Bunt mit Schwarz

Seit gestern Nachmittag bestehen die Spuren in unserem Auto nicht mehr nur aus Pommes Chips und Müll, sondern auch aus vielen kleinen, bunten Konfetti. So bunt wie die Farben im letzten Beitragsbild, von denen mir diejenige rechts unten am besten gefällt… Die Konfetti von der gestrigen Kinderfasnacht in Eglisau haben es heute Morgen bis ins Wartezimmer geschafft. Nicht, dass ich nicht geduscht hätte, aber mein Schal und meine Handtasche hatten mehr abbekommen, als mir bewusst war. In der Praxis sorgten sie für Erheiterung, was am Montagmorgen wohl besonders willkommen war. Jedenfalls unterhielt ich mich mit der Angestellten, die das Blut abnahm, über unsere eigenen Erinnerungen an die Kinderfasnacht und über trendige Kostüme.

Das Blutbild war dann durchzogen; nicht schlecht, aber auch nicht gut. Die Leberwerte sind weiterhin erhöht, wenn auch nicht mehr so stark wie bei den vergangenen Kontrollen, sodass wir die Therapie weiterführen können. Durch den sechstägigen Unterbruch kann ich nun frühestens anfangs März mit einer ersten Wirkung rechnen, und die Kontrollen müssen nach wie vor wöchentlich durchgeführt werden; eine Lockerung des Zeitabstands ist noch nicht in Sicht. Mein Gesundheitszustand sei noch nicht stabil, sagte dann auch meine Hausärztin bei der Besprechung. Das empfinde ich auch genau so. Zu viel ist in den letzten Wochen und Monaten passiert, zu viel hat sich wechselseitig negativ beeinflusst, viel hat wiederum viel nach sich gezogen. Taieb ist ein wenig erkältet – und ich natürlich auch… Es ist nur eine leichte Erkältung, und ich kann einfach hoffen, dass dem so bleibt.

Dass ich so anfällig geworden bin und Ende Januar eine so schwere Infektion hatte, ist zwar durch die Immunsuppression einfach erklärbar, aber auch etwas beängstigend. Nächste Woche bekomme ich ein paar Impfungen, denn meine Hausärztin sagte auch, wir müssten vor allem eine Hepatitis vermeiden und ich dürfe auf keinen Fall gleich wieder krank werden. Also zusätzlich krank, meinte sie und meine auch ich immer, wenn ich das Wort „krank“ benutze. Eigentlich bin ich ja immer krank und nie mehr gesund – irgendwie krass… Aber ich sehe es anders. Denn ich bin oft glücklich, an vielem interessiert und leidenschaftlich, und dann fühle ich mich auch immer gesund. Wenn ich mit Freundinnen essen gehe. Wenn ich Querflöte oder Klavier spiele oder singe. Wenn ich lese oder schreibe. Wenn ich Naila als Schäfchen verkleidet beobachte und mich mit Konfetti bewerfen lasse…

Der Kinderfasnachtsumzug hat sowieso gutgetan. Die Sonne schien, das Treiben war bunt, die Musik beschwingt und laut. Am Ende des Umzugs gab es Würstchen mit Brot, verschiedene Kuchen und weitere Backwaren sowie Getränke. Naila durfte ausnahmsweise Cola trinken und war zufrieden. Ein Kleinkind verlor auf dem Umzug seinen Nuggi (Schnuller), nahm ihn vom Boden auf und steckte ihn wieder in den Mund. Der italienische Grosspapa, in dem Fall also der „Nonno“, schaute zu und lachte. Ich lachte ihn auch an; seine lockere Art gefiel mir sehr. Später fiel mir eine Frau auf mit ganz kurzen und ganz feinen Haaren. „Chemotherapie“, dachte ich, und „Krebs“. Ich wünschte mir, sie möge „alles“ gut überstanden haben. Keine Metastasen, keinen Rückfall… Dann blieben wir stehen, hörten der Musik zu, genossen die winterliche Milde, entdeckten ein paar Freunde von Taieb und gingen schliesslich zu den Essens- und Getränkeständen. Dort fiel mir wieder jemand auf, ein schon etwas älterer Mann, dessen Haut im Gesicht sehr rot war. Er tat mir sofort leid, obschon ich gar nicht wusste, ob er darunter litt und ob er mir tatsächlich leid tun müsse. Er tat mir leid – wie auch immer.

Ich habe selbst ganz schlimme Zeiten durchgemacht, was die Haut anbelangt. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die autoimmune Dermatitis, wie der Name schon sagt, die Haut betrifft und dass eine der beiden anderen Erkrankungen, mein mit Abstand grösstes Sorgenkind, fast alles im Körper betreffen kann und die Haut eben auch oft betrifft. Lange war nicht klar, was woher kommt; lange war nicht klar, was ich habe; lange war nicht klar, was wozu geführt hat. Seit jenem unvergessenen Donnerstagmittag, als mein Dermatologe in Winterthur extra für mich seine Praxis öffnete und eine Notfallbehandlung durchführte (siehe Beitrag „Superman and superwoman“), hatte ich nie wieder nennenswerte Probleme mit der Haut. Auch wenn ich Schokolade, Pommes und Mayonnaise esse… Denn damit haben Hautprobleme dieses Ausmasses gar nichts zu tun. Die Erinnerung an die schlimmen Zeiten und die Dankbarkeit dafür, dass wir seit fast zweieinhalb Jahren wenigstens diese Sache gut unter Kontrolle haben, sind und bleiben intensiv, und wenn ich eine Person mit massiven Hautproblemen sehe, fühle ich immer mit und hoffe für diese Person, dass auch sie in guten Händen ist und nicht (mehr lange) darunter leiden muss.

Vielleicht darum bemerkte Taieb gestern vor dem Einschlafen Spuren von Salbe in meinem Gesicht. Ich habe zwei Salben, die ich regelmässig einstreichen muss. Seit der Unklarheit darüber, was den jetzigen Krankheitsschub ausgelöst hat – der Unfall oder das Medikament gegen die Dermatitis -, und dem darin begründeten Absetzen eben dieses Medikaments sind die Salben und deren regelmässige Anwendung umso wichtiger geworden. Taieb bemerkte also noch Spuren davon und fragte, ob ich eine Gesichtsmaske hätte. „Jetzt brauchst du nur noch Gurken!“ rief er begeistert und verkroch sich in sein Kissen.

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