Dunkel und ruhig

Gestern hätte ich um 7.50 Uhr auf den Zug gehen und um 9 Uhr im USZ sein sollen. Ich war dann um 9.30 Uhr im USZ, weil ich den Zug um 8.20 Uhr genommen hatte. Erklären musste ich zum Glück nicht viel; die wussten ja, weshalb ich dort war und dass hundert damit zusammenhängende Gründe die Verspätung verursacht haben könnten. Einer dieser hundert Gründe war es auch. Am Morgen zu pokern bringt nichts – noch nichts. Termine im USZ sind aber kein Pokern, sondern eine Notwendigkeit. Deshalb lege ich sie auf den Morgen, wenn die Kinder in der Schule sind, und mit dem (vorläufig noch vorhandenen) Risiko zu spät zu kommen.

Wir waren rechtzeitig aufgestanden, wir hatten gefrühstückt, die Kinder hatten alles beisammen und das Haus pünktlich verlassen. Zehn Minuten später hätte auch ich das Haus verlassen müssen – und war parat. Alles in Ruhe gemacht. Doch gerade als ich neben der Garderobe im Eingangsbereich stand, die Handschuhe nahm und gleich die Haustür öffnen wollte, bekam ich wieder Nasenbluten. Ich kann nie abschätzen, wie lange es dauert und ob es schwach oder stark sein wird. Das Spektrum ist – wie bei fast allem, was diese Krankheit betrifft – weit. Jedenfalls hätte ich nicht einfach zum Bahnhof gehen können; ich wusste nicht, was käme, was mir bevorstände.

Also ging ich nicht zum Bahnhof, sondern zurück ins Bade- und dann ins Schlafzimmer, wo ich mich auf das Bett legte und wartete, bis das Bluten aufhörte. Es war dunkel; wir hatten die Vorhänge noch nicht geöffnet. Es war dunkel und ruhig. Ich erinnerte mich an die Zeiten, als ich noch nicht wusste, warum ich Nasenbluten hatte. Wie bei den anderen Blutungen, über die ich geschrieben habe, fand ich damals, als ich googelte, Beängstigendes und hatte Angst, irgendwo im Kopfbereich einen Tumor zu haben. Weil es ja immer wieder blutete. Andererseits waren da die anderen wiederkehrenden Blutungen, die ebenfalls auf verschiedene Tumore hätten zurückzuführen sein können. (vier verbale Teile hintereinander; ich hoffe, die Konstruktion ist geglückt. ;-)) Irgendwie seltsam… Oder überall Tumoren? Metastasen?

Im ruhigen und dunklen Schlafzimmer liess ich die durch- und ausgestandenen Ängste Revue passieren. Sie zu verdrängen, bringt nichts. Dann zeigen sie sich irgendwann auf andere Weise; davon bin ich überzeugt. Also stelle ich mich ihnen und stellte mich ihnen gestern Morgen erneut, obwohl ich eigentlich hätte im Zug sitzen und nach Zürich fahren sollen. Was dann eine halbe Stunde später klappte und kein weiteres Problem darstellte, weil die Fachpersonen den Grund sofort verstanden und auch über die 99 weiteren Bescheid gewusst hätten. Das ist natürlich nicht immer so, obschon ich zugeben muss, dass die meisten Menschen verständnisvoll reagieren, auch wenn sie nicht Bescheid wissen. Sie kennen mich oder merken mir an, dass ich nicht einfach so zu spät komme.

Ausser einmal. An jenem Korrekturnachmittag der Handelsschule, notabene ein Samstagnachmittag, für den ich mich freiwillig gemeldet hatte und wo man für die anwesende Zeit, nicht etwa pauschal, entlöhnt wird, in einer Stadt in der Ostschweiz. (Ich habe den Namen echt vergessen, was ganz gut so ist.) Da merkte anscheinend niemand, dass ich nicht aus Gleichgültigkeit und schon gar nicht zum Spass eine gute Stunde zu spät erschienen war. Klar; ich hätte mich erklären können. Aber ich mochte mich nicht erklären. Vielleicht, weil ich die Energie dazu gerade nicht hatte; vielleicht, weil ich zu oft erlebt hatte, dass Erklärungen nicht viel bringen, weil die Leute zu gestresst sind, um hinzuhören und auch nur einen Teil davon zu verstehen; vielleicht, weil die meisten in meiner Situation gar nicht mehr hingegangen wären. Auch die Person, die es für nötig hielt, meine Verspätung an „Vorgesetzte“ weiterzuleiten – fast hätte ich geschriebene zu petzen – nicht. Ganz bestimmt nicht.

An jenem kalten, weissgrauen, trübenWinternachmittag hatte ich auch Nasenbluten, stärkeres als gestern Morgen, sodass die Verspätung eben nicht eine halbe, sondern mehr als eine ganze Stunde betrug. Ich war mit dem Zug angereist und ging dann in einem Selbstbedienungsrestaurant auf die Toilette. Weil das in dieser Art von Restaurants unauffällig geht. Eine meiner vielen Strategien. Trotzdem ist es überhaupt nicht lustig, 45 oder 50 Minuten auf einer öffentlichen Toilette zu verbringen und zu warten, bis das Bluten aufhört. Es kam mir eng und kalt vor, ich kam mir sehr alleine vor, weil alle anderen nach wenigen Minuten wieder draussen waren. Ich wäre lieber am Korrigieren gewesen, auch wenn die Aufsätze meistens nicht viel hergaben und wohl zusammen mit vielen anderen Aufsätzen, die ebenfalls nicht viel hergaben und deren Verfassende auch durch die ausgeklügeltsten Methoden nie zu guten Schreibenden werden, dazu beitrugen, dass meine Sehnsucht, anstatt schlechte Texte zu korrigieren – was sehr wenig bringt – viel lieber eigene (wenn möglich gute…) Texte zu schreiben, grösser und grösser wurde.

Bis sie im Januar 2016 so gross wurde, dass sie physisch spürbar war. Genauso spürbar wie die Schmerzen von den verschiedenen inneren Entzündungen. Dass diese Entwicklungen parallel und fast gleichzeitig abliefen, war weder geplant noch gesteuert gewesen. Ein Zufall…? Vielleicht nicht ganz. Denn die Grenzerfahrungen im Zusammenhang mit der organischen Krankheit haben mich wohl schon hellhörig für meine innere Sehnsucht werden lassen. Sehnsucht nach dem Schreiben, das ich immer gut gekonnt hatte, für das ich immer wieder Lob geerntet hatte, für das ich kein Brainstorming, kein Mindmap, keine Struktur und auch sonst keine Hilfsmethoden brauche und das mir so sehr fehlte. Ja, es gibt ihn wohl schon, diesen Zusammenhang. Diesen ungeplanten und ungesteuerten Zusammenhang. Ihn mir übel zu nehmen, ist daneben. Aber Petzen ist noch viel doofer, so richtig kindisch. Und hinterhältig.

Ich wäre also auch lieber am Korrigieren gewesen – trotzdem, und ich hatte nicht nur Nasenbluten, ich hatte auch Bauchkrämpfe und Rückenschmerzen. Ich konnte alles einordnen, ich konnte alles ertragen. Viel später einmal zu erfahren, dass ein Kollege, vermute ich, gepetzt haben muss, hat mehr weh getan. Obschon ich heute, obschon ich schon lange darüber stehe. Denn er wusste nicht, was er tat.

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