der Wirbelsäule alles in Ordnung ist. Vielleicht sind die inneren Verletzungen so schmerzhaft; damit habe ich wenig Erfahrung. Also eigentlich gar keine. Ich hatte noch nie einen Unfall mit Folgen. Aber das Jahr 2016 liefert alles: einen Krankheitsschub, der die bisher gehabten sowohl von der Dauer als auch von der Heftigkeit her um ein Vielfaches übertrifft, Neben- und vor allem Nachwirkungen von Medikamenten in einem Ausmass, das ich mir nie hätte vorstellen können, und zum krönenden Abschluss zum ersten Mal im Leben einen Unfall, der zwar noch viel schlimmer, aber auch viel glimpflicher hätte ausgehen können.

Taieb und Naila erwachten um 1.30 Uhr in der Nacht und riefen hinunter, ob es schon fünf Uhr sei. Das Gleiche wiederholte sich eine Stunde später. Als es dann tatsächlich fünf Uhr war, schliefen sie tief, waren aber sofort auf den Beinen, da sie sich unbändig auf den Schulsilvester, wie wir den letzten Tag vor den Weihnachtsferien nennen, freuten. Um 6 Uhr mussten sie in der Schule sein; die älteren Kinder bereits um 5.30 Uhr. Jede Klasse hatte ihr Zimmer einem Thema gemäss in einen anderen Raum verwandelt: ein Restaurant, ein Schminkstudio, ein Fitness-Studio, eine Geisterbahn, …, … Die Vorfreude war gross, und die Begeisterung, als sie zwischen 10 und 10.30 Uhr nach Hause kamen, genauso. Wir assen und tranken etwas zusammen, und dann hatten sie schon wieder ihr eigenes Programm: Naila ging zu ihrer Freundin Anouk und Taieb natürlich zu Yannik. Rahel und Pia haben mir auch in den letzten Tagen wieder geholfen, und ich wüsste nicht, was ich ohne ihre ehrliche und uneigennützige Hilfsbereitschaft machen würde.

Ich fuhr nach Wallisellen, weil ich Geschenke für die Kinder besorgen und einer Freundin ein kleines Geschenk in den Briefkasten legen wollte. Ich bin froh, dass ich alles geschafft habe; sicher war ich nie, keine Minute. Ich habe immer noch Fieber, ich friere – auch im Haus, wo es warm ist – die Rückenschmerzen waren stark und ich bin mir den Umgang mit ihnen nicht gewohnt; zudem bin ich mir fast sicher, dass die Sorge, der Unfall könnte gleich wieder einen Krankheitsschub auslösen, alles andere als unbegründet war. Es war ja sowieso nicht so klar, wie es mit den inneren Organen aussieht; die Blutwerte waren zwar gut, sind aber eben beschränkt aussagekräftig. Den Untersuch, den ich diese Woche gehabt hätte, haben wir in gegenseitigem Einverständnis auf den Januar verschoben, auf den 16., wenn „mein“ Facharzt aus den Ferien zurück ist. Es macht mit allem, was gerade ist, schlicht keinen Sinn. Beim Einkaufen hatte ich die ganze Zeit Angst, jemand würde an mich herankommen; insbesondere die Vorstellung, jemand könnte mir in den Rücken hineinlaufen – es hatte viele Leute… (!) – war mir ein Graus. Auf einmal dachte ich, dass alte Menschen sich oft so fühlen müssen. So angreifbar, so verletzlich, so schutzlos, so ausgeliefert. Schlimm… Ich habe mir vorgenommen, ab sofort mehr darauf zu achten und mehr Rücksicht zu nehmen.

Ich bin froh, dass ich es geschafft habe. Ich möchte einfach, dass die Kinder schöne und frohe Weihnachten haben. Wenn es mir morgen nicht besser geht und ich ins Spital muss – ambulant, meine und hoffe ich – dann sorgen mein Mann und meine Mutter schon dafür, dass sonst „alles“ läuft. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber da im Alter unserer Kinder das Geschenkeauspacken einem Grossereignis gleichkommt, war es mir wichtig, dass ich das, was ich geplant hatte, auch parat habe. Zum Glück besorgte ich die Spielwaren in einem Geschäft, wo sie einen „Päckliservice“ anbieten. Ich hätte sie selber nicht verpacken können. Wobei ich zugeben muss, dass ich das auch sonst nicht gut kann. Mit den Händen bin ich nicht geschickt; und jetzt geht es schon gar nicht. Kochen geht natürlich auch nicht, aber das ist auch nicht so schlimm; auch das können meine Mutter und mein Mann gut. Trotzdem freue ich mich darauf, wenn ich auch wieder kochen und anderes als Teigwaren mit Pesto oder Tomatensauce auftischen kann.

Wenn es mir so geht wie jetzt, kommen mir auch gewisse Leute und ihr Verhalten wieder eher in den Sinn. Doch ich stelle fest, dass die unguten Gefühle ihnen gegenüber zwar wieder aufkommen, mich aber kaum noch berühren. Gutheissen würde ich unreifes und verletzendes Verhalten nie; beschönigen auch nicht. Nein, ich nenne es nach wie vor beim Namen. Doch es berührt mich kaum noch; die Entfernung zu solchem Verhalten ist wohl noch grösser geworden, als sie sowieso schon war. Gestern unterhielt ich mich mit einer Bekannten aus Eglisau über solche Erfahrungen. Sie sagte etwas, was ich spannend fand und unterschreiben kann: Wer mit den schwierigen Seiten des Lebens, mit seiner Unberechenbarkeit und mit Leiden anderer Menschen nicht umgehen kann und diese Chancen, die das Leben bietet, um menschlich reifer zu werden, nicht erkennen oder nicht annehmen kann, verhält sich auf eine unbegreifliche, unverständliche Weise, die nicht zu verzeihen ist. Weil das Leben selbst diese Chancen bietet – sei es im eigenen Schicksal oder im Schicksal anderer Menschen. Wenn jemand diese Chancen des Lebens ausschlägt, stimmt mit dieser Person so Grundlegendes nicht, dass sie einem nie gut tun kann. Auch in guten Zeiten nicht. Wer nur über Gutes und Schönes reden kann, hat das Leben nicht verstanden. So viel Unreife und so viel Unvermögen sind in keinem Fall verzeihlich; jemanden im Stich zu lassen, weil das eigene Lebenskonzept die meisten Facetten des Lebens ausblendet, ist unentschuldbar. Und letzlich ist es egal: Solches Verhalten zeigt leider vor allem eines: persönliche Schwäche. Darum berührt es mich je länger, je weniger. Nicht einmal jetzt, wo ich allen Grund dazu hätte.

Vielmehr freue ich mich darüber, dass ich den Brief, in dem es um Dank und Anerkennung, die von Herzen kommen, und um eine Art Aussöhnung mit dem vergangenen Jahr geht, geschrieben und einen grösseren Teil der Menschen, die mir wichtig sind, erwähnt und ihnen den Brief geschickt bzw. gegeben habe. Dass die meisten ein kleines Geschenk dazu bekommen haben und diejenigen, die im Ausland wohnen, es beim nächsten Treffen bekommen werden. Dass meine Freundin aus Wallisellen mir soeben geschrieben und sich über mein Geschenk gefreut hat. Auch sie hat eine Autoimmunerkrankung… Falls ich im Verlaufe des Januars wieder länger sitzen kann, gehen wir zusammen ins Schauspielhaus, um „Homo Faber“ zu schauen. Max Frisch wird für mich immer ein Vorbild bleiben. Seinen Mut hätte unsere Gesellschaft dringend nötig. Auch er hatte Angst vor dem Vergessen; vor dem eigenen Vergessen, dem Gedächtnisverlust. Angst vor dem Vergessen hat auch der alt gewordene Soldat im Lied „The soldier“ von CdeB, und seine grösste Bitte an die Nachwelt ist es, sich an ihn zu erinnern:

„When I make that final journey, I will turn my face to the sea. In this world of changes, please remember me. In this world of changes, please remember me.“

 

Das schnelle Vergessen

Menschen vergessen schnell. Ein Riesenaufschrei nach dem Anschlag in Berlin, und sogleich steht wieder anderes im Vordergrund. Das Gleiche spielt sich jedes Mal ab, sei es Paris oder Nizza, München oder Berlin. Ein Riesenaufschrei, wenig konkrete Hilfe und zurück in den eigenen Alltag. Das hat natürlich auch seinen Sinn; wir können uns ja unmöglich dauerhaft mit dem Leiden überall auseinandersetzen. Und doch finde ich es ein auffälliges Verhalten, das mir nicht wirklich behagt. Das hat sicher auch – aber nicht nur – damit zu tun, dass ich weiss, wie schlimm es sein kann, wenn Menschen gleich wieder vergessen, und wie ohnmächtig man sich demgegenüber fühlen kann. Ohnmächtig, ausgeliefert und alleine in einer Welt, wo vergessen nicht funktioniert. Natürlich nicht wirklich alleine; viele Menschen sind von Schicksalsschlägen oder chronischen und/oder schweren Krankheiten betroffen, die ein Vergessen ausschliessen. Aber in den Momenten und Situationen, wo man damit konfrontiert wird, wie schnell manche Unbetroffene vergessen, fühlt man sich alleine.

Vergessen kann man die Diagnose einer schweren chronischen Erkrankung nicht. Man wird viel zu oft und viel zu heftig daran erinnert. Vergessen kann man sicher auch eine Krebsdiagnose nie. Auch dann nicht, wenn man den Krebs besiegt, auch zehn, zwanzig, dreissig Jahre später nicht. Spuren bleiben für immer. Da bin ich mir sicher. Und ich habe jetzt auch gerade das Bedürfnis zu wiederholen, was ich ziemlich am Anfang meines Blogs einmal geschrieben habe: Wenn der Medizin im nächsten Jahr, das bald beginnt, ein Supercoup gelingen sollte, dann wünsche ich ihn mir für alle Krebspatienten und -patientinnen. Für alle betroffenen Kinder zuallererst; Krebs bei Kindern entwickelt eine andere Dynamik als bei Erwachsenen, wächst schneller und ist aggressiver. Daran habe ich auch heute wieder gedacht, als ich sechs Briefe zur Post brachte; in zwei Umschlägen steckt auch das kleine Buch, das in Victors Andenken geschrieben und gemalt wurde. Ich habe es am Samstag schon jemandem geschickt, weil es gut passt zu dem, was sie mir von ihrer täglichen Arbeit geschrieben hatte. Zudem hat sie mir von einem Lied geschrieben, bei dem sie immer an mich denkt: „Wenn sie tanzt“ von Max Giesinger. Das hat mich sehr gefreut und berührt, und ich möchte Katrin an dieser Stelle noch einmal für die offenen, ehrlichen und ermutigenden Zeilen danken. Ich finde solche Überraschungen immer sehr stark.

Das Lied kannte ich zuvor nicht, den Sänger auch nicht. Aber es hat mich sofort angesprochen, auch das Video dazu; sehr schön, sehr ehrlich. Ich habe mir geschworen, das Tanzen nachzuholen, wenn es wieder geht. Das wird noch eine Weile dauern, aber ich werde es nachholen. Momentan bin ich froh, wenn ich überhaupt noch liegen kann, denn auf dem Bauch tut es nun auch langsam weh; ich vermute, die durch die Verletzungen entstandenen Entzündungen des Brust- und Rippenfells reagieren nun darauf, dass ich auf dem Bauch schlafen muss, weil die Rückenschmerzen noch viel zu stark sind, um überhaupt daran denken zu können, auf dem Rücken zu schlafen. Die Seiten sind wegen der Schulterprellungen ebenfalls keine Option. Falls ich auf dem Bauch nun auch nicht mehr liegen kann, wird die Schmerzmittel-Frage sich erübrigen. Dann bin ich aus dem Dilemma raus. Aber nur praktisch. In meinem Kopf besteht es weiterhin, da ich „alles“ daran setze, keine nehmen zu müssen. Dafür gehe ich regelmässig an die Grenzen und darüber hinaus, so auch jetzt wieder. Ob das „gut“ ist, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich nicht wahllos zu Schmerzmitteln greifen darf und gewisse Wirkstoffe vermeiden muss, und ich weiss, dass ich so wenig wie möglich zusätzliche Belastungen auf meine Organe loslassen möchte. Ich weiss, dass es für mich eine Art „Versagen“ wäre, wenn ich Schmerzmittel nähme. Das ist nicht rational, natürlich nicht; das bin ich, vielleicht eine Spur zu stur. Aber hinter der Sturheit stecken Angst und Vernunft. Also doch rational. Ratio bedeutet Vernunft, Verstand. Mein Gedächtnis hat in der schwierigen Zeit gelitten, aber die Lateinwörter kann ich alle noch… 😉

Heute Morgen lag ich flach, vom Mittag an ging es dann besser, und ich bin glücklich, dass ich die erwähnten sechs Briefe zur Post bringen konnte. Solange das Fieber unter 39 Grad bleibt, gehe ich nicht zum Arzt. Vielleicht auch eine Spur zu stur, aber ich mag momentan nicht schon wieder zu einem Arzt oder einer Ärztin gehen. Ich versuche, es mit pflanzlichen Wirkstoffen zu senken, was wohl sowieso besser ist. Wenn es nämlich bleibt, muss ich es dann trotzdem ernst nehmen, denn es hat allem Anschein nach mit den Folgen der Verletzungen zu tun und ist eventuell nicht ganz harmlos. Das weiss ich schon…; darum habe ich mir auch die Limite mit den 39 Grad gesetzt. Das schnelle Vergessen ist auch in Bezug auf einen Unfall vermutlich oft ein leidiges Thema. Wenn er passiert, ist er für kurze Zeit das Hauptthema; danach geht „alles“ weiter wie zuvor. Ausser für die Betroffenen. Für mich ist es heute kein bisschen besser als vor einer Woche, als auch die Erleichterung darüber, dass ich mich bewegen kann, wohl noch einiges überdeckte. Diese ist immer noch hier; sie steht nach wie vor an erster Stelle und wird für immer an erster Stelle stehen. Aber für mich geht die Geschichte weiter; ich vermute noch ziemlich lange. Ich kenne meinen Körper sehr gut: Zehn Jahre Taj Ji, zwei Schwangerschaften und zwei natürliche Geburten sowie die drei Erkrankungen, vor allem die eine, haben mich sehr viel über ihn gelehrt. Ich kenne ihn sehr gut und spüre, dass diese Verletzungen und ihre Folgeerscheinungen nicht solche sind, die nach ein paar Tagen wieder verschwunden sind. Nein, vergessen funktioniert nicht – ein weiteres Mal nicht.

Am Dienstagnachmittag sagte ich Sandra die Diagnose derjenigen Erkrankung, die als schwere gilt und die mich am meisten auf Trab hält. Völlig ungeplant und völlig unerwartet. Danach war ich selbst überrascht. Rückgängig zu machen, gab es nichts mehr, aber ich hätte es auch gar nicht gewollt. Es war gut so. Gestern schrieb ich sie dann einer ehemaligen Arbeitskollegin und jetzigen Freundin. Das heisst, ich hatte unseren Kontakt nie über den Arbeitsplatz definiert, und sie offenbar auch nicht. Ich finde es ehrlich gesagt traurig – für diejenigen, die es tun (müssen) – wenn Menschen sich über die Arbeit und den Arbeitsplatz definieren und ihre Identität vor allem darin sehen. Das kommt mir wie eine Flucht vor, eine ständige Flucht vor dem, was ist; vor dem, was nicht ist; vor dem, was sein könnte; vor dem, was wäre, wenn… Ich schrieb sie ihr also, und das war auch gut so. Ich habe mir vorgenommen, sie den Menschen, zu denen ich Vertrauen habe, bekannt zu geben. Für den Blog kommt mir Google in die Quere; im Internet steht viel Interessantes und Korrektes, aber leider auch viel Falsches und Banales. Zu so gut wie jedem Thema. Das ist der grosse Nachteil des Internets: dass jeder Schrott ungefiltert durchgeht. Darum lasse ich es zumindest vorerst einmal sicher bleiben. Diese Erkrankung manifestiert sich sowieso ganz unterschiedlich von Person zu Person, und ich berichte ja ziemlich offen über meine Erlebnisse und Erfahrungen. Die Begleitungen der Sprachaufenthalte 2013 und 2014 geben auch noch ein bisschen was her… Und der Rückflug von Heraklion im Mai und der Zusammenbruch in einer Kirche in Heraklion…

Abgesehen davon waren diese Ferien aber wunderschön, und ich erinnere mich sehr gerne an sie zurück. Darum wählte ich gestern schon und auch heute wieder Fotos von Kreta als Beitragsbilder.

Und jetzt muss ich aufhören, weil mir heiss ist und ich sonst auch noch Schrott hierhin schreibe… 😉

 

Unsere nördlichen Nachbarn

Dies wird mein 91. Text. Beim 71. schrieb ich, dass ich einmal alle durchlesen, vielleicht ganz leicht überarbeiten, vor allem aber mir einen Überblick verschaffen möchte. Dazu bin ich leider noch nicht gekommen und hoffe, dass ich es in den Ferien endlich machen kann. Wobei die Sache nun schwieriger geworden ist, da ich ja nicht lange sitzen kann. Aber ja, vielleicht ein Text, zwei bis drei Minuten stehen, wieder ein Text, zwei bis drei Minuten stehen und so weiter. Irgendwann werde ich es dann auch geschafft haben. Bis Ende Jahr möchte ich 100 Texte geschrieben haben, und spätestens dann will ich sie unbedingt einmal durchlesen.

Sitzen ist schwierig, Zug und Auto fahren sind schwierig, liegen kann ich nur auf dem Bauch, und Dinge, die sonst fast unbewusst geschehen, tun plötzlich weh. Wenn ich besagte Treppe hinuntersteige, überkommt mich eine Angst, die Anspannung, Enge und eine Art Unsicherheit auslöst. Wir haben einen Handlauf auf der Aussenseite, und wir haben gerade Stangen auf der Innenseite, die vom 2. Obergeschoss bis ins Erdgeschoss verlaufen. Bei den letzten fünf oder sechs Stufen der Treppe vom 1. Obergeschoss ins Erdgeschoss halte ich mich immer fest. Auf beiden Seiten. Ja, der Schrecken sitzt tief; das hätte ich nicht erwartet und hoffe, dass Frau Richter da etwas ausrichten kann. Aber vorerst müssen die Schmerzen zurückgehen; nächste Woche sollte ich zum ersten Mal ins Thermalbad Zurzach fahren können. Zum ersten Mal im therapeutischen Sinne, meine ich.

Die Kinder sind natürlich zu jung, um wirklich Rücksicht nehmen zu können. Das heisst, sie geben sich alle Mühe, vor allem Naila, aber ihre Impulse sind natürlich stärker. Naila hängte sich an meinen Arm, zum Glück wenigstens an den linken, und Taieb fuhr mit dem Trottinett an mir vorbei und wollte mich mitziehen, zum Glück ebenfalls an der linken Hand. Trotzdem tat es weh… Es ist noch interessant, dass die rechte Seite äusserlich deutlich mehr betroffen ist, die betroffenen inneren Organe  aber links liegen. Das hat mich erstaunt. Der Arzt schaute am Montag zuerst die rechte Seite an mit dem Ultraschallgerät, und ich war schon erleichtert, dass er nichts Auffälliges entdecken konnte. Ich ging davon aus, dass dann links sowieso nichts sei, was sich leider als falsch herausstellte. Irgendwie muss die rechte Seite äusserlich, die linke innerlich mehr abbekommen haben. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Fieber habe ich heute Abend auch bekommen, was gerade noch einmal blöd ist, da ich mich bei Fieber und/oder stärker werdenden Schmerzen beim behandelnden Arzt oder bei meiner Hausärztin melden sollte. Die sind aber genau ab heute Abend bis nach den Weihnachtstagen nicht mehr in der Praxis. Nicht, dass es keine anderen Ärzte und Ärztinnen in der Nähe gäbe, aber ich müsste doch nach Bülach, und vor allem kenne ich langsam genug von ihnen. We’ll see…

Kurz bevor ich Fieber bekam, war ich nämlich noch dort. Nicht wegen des Unfalls, nicht wegen Krankheit, sondern um den beiden Praxisangestellten, die an jenem Dienstagnachmittag, als ich gar keinen Termin hatte und ziemlich verzweifelt war, sehr nett zu mir waren, je eine kleine Tüte mit Weihnachtsguetsli (Plätzchen) zu bringen und um für meine Hausärztin den Brief, den ich, wenn auch mit mehreren Unterbrüchen, tatsächlich geschrieben habe, abzugeben. Zusammen mit dem neuen Album von Chris de Burgh. Über Musik haben wir uns schon ein paarmal unterhalten. Die Praxisangestellte hatte sichtlich Freude, und mich freute es, dies zu sehen. Ich schenke gerne und war froh, dass ich es geschafft hatte. Danach brachte ich den Brief an Mira auf die Post, weil er bis nach Kroatien muss; morgen kommen dann Alexandra, Tanja, Maryam und Kamran dran und am Freitag noch verschiedene Personen aus der Schweiz.

Chris‘ neues Album habe ich heute Morgen schon jemandem geschenkt. Sie konnte nicht ahnen, dass ich es für sie in einem Umschlag in der Tasche hatte, als sie mir sagte, sie habe heute Morgen an mich gedacht, sie sei nämlich mit Chris de Burgh erwacht. Sie meinte, mit ihm am Radio, „The Bells of Christmas“ auf SRF 1 um ungefähr Viertel vor sieben Uhr. Anscheinend war ich ein paar Minuten zu spät aufgestanden, aber ich habe es vor ein paar Tagen auch schon einmal am Radio gehört. Dann habe ich immer den Impuls mitzusingen, auch im Auto mit der CD. Es geht schon, sogar ziemlich gut; die Quittung kommt einfach danach. Ich hätte gar nicht gedacht, dass Rippen- und Brustfellentzündungen so schmerzhaft und so unangenehm sind. Wie auch immer, das war wohl ein ganz lustiger Zufall, dass ich die CD für sie als Geschenk dabei hatte. Ich hatte am Samstag zu den zehn anderen noch fünf Alben bestellt, die heute bereits zu Hause eingetroffen sind. Etwas gelernt habe ich auch und in der Schweiz bestellt. Sie sind etwas teurer geworden; das muss mit meinen (und Alexandras) Masseneinkäufen zusammenhängen … 😉

Warum der Unfall passierte, beschäftigt mich auch noch. Beim ersten Mal fragte mich der Arzt, ob Schwindel auszuschliessen sei. Naila sass daneben und bekräftigte, ich sei auf der Plastiktüte ausgerutscht, und ich antwortete, ich sei wohl zu sehr auf der schmalen Innenseite gegangen. Aber so ganz ohne ist die Frage nach dem Schwindel ja nicht. Wie oft mir vor Müdigkeit oder seltener wegen Medikamenten Schwarz vor Augen wurde, habe ich nicht gezählt. Oft jedenfalls; immer wieder. Dass nie etwas passierte, war vielleicht Glück. Ich konnte auch nicht alle Fragen zum Hergang beantworten. Die meisten schon, aber nicht alle. Das hat mich dann auch etwas verunsichert. Wie ich gefallen sei, zum Beispiel. Das weiss ich nicht; es ging zu schnell. Da beide Hände verstaucht sind, muss ich mich mit den Händen aufgestützt haben. Und zwar ziemlich stark, denn sonst müssten auch die Hüften schmerzen. Das tun sie aber nicht; wenigstens etwas ist unversehrt geblieben… Nur ist es sehr unpraktisch, wenn man eine Hand nicht richtig, die andere kaum einsetzen kann… Und dann noch in der Vorweihnachtszeit: einfach perfekt. Heute ist es eine Woche her, und es geht mir nicht besser. Im Gegenteil. Ich glaube, am Anfang hat der kleine Schock noch das eine und andere überdeckt.

Der Arzt, der den Ultraschall durchführte, ist wie meine Hausärztin aus Deutschland. Er ging ziemlich flott ans Werk, und auf uns Schweizer(innen) wirkt das oft etwas hart. Im Allgemeinen habe ich die oft direkte Art der Deutschen lieber als das Darumherumreden der Schweizer(innen). Natürlich kann man nicht alle in den gleichen Topf werfen; das ist vollkommen klar, und ich möchte hier nur einen allgemein festzustellenden Unterschied anführen. Es gibt natürlich viele Facetten und Nuancen; klar. Trotzdem fasziniert mich dieser allgemeine Unterschied immer einmal wieder, da er manchmal wirklich gross ist und die kulturellen Gepflogenheiten wohl unterschiedlicher sind, als wir aufgrund der geografischen Nähe meinen. Zum Glück verstehe ich mich so gut mit Tanja und Alexandra sowie anderen aus dem grossen Kanton… 😉

Und den betreffenden Arzt verstand ich auch. Am lustigsten war, als er mit dem Ultraschallgerät herumhantierte und wie aus heiterem Himmel meinte: „Wenn alle so schlank wären wie Sie, müsste ich nicht immer so herumdrücken.“ 😃