Fragen? Farben!

Ich bin selbst immer noch überrascht und auch ein wenig erschrocken darüber, dass ich im Beitrag „Ein schmaler Grat“ vor genau zehn Tagen davon berichtet habe, wie es ist, wenn es fast zu spät ist. Nicht zu spät für den Zug, die Schule oder die Lieblingsserie, sondern zu spät fürs Leben. Für den nächsten Herzschlag.

Wie jedes Mal war ich einfach am Schreiben, ohne Plan, und der Bericht über den schmalen Grat kam unerwartet und ungesteuert. Der Beitrag ist kein Wunschkind. Aber offenbar war ich am 6. Februar bereit dazu. Nun habe ich ihn geschrieben und lasse ihn stehen. Er zeigt einen Teil meiner Lebenserfahrung, meiner Realität. Vielleicht musste es so sein; ja, es ist wohl gut so. Dass ich davon berichtet habe, obschon ich noch nicht wirklich so ganz bereit dafür war, meine ich. Ich komme ja auch nur weiter, wenn ich Wagnisse eingehe; wir alle kommen nur weiter, wenn wir Wagnisse eingehen. Die Komfortzone ist zwar sehr bequem und sehr angenehm, aber wenn wir in ihr verharren, stagnieren wir. Und Stagnation ist langweilig. Nichts für mich. Darum ist es wohl ganz gut so.

Das heutige Beitragsbild, bestehend aus zwei Bildern, die für mich Blau und Rot, Himmel und Hölle, Gott und Teufel, Wasser und Blut darstellen, erinnert mich an den freien Fall ins Ungewisse, dieses Fallengelassenwerden vom Blau und Hinuntergezogenwerden ins Rot, das Hinuntersausen ohne Ende… und dann doch – so plötzlich, so abrupt – das Ende. Das Brett unter mir. Ungefähr so gross wie ein Bett, aber einfach ein Brett, das den freien Fall in komplett horizontaler Lage stoppte. In Wirklichkeit war es kein Brett; in Wirklichkeit waren es die beiden Hände des älteren Herrn, die hart auf mich eindrückten und mich vom Rot ins Blau zurückholten. Zwei Farben, eine Entscheidung. Blau oder Rot, Leben oder Tod. Nur zwei Farben und nichts dazwischen.

Im Gegensatz dazu die 1’260 Farben auf dem Beitragsbild des vorgestrigen Beitrags; ein Bild von Gerhard Richter. Taieb stand davor, wurde ein paar Sekunden lang ganz ruhig und sagte dann: „Mama, das sind 1’260 Felder.“ Ich hatte soeben die Beschreibung gelesen: 1’260 verschiedene Farben. „1’260 Facetten des  Lebens“, dachte ich. Nicht nur zwei, nicht nur Blau oder Rot, nicht die Entscheidung Leben oder Tod, sondern das Leben in seiner ganzen Vielfalt und Buntheit, seinem ganzen Facettenreichtum. „Ich habe eine Malrechnung gemacht.“, holte Taieb mich in seine Welt zurück. Ich war ein wenig stolz auf ihn. Und ich hätte gerne eine Länge und eine Breite nachgezählt, ich hätte gerne jedes Feld, jede Farbe einzeln betrachtet, ich wäre gerne vor jedem Bild noch länger stehen geblieben – so wie früher.

Aber das konnte ich nicht wegen der Augenentzündung. Sie war vor allem auf dem rechten Auge schmerzhaft; das linke war kaum betroffen. Gesehen hat man gar nichts; gespürt habe ich eine dünne Wand im rechten Auge. Darum konnte ich jeweils nicht so lange vor einem Bild stehen bleiben und es nicht so eingehend betrachten, wie ich es sonst vielleicht getan hätte. Vielleicht… Denn Taieb konnte kaum darauf warten, im zur Ausstellung gehörenden „Versuchslabor“ selber aktiv zu werden, selber auszuprobieren und herumzuhantieren und selber zu erleben, wie der Zufall Kunstwerke erschafft und wie der Künstler dem Zufall seinen Lauf lassen oder aber Ordnung und Regelmässigkeit hineinbringen kann, wenn er möchte.

Taieb war fasziniert, und wir verbrachten viel Zeit dort. Zuerst machte ich die Versuche mit ihm oder schaute ihm beim Experimentieren zu; später wurde ich so müde, dass ich mich an die Wand auf den Boden setzte. Ich kenne etliche Arten von Müdigkeit, und ich weiss, wie unterschiedlich sie sich anfühlen und auf den „Alltag“ auswirken. Aber diese Müdigkeit war neu und fühlte sich eigentlich gar nicht wie Müdigkeit an, sondern wie ein Mangel an Treibstoff. Der Zustand erinnerte mich an einen Motor, der kaum Benzin hat, kaum noch läuft. Antriebslosigkeit. Aber nicht im psychischen Sinn, sondern im physischen. Erschöpfend und lähmend. Ich hatte mich auf den Boden gesetzt, weil ich wirklich nicht mehr stehen konnte, weil ich mich wirklich setzen musste und keine andere Gelegenheit vorhanden war. Nicht, weil ich es „cool“ fand; nicht, weil mich meine Zeitschrift mehr interessierte als die Ausstellung; überhaupt nicht.

Diese weitere Art von Müdigkeit, wenn ich sie nun doch einmal so nenne, diese physische Antriebslosigkeit habe ich mit dem Beginn der neuen Therapie kennen gelernt und sie am Montag sowohl meiner Hausärztin als auch meinem Facharzt geschildert. Verwundert war weder er noch sie; Imurek kann zu zahlreichen Nebenwirkungen führen. Es ist jedoch auch möglich, dass die schlechten Blutwerte, die wiederum eher auf die schwere Infektion als auf das Imurek zurückzuführen sind, dafür verantwortlich waren. Jedenfalls war es nicht lustig, am Boden zu sitzen und das Gefühl zu haben, die Energie würde nicht einmal mehr zum Aufstehen reichen. Es war nicht lustig, als sie dann später doch reichte, nach dem Aufstehen das Gefühl zu haben, der nächste Kreislaufkollaps stände kurz bevor. Ich erinnerte mich an die Bilder und Kunstwerke, die mir sehr gut gefallen hatten; ich erinnerte mich an das Rot…

„Runaway periods“. So nennt Bridget Gardiner, die ich auch schon erwähnt habe, ihre ausser Kontrolle geratenen Blutungen. Ein treffender Ausdruck. Ich kenne sie auch, die „runaway periods“, vor allem zu Beginn eines Schubs. Wie im Dezember 2015, wie Ende Dezember 2016 wieder. Nach zwölf Tagen…; es hätten auch acht oder zehn sein können. Es hätte jede Anzahl sein können. „Runaway“ – komplett ausser Kontrolle. Blut und Rot in Strömen. Wenn kurz danach eine Darmentzündung beginnt, wird es so richtig Rot in Rot, und ich weiss jeweils gar nicht mehr, woher das Blut kommt. Ich weiss dann „nur“ noch, dass ich es überleben werde. Beim ersten Mal war ich mir da nicht so sicher. Auch, weil ich googelte und lauter Schreckensdiagnosen las: Krebs der Gebärmutter, der Scheide, der Eierstöcke…, Darmkrebs… Irgendwann wurde klar, dass es „das alles“ nicht ist, und ich war erleichtert. Obwohl: Wenn Organe so entzündet und Körperfunktionen so gestört sind, dass Blut in Strömen fliesst, steckt auch ohne die oben erwähnten Diagnosen nichts Harmloses dahinter.

Das war es ja dann auch nicht; „meine“ Diagnose ist gar nicht harmlos. An die „runaway periods“ und anderen Blutungen habe ich mich gewöhnt; sie sind störend im „Alltag“, und der Eisenspiegel sinkt in dunkle Tiefen, auch wenn ich ausgewogen und abwechslungsreich esse. Das mache ich sowieso. Dann helfen nur noch Infusionen, oft gleich doppelte Menge, und Spritzen. So kann die Gefahr gebannt werden. Gefährlicher aber sind die Entzündungen von anderen Organen, weil ich oft länger nichts davon merke und sie viel weniger spektakulär daherkommen… Oft ohne Schmerzen, nur ein Brennen im unteren Rückenbereich oder ein Druck im Bereich des Brustbeins. Den habe ich zur Zeit auch – fast ständig. Wenn er noch von der Erschütterung beim Unfall her stammt, wird Osteopathie helfen, und ich werde anfangs März mit Gesangsstunden fortfahren können. Wenn aber das Brust- und Rippenfell entzündet sind – nicht mehr als Folgeerscheinungen nach dem Unfall, sondern als eines von vielen Symptomen der Krankheit – werde ich wohl noch etwas länger warten müssen. Das wird nächste Woche auskommen.

Als die Kinder Ferien hatten, kam Taieb am ersten Montag mit zu meiner Hausärztin, Naila am zweiten Montag. Taieb sass neben mir und studierte seinen „Fischertechnik“-Katalog. Die Ärztin nahm sich Zeit, liess sich sämtliche Modelle von Taieb zeigen und hörte zu, was er sich zu welchem Anlass wünscht. Naila war (wie so oft) ganz anders: Sie las den Vornamen und den Namen der Ärztin und liess ihrer Verwunderung über den Vornamen freien Lauf. Das Gleiche einen Tag später in Ulm mit Wolfgang. „Wolfgang?! Bist du ein Wolf?“

Ich hörte ihre Frage und war – besonders – gespannt auf seine Antwort…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s