Supple…

Zwölf Tage und (k)ein Ende in Sicht? Doch, langsam, aber sicher. Nachdem meine Lebensgeister am Freitag kurzzeitig aufgeflackert waren – wahrscheinlich aus erneutem Ärger über unseren Pseudo-Sozialstaat; Ärger, den es in positive Energie und Aktionen umzusetzen gilt – erloschen sie für das Wochenende noch einmal fast vollständig. Die einzig wirklich erfreuliche und aufheiternde Sache war Roger Federers Triumph in Melbourne. Er hat „meinen“ Sonntag gerettet. Ausnahmetalente faszinieren mich – (fast) egal, in welchem Bereich. Roger Federer gehört definitiv dazu – und das schon sehr lange. Auch Taieb war kaum zu bremsen vor Begeisterung.

Abgesehen davon konnte ich am Wochenende fast nichts machen, auch nicht lesen, auch nicht schreiben, was dann schon sehr einschränkend, sehr langweilig und auch psychisch nicht ganz einfach war. Ich denke, dass ich eine psychisch stabile und resistente Person bin. Aber wenn jede Bewegung, jeder Schritt eine Anstrengung ist und fast nichts mehr geht, dafür fast alles weh tut, dann geht es mir psychisch auch nicht mehr gut. Aber eben: Die Lebensgeister sind heute erneut zurückgekehrt, und ich muss nun einfach aufpassen, dass ich nicht gleich zu viel anpacken möchte; sonst kommt es nicht gut. Mit Taieb habe ich gekocht: „Sweet and Sour“ mit Peperoni, Zucchetti, Tofu, … und Basmatireis. Er hat geholfen und das alles gerne gegessen, worüber ich froh bin. Vom Reis haben wir übrig, sodass wir beschlossen haben, morgen eine indische Sauce dazu zu machen: „Korma“ mit Bananen, Äpfeln und Birnen.

Kochen macht wirklich wieder Freude, seit die Kinder offen für verschiedene Geschmacksrichtungen geworden sind. Essen konnte ich die ersten vier Tage seit Beginn der Influenza kaum etwas, aber dann kehrte der Appetit zurück und war so mehr oder weniger das Einzige, was die vergangenen acht Tage „normal“ war. Das ist auch gut so; sonst hätte es nämlich auch diesbezüglich prekär werden können. Mein Arzt in Zürich sagt immer: „Sie nehmen nie zu.“ Das glaube ich nach der letzten langen und intensiven Kortisontherapie auch. Früher sagten mir manchmal Kollegen: „Warte nur ab, bis du 40 bist; dann ändert sich das.“ Ich fand das jeweils lustig und lachte mit, aber ich glaubte es nie, weil erstens schon bei 30 das Gleiche gesagt werden müsste und weil ich zweitens spürte, dass es nicht so sein würde. Bald werde ich 44, und das Hochzeitskleid – es ist violett 🙂 – passt mir noch wie vor zehn Jahren.

Heute konnte ich auch wieder einkaufen gehen. Am Mittwoch brachte meine Mutter eine Tüte voller Waren, am Donnerstag mein Mann, und am Freitag brachten beide volle Einkaufstüten nach Hause, sodass unser Kühlschrank aus allen Nähten platzt, obschon Taieb und ich fleissig am Kochen und am Essen sind. Er kam heute Morgen auch mit mir zur Hausärztin. Für die Blutabnahme war der rechte Arm an der Reihe, und die Angestellte meinte heute, es sei kein Problem, dass ich es aus dem Finger nicht aushalte. Wir wechseln nun einfach ab, rechter Arm, linker Arm, weil die Venen ja sowieso schon oft gestochen werden. Nach meiner Drogenkarriere besonders blöd… Nein, das musste ich jetzt einfach schreiben, weil der Rheumatologe auch in diesem Punkt so recht hatte: „Sie geben einem immer das Gefühl der Schuld – von Anfang an.“ Mit „sie“ sind die Versicherungen gemeint. Und ja, das ist so. Darum die Drogenkarriere. Um es mal ein bisschen klar zu machen… Dazu seit 25 Jahren Raucherin und 25 Kilogramm übergewichtig. Damit das mit dem Schuldgefühl, das sie einem tatsächlich immer vermitteln, irgendwie hinkommt. Oder auch nicht. Mit „sie“ sind die Versicherungen gemeint.

Heute blutete es ziemlich stark nach der Entnahme, und die Angestellte fand sowieso, die Venen seien rechts dünner. (muss auch etwas mit meiner Vergangenheit zu tun haben…) Wenn es so blutet, finde ich das schon unangenehm, obschon ich ja mit Blut so abgehärtet bin. Ich hoffe, beim übernächsten Mal, wenn wieder der rechte Arm daran ist, klappt es besser. „So das wars – für heute.“, fand die Angestellte und erklärte Taieb noch kurz, warum die Fläschchen sich da so lustig drehen würden. Die Resultate waren dann nicht schlecht: Leber- und Nierenwerte gut, was für die Therapie wichtig ist, und der Entzündungswert zwar immer noch erhöht (47), aber im Vergleich zu den 144 vom letzten Montag doch deutlich besser. Und eben: Seit heute fühle ich mich auch endlich wieder besser.

Nicht schlecht waren auch die Befunde beim Rheumatologen am letzten Freitag: Die Gelenke sind nur leicht entzündet und gar nicht beschädigt. Letzteres hatte ich erwartet, das ist bei „meiner“ Erkrankung üblich. Ersteres ist aber besonders erfreulich, da ich um „alles“, was nicht oder nur wenig entzündet ist, erleichtert sein kann. Es bedeutet, dass die Gelenke nicht allzu sehr von der Krankheit in Mitleidenschaft gezogen werden, und das ist ein Lichtblick, den ich sehr, sehr gut „brauchen“ kann. Die Schmerzen in den Gelenken kommen wohl hauptsächlich von einer Überbeweglichkeit her. Dadurch werden die Sehnen zu stark oder falsch belastet und reagieren, sodass es zu Flüssigkeitsansammlungen um sie herum kommt. Dies haben wir auf den Ultraschallbildern gut erkennen können.

Er liess mich eine erste Übung machen. „Sie sind wahrscheinlich überbeweglich.“ Dann musste ich eine zweite Übung machen. „Sie sind überbeweglich.“ Dann zeigte er mir eine dritte Übung. „Sie sind auf jeden Fall überbeweglich.“ Er sei es selbst auch, erzählte er mir, war aber dennoch beeindruckt von meinen „Leistungen“. Es war ganz lustig… und ich erinnerte mich plötzlich, dass schon einmal – vor langer Zeit – ein Sportarzt das Gleiche festgestellt hatte. Zu ihm war ich damals ebenfalls wegen Knieproblemen gegangen. Diese Erinnerung rief eine andere wach: den Aikido-Trainer in Birmingham vor 20 Jahren, der sich über meine Beweglichkeit wunderte und meinte: „a very supple lady“. Den Ausdruck werde ich nie vergessen; ich hatte das Adjektiv schon zuvor gekannt, nicht aber in dem Zusammenhang.

Gegen die Schmerzen durch diese Überbeweglichkeit helfen Schuheinlagen (die ja zum Glück niemand sieht ;-)) und Physiotherapie. Der Arzt riet mir aber auch, zuerst die Virusinfektion auszukurieren und abzuwarten, bis erste Erfolge der neuen Therapie sich einstellen, bevor ich eine Physiotherapie ins Auge fasse. Sonst wird es zu viel. Ich sollte ja auch noch ein paarmal ins Thermalbad nach Zurzach gehen; da haben die Schmerzen und weiteren Folgen nach dem Unfall an sich sowie die Infektion den Plan gründlich durcheinander gebracht. Ich werde nun „alles“ Schritt um Schritt angehen. Für den Blog habe ich jetzt mein eigenes Domain (www.sabessblog.ch). Da wir mit den Anpassungsmöglichkeiten nicht so zufrieden sind, haben wir entschieden, meinen Blog auf einen anderen Server umzuplatzieren, von wo aus die von mir gewünschten Anpassungen problemlos möglich sein werden. Zudem hilft Sandro, den Karina mir vermittelt hat, mit der Einrichtung meiner Website (www.sabess.ch). Bis Ende März sollten beide Seiten so aussehen, wie ich es mir vorerst einmal vorstelle, und funktionieren.

Heute ist der 30. Januar. So quasi mein zweiter Geburtstag seit letztem Jahr. Da haben auch die sich seit dem 14. Dezember überschlagenden Ereignisse meinen Plan, einen Rückblick auf das, was vor einem Jahr geschah, gründlich durcheinander gebracht. Ich werde ihn irgendwann machen; das steht ausser Zweifel. Aber momentan bin ich nicht bereit und nicht in Stimmung dazu. Dass ich ein Jahr danach fast wieder so weit kam, hat mich nachdenklich gestimmt. Dem muss ich zuerst Zeit und Raum geben. Wenn ich ein Bad nehme und SRF 1 ausgerechnet den „Ferryman“ abspielen muss, ist das auch eine Art Psychotherapie. Weil ich nämlich nicht ausweichen kann. Bis ich das Radio ausgeschaltet gehabt hätte, hätten sie mich schon längst durchdrungen gehabt. Diese Worte.

„Beware that hooded old man at the rudder, (rudder, rudder, …)“

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Case, care & cash

Zum Glück hatte Pippo Pollina sich für das Konzert in Zürich Freitag, den 13., ausgesucht. Am 20. wäre das gar nichts geworden für mich und am 27. auch nicht. Obschon am Donnerstag noch alles, wirklich alles, dagegen sprach, schaffte ich am Freitagmorgen meinen Ausflug nach Zürich. Der Rheumatologe arbeitet in einer Klinik nahe am See; an der Seestelle, wo Taieb fast zur Welt gekommen wäre. Ich war, als ich wieder in die von der Sonne durchschnittene Winterluft hinausging, aus verschiedenen Gründen froh, dass ich es geschafft hatte.

Natürlich hatte ich einen fachlich und menschlich kompetenten Arzt erwartet, weil ich mir nicht vorstellen könnte, dass mein Internist einen anderen empfehlen würde. Das wirkliche Interesse und das wirkliche Zuhören, das Offensein für Fragen, das Eingehen auf das, was kommt, und nicht stures Vorgehen nach Plan, die sorgfältige Abklärung der relevanten Fragen, die Ruhe und die Zeit, …, … und ein bisschen Humor. Den brauchten wir, als wir über Versicherungen diskutierten. Er wird nämlich in einem zweiten Durchgang und getrennt von der anderen Geschichte meinen Rücken und die anderen Stellen, wo ich die Unfallverletzungen immer noch und zum Teil stark spüre, untersuchen. In dem Zusammenhang kamen wir auf das Thema Unfallversicherungen zu sprechen, wovon das Thema Vertrauensärzte nicht mehr weit ist. Ich erzählte ihm von meiner Erfahrung bei und mit Herrn K., und er zeigte auf einen Stapel Papiere und sagte, dies sei der Fall eines Patienten, der einen Unfall gehabt habe und über den er im Schnitt alle zwei Wochen ein Formular, manchmal auch fünfseitige Formulare mit 50 Fragen, ausfüllen und Berichte verfassen müsse, jedes Mal das Gleiche schreiben, damit am Ende die Versicherung dann doch über die Köpfe der Experten hinweg entscheidet und findet, sie wolle nicht mehr zahlen.

Sehr mühsam sei das ganze System, meinte er, für alle Beteiligten. Für die Patienten und Patientinnen, die ja meistens sowieso schon in einer (sehr) schwierigen Lage sind, und auch für die Ärzte und Ärztinnen, die so viel Zeit und Energie, so viele Ressourcen für nichts und wieder nichts brauchen. Die sie andernorts einsetzen könnten und sollten… und auch gerne würden… Dass oft Absicht dahinterstecke, vor allem wenn der Patient oder die Patientin kein oder nur schlecht Deutsch kann und vollkommen verloren ist. Und ja; das, was „alle“ sagen, die das System durchschaut haben und ehrlich sind: Es geht fast nie um den Menschen. Es geht ums Geld.

Vor Kurzem hörte ich am Radio einen kurzen Beitrag über Korruption, samt Rangliste der Länder. Sie macht mir gar keinen Eindruck mehr. Was hier abgeht, ist für einen sogenannten Sozialstaat absolut unwürdig und beschämend. Nur wissen viele es nicht. Vor einem Jahr wusste ich es auch noch nicht. Vor einem Jahr war ich – diesbezüglich – auch noch so richtig schön naiv. Da ist jetzt ein grosser, höchst unerfreulicher Erfahrungsschatz dazugekommen, ein Einblick in eine falsche Welt, die ich eigentlich nie hätte kennen lernen wollen, die ich aber nun mal kennen gelernt habe – an dieser Stelle: VIELEN DANK (!) – und auf die ich durch Reden und Schreiben aufmerksam machen werde. Das ist mir während des Besuchs beim Rheumatologen noch einmal ganz klar geworden. Nicht in einem zermürbenden Kampf; das bringt nichts und ist auch nicht meine Art, aber mit viel Hartnäckigkeit, Offenheit und Mut. Davon habe ich ja zum Glück ein bisschen was abbekommen.

Als ich ihm gegenüber sass und er auf die Akten zeigte, stellte ich mir einen schon etwas älteren Herrn vor, der einen ziemlich schweren Unfall gehabt hatte, für den der Arzt sich nun einsetzt und dem die Versicherung das Leben noch schwerer macht. Als ein Beispiel. So läuft es fast immer. Ein weiterer Arzt, der den Menschen helfen und nicht stundenlangen, sinnlosen Papierkram erledigen möchte, hat es bestätigt. Und noch etwas weiss ich: Falls ich bald einmal zu einem Kardiologen gehen muss und ihn ebenfalls spontan und unvorbereitet auf dieses Thema anspreche, wird er das Gleiche sagen. Und der nächste Spezialist ebenfalls. Es ist zum Ko… Man könnte resignieren, aber das ist auch gar nicht meine Art. Das wäre sowieso schlecht für mich, gewissermassen tödlich, zumindest aber lebensbedrohlich. Ich resigniere nicht, und der Journalist der Zeitschrift, die in der Schweiz Gold wert ist, hat mir gestern geschrieben, ich solle ihn die folgende Woche anrufen.

Unser Problem sind eigentlich „nur“ noch die Namen. Meiner könnte anonymisiert werden, aber das möchte ich nicht einmal. Ich stehe zu allem, was ich sage und schreibe. Diejenigen der Ärzte und Ärztinnen müssten jedoch genannt werden können, damit die Leserschaft etwas Konkretes vor Augen hat. Alles nachvollziehbar und verständlich. Aber da habe ich eben meine Befürchtungen. Ich traue Herrn K. und seiner Lobby (sehr) viel zu, und es wäre für mich ganz schlimm, wenn er oder seine Geldlobby auf welche Weise auch immer etwas gegen die aussagenden Ärztinnen und Ärzte unternähme. Das ist mein Problem, und das müssen wir irgendwie lösen. In unserem alles andere als korrupten Land… Auf der Website der betreffenden Versicherung steht übrigens: „Unsere Vertrauensärzte und -ärztinnen sind unabhängige Ärzte und Ärztinnen…“ (Hat mir Frau S., als ich ein erstes Mal unangenehm wurde und sie mich noch für dumm hielt, sogar in einem email geschrieben.) So lügt man den Leuten ins Gesicht. Sie sind genauso unabhängig wie Politiker in populistisch geführten Staaten.

Auch interessant ist, wie die Versicherungen ihre Case oder Care-Management-Produkte anpreisen. Den Patienten und Patientinnen gegenüber werden sie so verkauft, als ob da ganz viel professionelle Hilfe und liebenswürdige Unterstützung angeboten würden. Den Arbeitgebern gegenüber werden sie so verkauft, dass sofort hingeschaut und gehandelt werde. Sprich: So schnell wie möglich wird dafür gesorgt, dass eine kranke oder verunfallte Person gesundgeschrieben wird. Das geht ja auf vielerlei Arten. Herr K. hat uns ein paar geliefert; es gibt natürlich noch weitere. Wenn jemand nicht als Para- oder Tetraplegiker(in) in Nottwil liegt, dann ist es auch nicht so schlimm; dann manipulieren wir die Person auf dem Papier gesund. Es gibt ein englisches Wort, das hier zutreffend ist: „rotten“. Dafür ist das Wort „care“ vollkommen fehl am Platz; um „care“ geht es den Care- oder Case-Managern nicht; es geht ihnen um „cash“. Cash-Manager wäre eine ehrliche Bezeichnung. Ich werde den Vorschlag bestimmt mal machen.

Meine Viren sind noch nicht draussen, aber immerhin spüre ich seit gestern eine langsame Besserung. Der Donnerstag war noch einmal sehr schlimm gewesen. Auch der Mittwoch, aber am Donnerstag verliess mich die Geduld, und ich hielt die Kopf-, Nacken-, Glieder- und Muskelschmerzen kaum noch aus. Ich konnte mich kaum noch bewegen, kaum noch gehen, kaum etwas machen. Ich fühlte mich auch eingesperrt, eingeengt, und obschon ich ja gesundheitlich (sehr) viel durchgemacht habe, stellte diese Infektion einen neuen Tiefpunkt dar. Der mir aber vielleicht auch wieder das eine oder andere, was noch nicht ganz klar war, aufgezeigt hat. Es hat ihn wohl gebraucht.

Auch die letzte Nacht war unangenehm gewesen, weil ich kaum in einer Position schlafen konnte, ohne dass irgendetwas sehr weh tat. Vor allem eben Kopf, Nacken und Hals. Bei der „echten“ Grippe ist oft der ganze Körper betroffen. Eigentlich kenne ich das ja von irgendwoher… Theoretisch. In der Praxis ist es so, dass das Vollbild der Krankheit mit den heutigen Behandlungsmethoden nicht mehr auftritt und ich zum Beispiel Strategien entwickelt habe, um mich extrem auf die nicht betroffenen Organe und Körperteile zu konzentrieren, sodass ich das, was in den anderen abgeht, den Autoimmunsturm, jeweils aushalte. Eine Strategie, die etwas Geniales hat, aber ich glaube, man muss eine Person sein, die sich extrem gut konzentrieren und die Aufmerksamkeit voll und ganz auf etwas lenken kann, damit sie funktioniert. Sie hat mich in so vielen Situationen „gerettet“. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass die Menschen nicht merken, was mit einem los ist. Jedenfalls die meisten… Und bei der Virusinfektion konnte ich sie nicht anwenden. Denn wenn alles weh tut, bleibt nichts mehr übrig, worauf man den Fokus richten könnte. Auch darum hielt ich es einige Male kaum noch aus.

Gestern und heute ist endlich wieder einmal die Sonne durch die Wolkenschicht gedrungen. Der Januar war sehr neblig, grau und trüb. Heute habe ich zum ersten Mal das Gefühl, die Tage würden wieder länger. Wenn die Kinder mich nicht mehr „brauchen“, werde ich wohl jeweils die Zeit vom 1. November bis zum 28. Februar in einem südlicheren Land verbringen. Als (Reise)berichterstatterin oder so etwas… Mal sehen; das dauert ja noch. Und Taieb hatte einen Traum: „Ich habe geträumt wie ein Wissenschaftler; wenn die Erde nicht rund wäre und sich nicht drehen würde, wäre auf einer Seite immer Tag und auf der anderen immer Nacht.“ 😀

Ten ten

Das ist schon bemerkenswert: Bei allem, was war; schreiben konnte ich immer, fiel mir immer leicht und machte vor allem Freude. Das Virus hat es nun geschafft, dass sogar das Schreiben anstrengend ist und eher zäh abläuft, was ich mir gar nicht gewohnt bin. Ich habe das schon gestern festgestellt; und heute wieder. Das wird sich wieder ändern, aber es ist schon verrückt, was so ein winzig kleines Ding alles anrichten kann. Vor allem eben, wenn ich bedenke, was zuvor alles war, ohne dass die Freude an der Sprache sowie am Spiel und an der Kreativität mit ihr beeinträchtigt worden wären. Viren werden in Nanometern gemessen, ein Nanometer ist ein Milliardstelmeter oder ein Millionstel-Millimeter. Ein Virus misst gerade mal zwischen 20 und 300 Nanometern, scheint aber stärker als der Wolf zu sein. Der hat es nie geschafft, dass ich ein paar Tage gar nicht und danach nur langsam und mühsam schreiben gekonnt und dass mir die Inspiration dazu gefehlt hätte. Das hat nun dieses in Nanometern gemessene Ding zustande gebracht; auch wieder eine neue Erfahrung.

Wie schon aufgrund der Verletzungen und der damit verbundenen Angst, jemand könnte mir in den Rücken hineinlaufen oder ihn auch nur berühren, denke ich auch jetzt wieder an ältere und alte Menschen. Sie verlieren ja auch oft ihre Fähigkeiten. Das muss so schlimm sein. Es ist die Persönlichkeit, die zerfällt. Stück um Stück. Solange sie ihre liebsten und eigensten Gaben noch haben und einsetzen können, entspricht es wohl einfach dem „normalen“ Alterungsprozess. Wenn aber alles wegfällt, muss es schlimm sein. Wie schon beim anderen Erlebnis habe ich mir auch jetzt wieder vorgenommen, vermehrt daran zu denken, wenn ich mit alten oder älteren Menschen zu tun habe. Vielleicht ist jemand deswegen aggressiv…; das wäre sehr verständlich… Ich bin jetzt nicht aggressiv, weil mir das Schreiben zum ersten Mal überhaupt schwerfällt, aber ich weiss ja auch, dass ich die Fähigkeit wiedererlange. Darum bin ich auch in einer anderen Lage als Menschen im Alter. Irritierend finde ich es aber auch; ich konnte es zuerst kaum glauben. Es ist eben wirklich das erste Mal. Es ist überhaupt meine erste schwere Virusinfektion; auch meine Mutter kann sich nicht an etwas Ähnliches erinnern, und ihr Gedächtnis funktioniert immer noch gut, was mich natürlich sehr freut für sie. Auch sonst ist sie für ihre bald 81 Jahre ziemlich fit und heute den ganzen Tag auf einem Ausflug mit ehemaligen Arbeitskollegen und -kolleginnen.

Ich war fast den ganzen Tag im Bett; ausser für das Mittagessen mit den Kindern und für ein warmes Bad. Das hat gut getan, da ich von dem Medizinalbad, das ich eigentlich wegen der Unfallfolgen habe, nahm. Das hat gewirkt und entspannt. Zuvor konnte ich den Kopf nicht mehr drehen, wirklich nicht mehr, und der ganze Hals und Nacken waren sehr steif und schmerzten. Die Kopfschmerzen sind so, dass ich das Gefühl habe, eine Betonmauer, die jeden Moment zu zerbersten droht, im Innern des Kopfs zu haben, also als Schädeldecke sozusagen. Das kann Angst auslösen, vor allem wenn das Pulsieren und Drücken so stark werden, dass ich eben das Gefühl bekomme, irgendetwas müsse jetzt dann gleich platzen. Auch die Knie schmerzen; anders und viel mehr, als ich es mir von „meiner“ Erkrankung her gewohnt bin. Ganz vorne, vermutlich die Kniescheiben. Ich konnte kaum noch aufstehen, kaum die Treppe, die ich Mitte Dezember hinuntergestürzt war, hinuntergehen. Auch dies ist ein Novum für mich, und ich werde einfach alles daran setzen, am Freitagmorgen zu diesem Rheumatologen, bei dem mein Internist mich angemeldet hat, gehen zu können, damit er sich auch das anschauen kann. Ob der Husten nach wie vor auf die Unfallfolgen zurückzuführen ist oder von der Infektion her kommt, kann ich nicht beurteilen. Aber eher noch vom Unfall her, denn es ist immer noch dieser sogenannte Reizhusten, der nun aber schmerzhaft geworden ist, weil eben fast alles weh tut, wenn ich husten muss. Darum versuche ich ihn jeweils zu unterdrücken, wohl auch nicht so schlau… Im Bereich des Brustbeins habe ich sowieso Entzündungen; woher sie kommen, ist ebenfalls schwierig zu beurteilen. Es gibt immerhin drei Möglichkeiten: immer noch die Nachfolgen der Unfallverletzungen, Entzündungen aufgrund „meiner“ chronischen Erkrankung oder aufgrund der Infektion.

Manchmal kommen auch neurologische Störungen hinzu, also Gefühlsstörungen in den Unterarmen, Händen und Fingern, so ein ganz feines Kribbeln. Eigentlich ein Anzeichen für MS. Aber eben längst nicht nur. Und für die Diagnose bin ich „zu alt“. Klar gibt es Ausnahmen, aber es geht ja einher mit der Virusinfektion und kommt zeitgleich mit anderen, noch nie dagewesenen Beschwerden. Ich kann dann jeweils auch nicht mehr richtig sprechen, also keine ganzen Sätze mehr machen. Auch beängstigend, begrenzend, einengend; auch wie bei vielen Menschen im Alter… Aber diese neurologischen Symptome kommen „nur“, wenn das Medikament, das ich gestern erhielt, in seiner Wirkung nachlässt. Sobald ich eine neue Tablette nehme, verschwinden sie wieder. Ich hoffe, dass es nicht allzu lange so weitergeht; sieben bis 14 Tage kann eine Influenza andauern, einige Symptome können noch mehrere Wochen darüber hinaus anhalten. Und dann ist es halt so, dass ich nicht nur mit einem schwereren, sondern auch mit einem längeren Verlauf rechnen muss. Den schwereren habe ich bereits; vielleicht bleibt dafür der längere aus… Das wäre mir mehr als recht. Ich möchte nämlich die Termine, die ich auf nächste Woche verschoben habe, wahrnehmen können, und ich möchte die Ferien mit den Kindern geniessen können. Eine Woche hier bzw. von hier aus, ein paar Tage im Tessin bei Nora und ein paar Tage in Ulm bei Tanja.

Nicht nur das Schreiben ist schwierig, sondern auch das Lesen. Das ärgert mich auch, weil ich sonst wenigstens viel lesen könnte. Nachzuholen gibt es einiges, wenn diese herausfordernde Zeit vorüber ist. Ich habe mich noch nie so sehr auf die wärmere Jahreszeit gefreut wie jetzt. Am meisten freue ich mich aber auf den Tag, an dem ich wieder inspiriert schreiben kann und der Text leicht und spontan von Hand fliesst. Und jetzt kommt dann gleich Taieb nach Hause; er war an Yanniks Geburtstagsparty eingeladen, Dragon Night, freute sich mit seiner ihm eigenen Innigkeit und Leidenschaft darauf und durfte sogar eine Stunde länger bleiben. Naila liegt neben mir im Bett und will auf Englisch bis Hundert zählen. Sie fragte: „Was heisst Hundert? Ten ten?“ 😃

 

Influenza

Gut, zu schreiben begonnen habe ich, um unverblümt aus dem Leben mit chronischen Erkrankungen zu berichten. Dass ich jedoch schon nach viereinhalb Monaten denke: „Das glaubt jetzt dann niemand mehr.“, hätte ich aber nicht erwartet. Schon als ich den Unfall hatte, meinen ersten nennenswerten überhaupt, dachte ich dies; als klar wurde, dass er (oder das Medikament) auch gleich wieder zum Ausbruch der (einen) Erkrankung geführt hat, dachte ich dies erneut; und jetzt denke ich es zum dritten Mal, weil ich nämlich so eine richtig heftige Grippe habe. Also eine „echte“ Grippe; keine Erkältung, mit der die Grippe oft verwechselt wird. (Eine Erkältung wird auch als grippaler Infekt bezeichnet.) Darum schrieb ich im Dezember jedes Mal bewusst „Erkältung“. Die war zwar ziemlich stark und ziemlich langwierig, aber eben: eine Erkältung. Keine Grippe. Jetzt ist es anders. Am Donnerstagabend fing sie an bzw. spürte ich die ersten Symptome, die von Anfang an stark waren.

Das ist es eben: Das Immunsystem wird unterdrückt, damit es körpereigenes Gewebe nicht mehr angreift und zerstört, und arbeitet dann halt generell auf Sparflamme. Früher hatte ich kaum je etwas, seit den Kortisonbehandlungen hat sich das deutlich geändert, und mit der neu begonnenen Therapie wird diese Tendenz sich eher noch verstärken, da Imurek ein noch stärkeres Immunsuppressivum ist. Man wird nicht nur (viel) anfälliger, die Infekte dauern auch länger und verlaufen heftiger. Das habe ich nun auch bei dieser Grippe zu spüren bekommen. Für Menschen mit chronischen Grunderkrankungen kann eine Grippe gefährlich werden. Ich werde versuchen, wenn diese Grippe vorüber ist und erste Erfolge der neuen Therapie sich einstellen, meine Abwehr auf andere Arten zu stärken. Das heruntergefahrene Immunsystem ist sowieso durch nichts ersetzbar, bei weitem nicht, aber es gibt schon ein paar Möglichkeiten, die Abwehr ein wenig zu stärken. Zusätzlich zu viel Gemüse essen, meine ich. Gemüse esse ich so oder so viel. Aber ich möchte noch ein paar andere Möglichkeiten ausprobieren, denn im Winterhalbjahr jeden Monat eine Erkältung oder eine Grippe zu haben, ist keine erfreuliche Aussicht.

Der Fall war dann auch heute Morgen bei meiner Hausärztin klar, als ich zur Blutkontrolle gehen musste. Das schaffte ich sowieso nur dank Medikamenten. Aber die Blutkontrollen wegen der neu begonnenen Therapie sind wichtig, vor allem am Anfang. Jede Woche. Später können bei guter Verträglichkeit die Abstände vergrössert werden. Also musste ich sowieso hin, und der Entzündungswert im Blut sagte dann „alles“: Von 5 bei der letzten Kontrolle auf über 140 heute Morgen. Bettruhe (schon wieder…), Tee, Bouillon (Brühe), Vitaminpräparate, weil ich die vergangenen vier Tage kaum etwas gegessen habe, und ein Medikament, das ich vertragen sollte und das die Symptome abschwächt, sodass ich doch nicht die ganze Zeit im Bett bleiben muss, da ich das ja nicht sollte… Dank dieser Medikamente konnte ich in den vergangenen vier Tagen auch wenigstens ein paar dringende Nachrichten schreiben: vor allem Terminverschiebungen und einen Geburtstagsgruss. Dank ihnen konnte ich den Kindern heute ein Mittagessen kochen, wenn auch nur etwas sehr schnell Zubereitetes: Eben die besagte Bouillon (Brühe) mit ein paar Gewürzen und Teigwareneinlagen; wir nennen sie in der Schweiz „Fideli“, aber ich habe keine Ahnung, wie sie in Deutschland wohl genannt werden. Jedenfalls haben wir sie alle sehr gerne.

Die „echte“ Grippe heisst in der Fachsprache Influenza und ist eine Virusinfektion. Dass ich eine solche eingefangen hatte, vermutete ich. Als meine Hausärztin meine Vermutung bestätigte, war ich ein ganz kleines bisschen auch „froh“ darüber. Denn manchmal kam der Gedanke auf, dass ich das Imurek vielleicht nicht vertrage und so stark darauf reagiere. Die Liste der Nebenwirkungen ist so lang, dass man mit vielem rechnen müsste, und auch die Ärztin erwähnte diese Möglichkeit. Aber der entsprechende Blutwert machte dann „alles“ klar. Ich habe ja auch ein paar ganz anders bedingte Entzündungen zur Zeit, aber diese geben bei dem entsprechenden Wert selten an. Der Gedanke, dass ich das Imurek nicht vertrage, war einer, dem ein grosser Teil Panik innewohnte, und ich merkte, dass ich wirklich nicht mehr wüsste, was ich täte, wenn es so wäre. Es gibt schon noch andere Wirkstoffe als Azathioprin; es gibt die Biologika, die so biologisch tönen, aber überhaupt nicht biologisch sind, sondern so heissen, weil sie mittels biotechnischer Verfahren hergestellt werden. Es handelt sich dabei um nichts Biologisches, sondern um schwere Medikamente, die oft auch nicht so gut verträglich sind. Ja, die Panik war da; ich habe null Energie übrig für eine (erneute) Medikamenten-Unverträglichkeit bzw. einen Therapie-Misserfolg.

Und dann ist da noch der psychische Aspekt: wie es ist, wenn der Körper Stoffe, die helfen könnten, nicht verträgt, und irgendwann nicht mehr viel übrig bleiben würde… Ausser anderer Verfahren und Operationen…, die aber allesamt massive Eingriffe darstellen. Daran, dass organische (oder überhaupt physische) Krankheiten die Psyche auf ganz vielfältige Art belasten können, scheinen viele Leute nicht zu denken. Dafür gibt es diejenigen, die glauben und behaupten, jedes physische Problem habe eine psychische Ursache. Ja, das würde ich vielleicht auch glauben, wenn ich im Biologieunterricht nicht drausgekommen wäre oder mich an irgendeinem Humbug festhalten müsste… Natürlich hängen Körper und Seele zusammen, aber erstens eben mindestens genauso in die andere Richtung, und zweitens stimmen diese Vereinfachungen und simplen Sichtweisen nie. Das Leben ist unfassbar viel komplexer… Aber lassen wir das Thema; Hauptsache, es liegt nicht am Imurek und meine Panik ist verflogen.

Über 40 Grad Fieber: Taieb konnte mich schon kaum mehr anfassen und schon gar nicht glauben, dass ich zuvor noch extrem kalt gehabt und gefroren hatte. Er sah dann aber, als die Kälte die Hitze wieder ablöste, dass es stimmen musste; und machte alles, was er konnte, für mich. Die beiden Male, wo es sehr schlimm wurde, weil ich kein Medikament bzw. das Medikament zu spät eingenommen hatte, war nur er auch zu Hause. Er machte mir Tee und Punsch, brachte Karotten, die er zuvor säuberlich geschält hatte, auf Tellern ins Bett, und flitzte mit dem Trottinett zu unseren Nachbarinnen, die jedoch alle nicht zu Hause waren, um sie um Hilfe zu bitten. Es war wirklich schlimm zweimal, und ich hatte schon das Gefühl, wieder so weit wie Ende letzten Januars zu kommen. Damals kam es zu einer Herzmassage. Am Nachmittag. Am Morgen war ich noch an der Schule. Am Abend wusste ich: Das wars. Ich würde mich vorab um meine Gesundheit kümmern und sie vor alles setzen. Mir, den Kindern und der ganzen Familie zuliebe.

Das Blut hätte heute Morgen aus dem Finger genommen werden können. Das kann ich aber ganz und gar nicht ausstehen. Also fragte ich die Angestellte, ob sie es aus dem Arm nehmen könne. Sie reagierte zuerst etwas unwirsch und wenig verständnisvoll und meinte dann zu meiner Überraschung: „Ihre Venen werden ja sowieso schon arg strapaziert. Irgendwann wollen die dann nicht mehr.“ Sie hätte also auch darum den Finger bevorzugt. Das hat mich irgendwie berührt, das hätte ich ihr gar nicht so gegeben. Sie nahm es dann aus dem linken Arm und ich bedankte mich zweimal bei ihr. Am kommenden Freitag habe ich bereits den Termin beim Rheumatologen in Zürich. Ich hoffe, dass ich ihn wahrnehmen kann; ein Ausflug an den Zürichsee wäre nämlich schön.

Die Unbekannte

Noch ein Bild aus dem archäologischen Museum in Heraklion: Ob es einen Kampf oder ein Kunststück abbilden soll, kann ich nicht ganz erschliessen. Das könnte ich natürlich nachlesen, aber darum geht es mir hier und jetzt gar nicht. Vielmehr darum, dass ich momentan auch nicht weiss, ob ich einen Kampf führe oder ein Kunststück vollbringe. Aber ich tendiere zu Letzterem; es macht mich stärker.

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Vom Ein- und Ausschleichen

Pokern kann ich am Abend. Die Chancen, dass ich gewinne, stehen gut. Darum habe ich es vergangene Woche gleich dreimal hintereinander versucht – und Glück gehabt. Am Morgen versuche ich es nicht, die Chancen ständen schlecht. Am Nachmittag nur im „Notfall“, die Chancen stehen dann nicht mehr schlecht, aber noch ziemlich weit entfernt von gut.

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