Singing, playing and coping

Heute ist der 28. März. Osteopathie am Abend, am Morgen Blutkontrolle. Die nächste habe ich, so Gott will, am 3. Mai. Das muss schon fast als Grosserfolg verbucht werden. Gut, es hat auch mit der Ferienabwesenheit meiner Hausärztin und mit meinen eigenen Reisen nach Dublin und England, von denen ich bis vor Kurzem nicht geglaubt habe, dass sie zustandekämen, zu tun. Aber dass es überhaupt möglich ist, erst in fünf Wochen wieder einen Termin abzumachen, ist – für mich – super. Das Blutbild ist nämlich – für meine Verhältnisse – gut; die Infektion, die mich am Montag vergangener Woche an einen Punkt der Verzweiflung gebracht hatte, hat der Körper trotz massiver Unterdrückung des Immunsystems bekämpfen können, was ich vom letzten Mittwoch an spürte und was heute Morgen auch im Blutbild ersichtlich war. Zum Glück. Nicht einfach so als Floskel, sondern im wahren Sinne des Ausdrucks: zum Glück. Ich weiss nicht, was ich sonst getan hätte…; es wäre definitiv zu viel gewesen.

Es gibt Menschen, denen schnell „alles“ zu viel wird. Und es gibt Menschen, die sehr viel aushalten und ertragen können. Ich darf sicher mit gutem Gewissen schreiben, dass ich zu Letzteren gehöre. Dabei geht es nicht ums Vergleichen und schon gar nichts um Werten. Wir sind alle unterschiedlich geboren und geprägt worden und haben unterschiedliche Ressourcen mit auf den Weg bekommen. Dass ich viele Ressourcen habe, die mir durch ganz schwierige Zeiten hindurch geholfen haben, macht mich nicht stolz. Sicher nicht. Ich bin lediglich froh darum und dankbar dafür. Sehr sogar. Das meine ich, wenn ich über die Thematik des sogenannten „Coping“ berichte. Dass ich darin gut bin, ist keine Leistung, sondern ein Geschenk. Es gibt nur einen negativen Punkt dabei; einen, den ich jeweils auch meine, manchmal explizit ausdrücke, manchmal eher darauf anspiele. Nämlich das Verhalten und das Gerede von Leuten, die keine Ahnung haben, worüber sie reden und worüber sie urteilen. Unwissen in Bezug auf Krankheiten ist weit verbreitet, und Unwissen hat oft Unverständnis zur Folge.

Unwissen an sich ist ja nichts Verwerfliches. Aber Gerüchte zu verbreiten und Urteile zu fällen, wenn ganz viele Fakten fehlen, ist schon sehr dumm. Und es handelt sich um eine Art von Dummheit, vor der auch gebildete Leute nicht gefeit sind. Überhaupt nicht. So, wie es bei Selena Gomez oder allgemein ausgedrückt bei einer prominenten Person sofort heisst: „Drogen!“, heisst es bei einer bei berufstätigen Mutter: „Burnout!“. Schnell gesagt und noch schneller verbreitet. Dumm gesagt und noch dümmer verbreitet. Welches Unrecht vielen Betroffenen damit angetan wird, lässt sich eigentlich gar nicht ermessen. Aber ja, vielleicht auch ganz gut so. Wenn ich dieses Unwissen, Unverständnis, Unrecht nicht auch gespürt hätte, gäbe es meinen Blog wahrscheinlich nicht. Das wäre ja auch schon fast ein bisschen schade. Diese Feststellung hilft mir an guten Tagen. An schlechten Tagen hilft mir die Überzeugung, dass diejenigen, die eine grosse Klappe haben und Gerüchte, die ja meistens falsch sind, verbreiten, auch diejenigen sind, deren „Coping“ ich wohl nicht würde sehen wollen, wenn sie selbst betroffen wären.

Es gibt relativ harmlose Autoimmunerkrankungen. Und es gibt schwere. Zum Beispiel Multiple Sklerose, Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa, Nephritis, Rheumatoide Arthritis, Systemischer Lupus Erythematodes, Sarkoidose, …, …, … Wobei es bei den meisten ganz unterschiedliche Verläufe gibt, die wiederum von (sehr) mild bis (sehr) schwer reichen. Nach den Frühlingsferien auf Kreta im letzten Jahr, die mir wohl auch gewisse Leute missgönnten – vielleicht hätte ich statt der Landschaftsbilder meine beiden Zusammenbrüche posten sollen… -, stellte sich heraus, dass Prednison nicht mehr wirkte, und wurde die ursprüngliche Annahme eines milden Verlaufs erstmal gründlich über den Haufen geworfen… Zudem sind Autoimmunerkrankungen unheilbar. Dieses Wort verstehen auch nicht alle Leute. Was es bedeutet, physisch und psychisch, schon gar nicht. Sie verwechseln „behandelbar“ mit „heilbar“. Doch dazwischen liegen Welten, zumal die Behandlungen den Behandelten oft sehr zusetzen können. Auch davon kann ich ein Lied singen, also eigentlich mehrere Lieder, viele Lieder, keine schönen Lieder…

Aber zur Zeit sieht es ja ganz gut aus; die Chemotherapie „light“ scheint endlich angefangen zu haben, ihre Wirkung zu entfalten, und die Blutwerte sind wie erwähnt stabil. Die Blutungen und Schmerzen sind zurückgegangen, was auf einen Rückgang der inneren Entzündungen schliessen lässt. Ein paar Tage lang war noch die Magenschleimhaut entzündet; das ist jeweils weniger schmerzhaft, weniger beeinträchtigend und weniger störend als Entzündungen anderer Organe. Problematisch wäre, wenn ich die Gastritis jeweils länger als eben nur ein paar Tage hätte, weil ich dann jeweils nicht viel essen kann. Der Druck in der Magengegend bremst den Appetit sehr schnell und stoppt ihn manchmal ganz. Für kurze Zeit macht das nichts, aber danach könnte es eben problematisch werden. Daher bin ich froh, dass es meistens nicht lange dauert – so auch in den vergangenen Tagen wieder. Ich habe vereinzelt auch schon längere Perioden erlebt, und dann sind wohl wiederum schnell falsche Urteile gefällt. Keine Ahnung… Wer mich auch nur ein bisschen kennt, weiss, dass ich erstens gerne esse und zweitens das Essen geniesse. Letzthin habe ich am Radio von einer Studie gehört, die besagt, dass Menschen, die das Essen geniessen, schlanker sind als Menschen, die hastig essen und mit den Gedanken schon wieder woanders sind. Das finde ich sehr einleuchtend.

Nebst der „Lady in red“ und der „Lady in blue“ gibt es jetzt noch eine „Lady in green“. Von hinten betrachtet, schlank, durch den Regen gehend, mit Regenschirm. Die Gemälde gefallen mir, und ich bin gespannt auf die „Lady in purple“. Es wird sie geben, das weiss ich jetzt. Die „Lady in green“ passt irgendwie auch zu Irland. Auf die Reise freue ich mich. Nachdem ich sie am Freitag gebucht hatte, war ich glücklich. Glücklich war ich am Freitag auch nach der ersten Klavierstunde seit vier Monaten. Und mit Sandra habe ich eine Gesangsstunde abgemacht – für nach den Frühlingsferien. Die erste seit fünf Monaten. Dann singen wir Lieder – schöne Lieder.

Advertisements

Von Ruhe, Tee und Kaffee

Heute habe ich wieder etwas bekommen: Gottlieber „Hüppen“. Dieses Mal wirklich. Letztes Mal hatten sie sich nämlich als Kakaomandeln entpuppt – auch sehr fein und wider Erwarten bei den Kindern auch sehr beliebt. Am Nachmittag kam Naila von der Schule zurück und brachte ein Päckchen ins Haus. Sie habe es in unserem Briefkasten entdeckt und es sei für mich, sagte sie und wartete gespannt, was darin sei. Die „Hüppen“ sind im richtigen Moment gekommen, nachdem am Morgen die Kaffeemaschine den Geist aufgegeben, die Buchung der Osterreise nach Dublin sich als schwierig erwiesen und eine Bekannte erschrocken auf meine Diagnose und meine Therapie reagiert hatte.

Nicht erschrocken im Sinne von „bitte belästige mich nicht damit“ oder „ui, ist das ansteckend“ (ha, ha…, aber gibt es tatsächlich), sondern erschrocken im Sinne von einem gewissen Wissen über die Erkrankung sowie über das Medikament bzw. den Wirkstoff. Sie arbeitete früher als Praxisangestellte; dies ist ihre ursprüngliche Ausbildung. Als sie Kinder hatte, entschied sie sich dann für etwas anderes. Ihre direkte Art gefällt mir; man weiss bei ihr, woran man ist. Das Erschrecken war echt, und was sie ein paar Minuten später sagte, ebenfalls: „Sie gehen aber recht locker damit um.“ Das sass. Das tat gut. Das erleichterte so sehr. Weil es halt so wahr ist und weil viele das nicht sehen. Weil ich mir früher – jetzt ist es schon lange nicht mehr passiert; ich enthalte mich etwaiger Vermutungen, woran das liegen könnte… – manchmal sagen lassen musste, ich würde mich zu schnell aufregen und zu heftig reagieren. Ich müsse mich nicht rechtfertigen. Nein, natürlich nicht. „Erklären“ bedeutet auch nicht „rechtfertigen“; das Dumme ist nur, dass man sich bei Erklärungen Zeit nehmen und zuhören sollte. Im anderen Fall kann man die Person einfach abblitzen lassen – mit dem Vorwand der Rechtfertigungen. Das ist in der Hektikgesellschaft eine sehr beliebte Strategie geworden.

„Über Gründe müssen wir nicht mehr reden.“, heisst es dann. Nein, natürlich nicht. Die Gründe sind ja schliesslich MEINE Ungewissheit, MEINE Verzweiflung, MEIN Urteil auf Lebenszeit. Darüber müssen wir tatsächlich nicht reden, wenn Raum und Zeit für wahre Gespräche fehlen, wenn Überlastung und Überforderung aus Erklärungen Rechtfertigungen machen. Nein, natürlich nicht. Ich behalte sie bei mir, die vielen, vielen Gründe für kleinere und grössere Dinge, die nicht perfekt ins Schema passen und sich nicht perfekt in vorgegebene Schranken verweisen lassen. Und weil ich irgendwann so richtig angefüllt mit diesen vielen, vielen Gründen war, fing ich an darüber zu schreiben. Das ist definitiv der fruchtbarere Weg, als zu resignieren und „alles“ bei sich zu behalten. Ich merke es gerade auch daran, dass ich den oben beschriebenen Leuten gegenüber keine negativen Gefühle mehr habe, dass ich an einem ganz anderen Ort bin, dass ich bei mir selbst bin und weiss, dass sie nicht wussten, was sie sagten, nicht wussten, was sie taten, und nie wissen werden, wie sie selbst im Alter zwischen 30 und 40 mit meinen Erkrankungen umgegangen wären. Vielleicht besser so…

„Sie gehen aber recht locker damit um.“ Wie recht sie hat. Und auch wenn ich dies weiss und mich das Bewusstsein um meine Stärke auch immer wieder beflügelt, ist es doch ein schönes Erlebnis, die Feststellung von einer anderen Person zu hören; überdies von einer, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Mein Hauptfacharzt sagt ja das Gleiche. Nur er und ich waren bei der Diagnose dabei. Er wirkt selbst auf mich ruhig, doch meine Ruhe hat ihn dann doch ein bisschen überrascht. Auch gefreut. Für mich. In diesem schmalen, hellen Zimmer. Ich hatte einen Kaffee bekommen. Den konnte ich schon brauchen, aber ruhig blieb ich so oder so. Über Leute, die mir irgendwann einmal gesagt haben, ich rege mich zu schnell auf, muss ich schon lange nur noch lachen. Nicht im Sinn von „auslachen“, überhaupt nicht in einem bösen Sinn. Sondern einfach, weil die Absurdität in der Aussage mich zum Lachen bringt. Nur darum. Die hätten mich sehen sollen damals, am 14. Februar 2014. Und viele Male zuvor und viele Male danach. Bei Zusammenbrüchen, bei Blutungen, bei Entzündungen, bei Schmerzen. Aufregen? Nein, warum auch? Ich weiss schon lange, dass ich die Situationen überlebe. Meistens alleine. Und ganz ruhig.

Ich bin froh, dass die Fieberschübe aufgehört haben. Leichte (wegen der chronischen Erkrankung) bin ich mir gewohnt, schwerere wie am Montag (wegen Infektionen) setzen mich aber ausser Gefecht. Meine Hausärztin meinte am Dienstagmorgen auch, dass die schweren Fieberschübe aufhören müssten… Hm ja, sehe ich auch so… und kaufte darum gestern den Yogi-Tee. „Natürliche Abwehr“ heisst er, nicht nur „Abwehr“. „Défenses naturelles“; auf Französisch weil im Plural bestimmt noch wirksamer. „Immune support“; auf Englisch ist die Natürlichkeit verschwunden, dafür die Unterstützung dazugekommen, was auch nicht schaden kann. Wenn ich ihn morgen trinke, öffne ich die Schachtel mit den „Hüppen“. Dann muss es mit der Dublin-Reise einfach klappen.

Ein Test zum Frühlingsanfang

22. März, zehn Wochen seit Beginn der Therapie, die mich auf eine weitere Geduldsprobe stellt, von der meine Hausärztin gestern meinte, sie wirke bei mir nicht und ich solle einen Telefontermin mit meinem Hauptfacharzt vereinbaren, und von der ich heute, nach genau zehn Wochen, zum ersten Mal denke, dass sie vielleicht doch anfängt zu wirken. Ebenfalls zu diskutieren gab gestern der Entzündungswert, der auf eine weitere Infektion schliessen lässt, was ich am Montagmorgen und -mittag auch sehr deutlich zu spüren bekam. Doch es sieht dieses Mal zum Glück so aus, als ob dem Körper die Abwehr gelänge. Trotz massiver Unterdrückung. Das hoffe ich auch sehr, denn eine weitere Infektion würde für mich das (zumindest vorläufige) Ende mit Immunsuppressiva bedeuten. Weil auch bei mir die psychische Energie irgendwann aufgebraucht ist und Zeit braucht, um sich zu regenerieren. Genau zwei Monate nach Beginn der letzten, schweren Infektion hätte ich diese Energie jetzt nicht schon wieder gehabt. Auch weil die Infektionen ja „nur“ die Folgen von Folgen sind…

Aber es sieht jetzt gut aus. Seitdem ich am Montagmittag, kaum waren die Kinder aus dem Haus, drei „Novalgin“ nahm, viel Kamillentee trank, ins Bett ging und abgesehen von einem Unterbruch, um einmal etwas zu essen, den ganzen Nachmittag schlief, spüre ich keine Symptome mehr. Ich wusste vom Januar her, dass sich einige Stunden danach, spätestens aber in der Nacht zeigen würde, ob es ernsthaft sei oder nicht bzw. ob die Symptome zurückkämen oder fernblieben. Sie blieben dann fern, worüber ich sehr, sehr erleichtert war. Der Entzündungswert im Blut, der unter 5 sein sollte, war am Dienstagmorgen auf 41. Das ist deutlich erhöht, aber immerhin nicht so extrem wie damals im Januar, als er auf 144 angestiegen war, was selbst eine erfahrene Ärztin erstaunte. Die anderen Blutwerte waren gestern in Ordnung; nicht berauschend, aber in Ordnung. Dass ich ein weiteres Mal in eine Anämie hineinkomme, versuchen wir zu verhindern, vorerst noch ohne Infusionen. Und falls Imurek tatsächlich nach genau zehn Wochen zu wirken angefangen haben sollte, geht es wohl weiterhin ohne Infusionen. Das wäre gut; jedes Stechen, das vermieden werden kann, ist willkommen. Ein paradoxer Satz; etwas, was nicht ist, ist willkommen. Na ja, ab und zu vielleicht ganz zutreffend im Leben…

Die zehn Wochen sind ja eigentlich erst neun Wochen, da ich die Therapie im Februar für eine Woche unterbrechen musste. Trotzdem sind neun Wochen bereits die Hälfte mehr als die durchschnittliche Einschleichzeit von sechs Wochen. Ich warte ein paar Tage ab, ob die heute zum ersten Mal erkennbare positive Veränderung anhält. Wenn ja, bin ich darüber sehr froh; wenn nein, frage ich meinen Hauptfacharzt, ob ich mich weiter gedulden soll oder ob er gleicher Meinung wie meine Hausärztin sei; nämlich, dass ich auf die Therapie offenbar nicht anspreche und wir ein anderes Medikament in Betracht ziehen sollten. Dann hätten wir das Imurek verloren, wie er sich ja schon beim letzten Besuch ausgedrückt hatte. Den Satz werde ich so schnell nicht vergessen. Prednison wirkt nicht mehr und hat mir zudem fünfeinhalb Monate über die Therapie hinaus den Schlafrhythmus komplett durcheinandergebracht. Er möchte es bei mir nicht mehr einsetzen, und ich möchte es auch nicht mehr.

Imurek wäre, wenn es nicht wirkt, also bereits das zweite Therapieversagen. Ja, dann hätten wir Prednison und Imurek verloren. Am Montagmorgen und -mittag, als es mir so richtig schlecht ging, machte mir auch dieser Gedanke Angst. Das zweite „Blackout“ innerhalb von fünf Tagen, am gleichen Ort, aus dem gleichen Grund, war schon ein kleiner Test. Als dann kurze Zeit später noch die Anzeichen einer erneuten Infektion dazukamen, hatte ich nicht nur Angst, sondern spürte genau, sehr genau, dass ich momentan keine Energie (mehr) habe, sie durchzustehen. Im gleichen Migros-Restaurant in Winterthur wie am vergangenen Mittwoch, weil ich das Auto in der Nähe geparkt hatte. Mit dem Auto war ich hingefahren, um die im „Cachet“ gekauften Möbelstücke abzuholen.

Ich hatte Bedenken, nicht mehr mit dem Auto zurückfahren zu können; ich hatte das Gefühl, im Spital von Winterthur zu landen; ich hatte Sorgen um die Kinder, die von der Schule nach Hause kommen würden. Ich wusste ja nicht, wie es weitergehen würde, und ich hatte auch keine Lust jemanden anzurufen und zu informieren. Manchmal reicht es einfach, und ich kann nicht mehr handeln, sondern nur noch warten. Ich trank einen Tee, ging zum Auto zurück und fuhr nach Hause. Es war die Strecke, die ich am 30. Januar 2016 gefahren war. Auch jedes Mal, wenn ich sie mit dem Auto fahre, ein Test, ein etwas grösserer Test. Ich fahre die Strecke nicht oft, weil ich meistens den Zug nach Winterthur nehme; mit dem Auto könnte ich auch einen Umweg wählen. Aber genau so wie mit den im letzten Beitrag beschriebenen Wölfen und Schmetterlingen bringt es nichts, ändert es nichts. Lieber setze ich mich der Konfrontation aus.

Ich hatte kalt, sehr kalt, und ich kam später als geplant nach Hause – und ohne die Chicken Nuggets und die Pizza, die ich den Kindern hätte bringen wollen. Sie mussten sich selber helfen; ich konnte nichts mehr machen. Irgendwie hatte es gerade noch für die Autofahrt von Winterthur nach Eglisau gereicht. Zur Schule fahren konnte ich sie nicht, was ich sonst jeweils mache, da sie einen für Schweizer Verhältnisse weiten Weg haben und ihn, wenn sie am Nachmittag Unterricht haben, trotzdem dreimal von viermal zu Fuss zurücklegen. Naila meistens sogar viermal, da sie sich jeweils mit zwei Freundinnen verabredet. Für Taieb war es kein Problem; er ist, wenn es mir schlecht geht, immer ein Goldschatz und macht alles richtig – vom Kopf her und vom Herzen her. Er versprach mir, nach der Schule so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, um mir wie damals im Januar Tee zu machen. Leider musste ich den geplanten Besuch bei Monika verschieben. Also werde ich ihr süsses Baby zwei Wochen später als geplant sehen, und die Kinder haben heute zwei Tage später als geplant Pizza und Chicken Nuggets bekommen.

Morgen buche ich die Osterreise nach Dublin, heute habe ich mir den Yogi-Tee „Abwehr“ gekauft, und gestern Abend konnte ich endlich zum ersten Mal in die Osteopathie gehen. Frau Richter wird es richten; sie hat mich mit ihrer gezielten und gleichzeitig behutsamen Arbeitsweise überzeugt. Das Zimmer, in dem sie arbeitet, ist sehr geschmackvoll und sehr wohltuend eingerichtet. An der Wand gegenüber der Türe hängt ein Seidentuch mit Schmetterlingen darauf. Ein paar kleinere um einen grösseren herum. Der grössere in der Mitte ist violett.

Von Schmetterlingen, Sternen und einer Strada

Wir haben noch eine Lady in einer Farbe (oder eben keiner Farbe) entdeckt: die „Lady in black“ von Uriah Heep. Cooler Song, auf jeden Fall inspirierend. Zu einem Bild, zu einem Text. Zu einer Handlung. „She came to me one morning, one lonely Sunday morning, …“ Es wird spannend mit den Ladies in verschiedenen Farben. Am meisten interessiert mich natürlich diejenige in Lila. Nicht so sehr, weil diese Farbe die internationale Symbolfarbe für die grösste Herausforderung in meinem Leben ist; nicht so sehr, weil sie schon seit zehn Jahren meine Lieblingsfarbe ist. Sondern weil es so aussieht, als ob die gemeinte „Lady in blue“ und die gemeinte „Lady in red“ jede Frau darstellen könnten, die „Lady in purple“ aber tatsächlich ich sein werde.

Lila gefällt auch Naila. Einer ihrer Lieblingspullover ist violett und darauf sind wiederum violette, rosarote und grüne Schmetterlinge abgebildet. Ich muss ihn bald einmal waschen 😉 und fotografieren, um ihn als Beitragsbild zu verwenden. Denn er ist für mich natürlich nicht nur einer von Nailas Lieblingspullovern, sondern auch der Träger einer Doppelsymbolik: Violett und Schmetterlinge. So geht es mir auch mit zwei T-Shirts von ihr. Ähnlich geht es mir mit Taiebs Gruppeneinteilung in der Schule: Er ist bei den Wölfen. Die eine Hälfte der Klasse sind Wölfe, die andere Hälfte sind Bären. Taieb ist also ein Wolf. Jedes Mal, wenn ich am Tisch sitze und esse – und das kommt oft vor 🙂 – sehe ich von meinem Platz aus nicht nur das Klavier, sondern auch die magnetischen Schreibtafeln, auf die wir die Stundenpläne und Telefonalarme der Kinder geheftet haben. Und jedes Mal schaut mich dieser Wolf an. Ich schaue immer zurück. Ich schneide das Bildchen nicht weg, ich hänge die Liste nicht woanders hin, ich wechsle meinen Platz an unserem Tisch nicht. Bringt alles nichts, ändert alles nichts. Ich schaue immer zurück und trinke meinen Kaffee.

Schmetterlinge haben wir auch auf der neuen Tischdecke, die ich nach der Reinigung des Hauses am 3. April auf den Tisch legen werde. Wir haben sie am Freitagabend in Bern gekauft, weil meine Mutter zum Glück einmal herausgefunden hat, dass der „Loeb“ transparente Tischdecken verkauft, nachdem ich solche bei uns in der Gegend vergebens gesucht hatte. Der Tisch ist 1.80 m lang, kann um einen halben sowie um einen ganzen Meter ausgezogen werden und hat in der Mitte eine Trennlinie. Ich möchte, dass sie sichtbar bleibt, damit klar ist, wo der Essbereich und wo der Bereich für die Hausaufgaben ist. Wir haben eine transparente Decke mit kleinen Sternen darauf; die neue hat nun eben Schmetterlinge. Es hat jeweils nur eine transparente mit einem bestimmten Motiv darauf. Aber die Schmetterlinge gefallen mir trotz der für mich besonderen und nicht gerade sommerhaft leichten Symbolik. Die Reinigung des Hauses haben wir ein zweites Mal verschoben, weil ich Ende Januar krank war. Der Vorteil ist, dass dafür am 3. April auch gleich die Fenster gründlich gereinigt werden können, worüber ich froh bin. Diesbezüglich ganz gut, dass es zu der erneuten Verschiebung kam.

Am Mittwochmorgen, bevor ich meinen Termin und kurze Zeit nach dem Termin das „Blackout“ hatte, kaufte ich in einem Kioskladen einen Kaffee. Der Mazedonier (lässt sein Akzent mich vermuten) „kennt“ mich und freut sich jedes Mal, wenn ich vorbeikomme. Manchmal gehe ich auch „nur“ vorbei, weil er dort ist, und kaufe einen Kaffee, obschon ich keinen bräuchte. Am vergangenen Mittwochmorgen brauchte ich aber schon einen, insbesondere da ich für das Gespräch mit der Fachperson (im Bereich Krankheit und Kinder/Krankheit in der Familie) einen wachen Geist haben wollte. Den Mann vom Kioskladen habe ich im Beitrag „Der Schirm“ schon einmal beschrieben; das Beitragsbild ist kein Schirm, sondern eines der im letzten Beitrag erwähnten Dekogläser vom „Cachet“, eines der rosaroten. Ich schaue ihm jedes Mal gerne zu, wie er den Kaffeerahm (die Kaffeesahne) in die Becher leert und umrührt. Sehr vorsichtig, sorgfältig, liebevoll. Er weiss schon lange, dass ich zwei davon möchte, aber keinen Zucker. Am Mittwoch entschuldigte er sich, weil er keine grösseren Becher mehr hatte, doch die kleineren taten es genauso, fand ich. Er duzt mich, ich sieze ihn. Er merkt das gar nicht, und mich hat meine Erziehung diesbezüglich geprägt, sodass ich nicht anders kann. Er sagte „tschau“, ich sagte „auf Wiedersehen“.

Nach Bern waren wir vorgestern nicht wegen „Loeb“ gefahren, auch nicht wegen der „Spaghetti Factory“, in der wir Spaghetti alla Avocado-Carbonara assen und mit „Montepulciano“ auf Nailas Geburtstag anstiessen, sondern wegen des Konzerts von Pippo Pollina. Mir gefallen nicht nur seine Lieder, sondern auch seine Gedanken, sein Engagement, seine Anekdoten. Diejenige, die sich in einem Spital auf Kuba abgespielt hat, hatte jedoch etwas Bittersüsses für mich. Anscheinend war er wegen einer Magen-Darm-Grippe dort gewesen. Er erzählte sehr unterhaltsam, wie die Krankenschwester die Vene für die Infusion nicht gefunden und irgendwo daneben hineingestochen habe, was mit ihren überlangen Fingernägeln zu tun gehabt haben könnte… Es war sehr lustig zuzuhören und sich die Ereignisse vorzustellen; es war für mich aber auch die Erinnerung an einen Nachmittag, an dem ich eine Infusion brauchte, die Venen aber nicht mitmachen wollten, sondern jeweils kurz vor dem Stechen „davonrollten“, sodass es zu einer grossen Geduldsprobe wurde, bis es dann endlich doch noch klappte, und der rechte Arm mir in der Folge eine Woche lang so weh tat, dass ich kaum schreiben konnte, was wiederum das Arbeiten sehr erschwerte. Gesehen hat das niemand, gesagt habe ich nichts. Am Freitagabend erinnerte mich Pippo Pollinas Kuba-Anekdote daran. An der Tatsache, dass das Konzert eine weitere Perle in meiner grossen Perlensammlung ist, änderte dies nichts. Im Gegenteil – ich freue mich bereits, ihn im Mai erneut zu erleben.

Als wir nach dem Konzert und den Zugaben zum Berner Hauptbahnhof zurückfuhren und aus der Strassenbahn ausstiegen, brauste eine Ambulanz in einem Höllentempo und mit heulenden Sirenen an uns vorbei. Naila erschrak und meinte: „Gäll, da isch sicher öpper im Halbschterbe?“ Ich fasste ihre Hand fester und erwiderte, dass da jemand wohl sterben würde, wenn die Ambulanz nicht unterwegs wäre. Sie war beruhigt. Ihre Wortschöpfung „halbsterben“ erinnerte mich an meinen Beitrag, in dem ich geschrieben hatte, es gebe nichts zwischen „lebendig“ und „tot“. Das eine oder das andere, keine halben Sachen. Kein „Halbsterben“, kein „Halbleben“. Ich erinnerte mich auch an den Zusammenhang, in dem ich dies geschrieben hatte, nämlich die ach so kommunikativ geschulte und ach so gerne nachgeplapperte Miteinbeziehung der „anderen Seite“ und die ach so naive Annahme, dass es die „andere Seite“ immer gebe. Es gibt sie nicht immer. Wenn es um Leben und Tod geht, gibt es nur eine Seite. Diejenige, die zwischen diesen beiden Ausgängen steht.

Ich wollte mir den Abend auf keinen Fall durch die Erinnerung an die wenigen, aber prägenden Situationen, in denen mein Körper vor dem Shutdown war und ich jeweils von den gleichen zwei oder drei Personen aufgefordert wurde, die „andere Seite“ zu sehen, verderben lassen. Also fasste ich Nailas Hand noch fester, sagte „Camminando“, und wir sangen: „Camminando troverai la tua strada, …“

Lady in …

Gestern Morgen hatte ich selbst wieder einmal ein „Blackout“, und kaum ging es mir wieder gut, sah ich einen Mann auf dem Boden liegen. Auf der Strasse, am Bahnhof Winterthur. Ich ging hin, um meine Hilfe anzubieten; andere Menschen gingen ebenfalls hin, um ihre Hilfe anzubieten. Wir wurden von den beiden Frauen, eine schätzungsweise zwischen 20 und 30, die andere zwischen 30 und 40, angefaucht. In Anbetracht der vielen Gaffer und Gafferinnen, die bei solchen Vorfällen eben jeweils nur gaffen und sonst nichts tun, war das schon eine eher spezielle Erfahrung, um es einmal so auszudrücken. Ich war zudem wenige Minuten zuvor selbst für ein paar Sekunden bewusstlos gewesen; nicht auf der Strasse, sondern auf der Toilette des Migros-Restaurants, wohin ich es dank der mir wohlbekannten Vorboten noch geschafft hatte. (Am Morgen zu pokern und Termine abzumachen ist nach wie vor keine gute Idee – Imurek nimmt sich viel, sehr viel, zu (?) viel Zeit, um mit seiner Arbeit zu beginnen…)

Gut, wir wurden also unfreundlich abgewiesen und gingen darauf unserer Wege. Mehr, als Hilfe anbieten, konnten wir nicht, und mit einer solchen Reaktion hatten wir nicht gerechnet. Der Mann am Boden, schätzungsweise zwischen 30 und 40, tat mir leid; die beiden Frauen fand ich ätzend. Die ältere von beiden kniete neben dem Mann und war gerade auf die Idee gekommen, ihm die Jacke zu öffnen. Auf unsere Bemerkung hin, dass wir „ja nur“ unsere Hilfe hätten anbieten wollen, meinte sie in einem Tonfall, als ob die ganze Schweiz das wissen müsste: „Er ist Epileptiker. Jeder kommt vorbei und fragt das Gleiche; wir wollen auch einmal unsere Ruhe.“ Wir liessen ihr dann ihre Ruhe, im Wissen darum, dass mit „jeder“ eine Minderheit gemeint sein musste, eine kleine Minderheit. Die jüngere von beiden erklärte wichtig, sie sei Krankenschwester. Na ja, ich weiss nicht genau, was sie damit sagen wollte; sie stand ziemlich untätig daneben. Die Frage der anderen Frau, ob sie ein „Temesta“ dabei hätte, verneinte sie. Ich ging also weiter, nachdem ich mich doch noch getraut hatte zu fragen, ob denn ein Arzt oder eine Ärztin unterwegs sei. Die Ambulanz sei unterwegs, meinte die Krankenschwester in Zivil. Kurze Zeit später hörte ich, dass die Ambulanz tatsächlich unterwegs war, und war soweit beruhigt. Für den Mann auf dem Boden.

Ansonsten war ich etwas aufgewühlt und beschloss, in eines meiner Lieblingsgeschäfte zu gehen. „Cachet“, ein Geschäft mit wunderschönen Innendekorationen, wo ich schon viel Geld ausgegeben habe… Ich blieb länger als gewohnt in dem Geschäft, weil der Anblick der dekorativen Holzmöbel, der farbigen Teegläser und der bunten, gewobenen Teppiche beruhigend wirkte. Natürlich ging mir der 30. Januar 2016 durch den Kopf, natürlich verspürte ich die damaligen Ängste, wenn auch in abgeschwächter Form, wieder, natürlich ging mir der Gedanke durch den Kopf: „Was, wenn damals der ältere Herr nicht auf dieser Strecke oder nicht aufmerksam gewesen wäre; was, wenn dann niemand anders seine Rolle übernommen hätte; was, wenn die Herzdruckmassage nichts gebracht hätte?“ Natürlich lief der ganze Film in mir ab, lief verstärkt ab, als wenn ich mich sonst daran erinnere.

Und es war nicht „nur“ diese Erinnerung, dieser innere Film. Es war auch das am Bahnhof Winterthur gelegene Ärztezentrum, auf das einer der Hilfe anbietenden Passanten die beiden Frauen aufmerksam machen wollte, womit er auch wieder abblitzte, und in dem ich auch einige Male auf dem Weg von der Arbeit in meiner damaligen Verzweiflung um Hilfe gebeten hatte. Es war auch die Frage nach dem „Temesta“, die in mir das Bild der ungeöffneten und unangetasteten Packung Temesta bei uns im Spiegelschrank aufkommen und gleichsam diese mit nichts zu vergleichende, quälende Müdigkeit nach dem Absetzen des Kortisons in jede einzelne meiner Körperzellen zurückfahren liess. Es war auch die Tatsache, dass ich wenige Minuten zuvor wegen erneuter schmerzhafter Blutungen für ein paar Sekunden das Bewusstsein verloren hatte. Nicht auf der Strasse, nicht in der Öffentlichkeit, sondern alleine. Das macht mir zwar schon längst nicht mehr viel aus. Nur war es ein seltsames Gefühl, einige Minuten später – gutaussehend, würde ich mal vermuten… (?) – den Bahnhofsplatz zu überqueren, in Not geratenen Menschen Hilfe anzubieten und angefaucht zu werden.

Irgendwann war der innere Film vorüber, und ich sah die roten und rosaroten Tulpen, die ich am Dienstag bekommen hatte, vor mir. Meine Rolle als Engel spiele ich schon lieber im Leben von Menschen, von denen etwas zurückkommt. Das müssen keine Blumen sein, das muss keine Schokolade sein, das muss überhaupt nichts Grosses sein. Das kann auch „nur“ eine kurze Mitteilung auf dem Mobiltelefon sein, wie diejenige von Finans Mutter am Montag, als sie sich bei mir bedankte, dass ich Finan mit zum Schlittschuhlaufen genommen hatte. „Danke für alles, Sabine“, schrieb sie. Es geht nicht einmal um den Dank, es geht um die Resonanz. Ja, es geht um die Resonanz. Diese habe ich von dem Freund, dem ich offenbar mit meinen offenen und ehrlichen Gedanken weiterhelfen konnte, nicht nur in Form von Blumen und Schokolade erhalten, sondern auch in Form von Worten. Es freut mich natürlich, wenn ich Menschen inspirieren kann; es macht mich glücklich. Er ist – unter anderem – Fotograf und Maler, und wie ich schon einmal geschrieben habe, werde ich Texte zu seinen nicht-figürlichen Bildern schreiben. Vielleicht später auch zu den figürlichen. Er arbeitet gerade an einer „Lady in blue“, eine „Lady in red“ existiert bereits.

Engel habe ich auch in meinem Leben. Nicht alle nenne ich hier im Blog – aus Gründen, die ich nicht angeben müsste, aber schon mehr als einmal angegeben habe. Eigentlich muss ich beim Schreiben gar nichts; Schreiben ist Literatur, und an der Literatur faszinieren mich die Kreativität und die Freiheit. Nicht die nachgeplapperten Interpretationen… Womit ich wieder einmal bei „Homo Faber“ und dem Thema Schullektüre gelandet wäre… Um es sogleich wieder zu verlassen; tempi passati. Freiheit und Kreativität liegen mir einfach viel mehr… Als kreativ nahm mich zum Beispiel Pia – auch ein Engel in meinem Leben – wahr, als sie zum ersten Mal in unser Haus kam und sah, wie ich es eingerichtet habe. (Viel vom „Cachet“…, zum Beispiel die gelben, grünen und rosaroten Dekogläser, die bei uns an den Treppengeländern hängen und die ich schon als Beitragsbilder verwendet habe.) Pia nahm gestern Nachmittag Naila auf einen Spaziergang und einen Einkauf mit, Bea liess Naila im Garten mitarbeiten und die Häckselmaschine benutzen, Richi bot ihr seine Hilfe beim Rechnen an, Rahel nahm Taieb am vergangenen Sonntagmorgen zum Skater Park in Bülach mit, Karina hat mich für morgen zum Kaffee/zweiten Frühstück eingeladen. Ich bin für alles sehr dankbar. Insbesondere gestern Nachmittag wieder, da ich mich nach einem „Blackout“ eigentlich jeweils eine bis zwei Stunden hinlegen sollte… – eigentlich.

Ein paar meiner Engel… Schön, wenn ich selbst für andere diese Rolle auch spielen kann. Ich weiss nicht so genau, aber ich vermute, es wird bald eine „Lady in purple“ geben… 🙂

Frühlingserwachen

Heute habe ich Blumen bekommen. Blumen und Schokolade; Gottlieber Hüppen, um genau zu sein. In den letzten Monaten und Jahren habe ich zwar öfters Blumen bekommen, aber heute war es trotzdem speziell. Ich war gerade am Kochen, sah eine Frau mit Blumen im Arm an unserem Küchenfenster vorbeigehen und hatte sogleich eine Vermutung. Kurz darauf klingelte sie auch tatsächlich bei uns. Ich öffnete, und sie übergab mir die roten und rosaroten Tulpen sowie die Hüppen. Sie war sehr freundlich und erklärte mir noch kurz, wie ich die Tulpen am besten wässern soll. Dafür war ich dankbar, denn ich habe „keinen grünen Daumen“, obwohl ich Blumen sehr gerne habe. Ich bedankte mich also bei ihr, wünschte ihr einen schönen Mittag und liess mich überraschen, wer an mich gedacht hatte. Die Worte auf dem zugehörigen Kärtchen haben mich ebenso gefreut, das Teigwarenwasser war längst übergelaufen, die Hüppen habe ich vor den Kindern in Sicherheit gebracht.

Heute hatte ich gar nicht vor, einen Text zu schreiben, doch dann haben die Blumen mich dazu inspiriert. Jetzt habe ich eine Art „Schreibblockade“, was sehr selten vorkommt. Vielleicht hätte ich doch – wie geplant – keinen Text beginnen und Nailas Geburtstagseinladung gestalten sollen. Blumen hin oder her… Jedenfalls habe ich mangels Inspiration meinen letzten Beitrag („Zum (Un)glück“) noch einmal durchgelesen. Eigentlich steckt in dem Text ziemlich viel Brisanz, zu der selbstverständlich personelle Vermutungen angestellt werden können und gegen die in anderen Ländern vorgegangen werden könnte. Zu der es die viel zitierte „andere Seite“ nicht gibt. Diese gibt es meines Erachtens fast immer und ich bemühe mich je länger, je mehr, sie einzubeziehen und zu verstehen. Es gibt sie fast immer, und es ist fast immer wichtig, sich ihrer bewusst zu werden oder es zumindest zu versuchen. Aber nicht immer. Nicht, wenn es um Leben und Tod geht. Da gibt es keine „andere Seite“, die relevant wäre. Weil es zwischen Leben und Tod auch nichts gibt. Es gibt kein halblebend, kein halbtot; es gibt „nur“ tot oder lebend. Wenn es für einen Menschen um Leben und Tod geht, kann es nichts geben, was wichtiger wäre. Ausser, es gehe bei den anderen auch um Leben und Tod…

Um Leben und Tod ging es auch vor genau einem halben Jahr bei Nahom. Er starb; der Rhein, das Boot, sein Wagemut waren ihm zum Verhängnis geworden. Heute Nachmittag besuchten Taieb und ich sein Grab. Taieb durfte eine kleine Keze in einem hellgrünen Töpfchen auswählen, mitnehmen und anzünden. Er platzierte sie an einen Ort, wo sie sicher steht; neben die vier Kerzen, die Naila vor genau einem Monat hingestellt hatte. Er zündete sie an, hatte Angst, dass die kleine Flamme gleich wieder auslöschen würde, und war dann erfreut, dass sie in der frühlingshaften und warmen Windstille gerade und beständig brannte. Er war etwas erstaunt über die verwitterten Gaben und gleichzeitig erfreut darüber, dass alle noch da sind. Alle noch da, wenn auch etwas verwittert. Auch die beiden Gummibälle von Taieb und Naila: etwas dreckig, aber noch da, schön nebeneinander. Nicht weggerollt, den ganzen Winter über nicht weggerollt.

An den Winter, der zwischen Nahoms Tod und dem heutigen sonnigen Frühlingstag liegt, denke ich lieber nicht zu viel zurück. Nicht, dass ich verdrängen wollte, was passierte und was was nach sich zog; das ist weder meine Art noch wäre es förderlich. Das Gleiche gilt für den Winter 2015/2016. Doch zur Zeit ist es besser, sich dem Frühling und den Tulpen zuzuwenden. Die Therapie läuft ganz gut, ausser dass ich mich immer noch gedulden und auf den Eintritt einer ersten Wirkung warten muss. Aber von den Nebenwirkungen her kann ich bis jetzt zufrieden sein. Manchmal habe ich Kopfschmerzen. Sie sind anders als diejenigen, die (wie die Rückenschmerzen) noch auf den Unfall zurückzuführen sind. Übelkeit kann ich vermeiden, indem ich vor dem Einnehmen des Medikaments ausreichend esse; Haare gehen wieder vermehrt aus – wie unter Kortison – aber das sieht niemand, weil viele Haare nachwachsen, wofür ich einmal mehr sehr dankbar bin.

Verdrängen ist nie förderlich, davon bin ich überzeugt. Im Umgang mit dem Urteil „lebenslänglich“ schon gar nicht. Darüber zu schreiben, hilft viel. Zum Beispiel über den ebenfalls im letzten Beitrag beschriebenen Zusammenbruch in der Kirche von Heraklion. Der war für mich schlimmer als diejenigen zu Hause oder am Arbeitsplatz; schlimmer, weil er in einer Kirche passierte, weil er in den Ferien passierte, weil er in einem anderen Land passierte. Die Angst in den Minuten des Anbahnens, in den letzten Sekunden, bevor mein Bewusstsein diese Kirche in Osterstimmung verliess, war beengend, bedrängend, bedrohend gewesen. Sie wurde von dem satten Gold der Heiligenbilder angezogen, aufgesogen, um einige Sekunden später, als ich gewissermassen auferstanden war, durch das blendend helle Licht der sich weiter oben befindlichen Fenster zu entschwinden. Auf die andere Seite. Es war orthodoxer Ostersonntag.

Die Blumen habe ich heute nicht (wie schon fast gewohnt…) wegen Krankheit oder Unfall bekommen. Sondern weil jemand sich bei mir für meine weiterführenden, motivierenden und bereichernden Gedanken im gegenseitigen Austausch bedanken wollte; für mein Einbringen der von mir vermuteten Situation und Sicht der „anderen Seite“ und meine dadurch entstandene Hilfe; für meinen Geist, meine Seele. Frühjahrsgrüsse für einen Engel.

(steht darauf)

Zum (Un)glück

Den gestrigen Beitrag hätte ich auch mit “Drama” beginnen, die Vorfälle am Basler Bahnhof an den Anfang stellen, in jedem Detail beschreiben und die Anzahl der Lesenden verdoppeln oder sogar vervielfachen können. Aber darum geht es mir nicht; ich finde gewisse Beobachtungen und Feststellungen lediglich aufschlussreich und interessant. Die eineinhalb Tage in Basel werden mir als schöne, bereichernde und erfüllte Tage in Erinnerung bleiben; als Perlen, wie ich “solche” Tage oder Momente im vergangen Oktober einmal genannt habe. Vor der Aufnahme des gestrigen Beitragsbilds hätte ich die Tischdecke glätten und abwischen können; für das heutige Bild hätte ich die Dornen weglassen können. Aber darum geht es mir nicht; ich möchte das Leben abbilden, wie es ist, in all seinen hellen und leichten sowie seinen schweren und dunklen Facetten, und auch in den Bildern Realitäten widerspiegeln. Vom Vortäuschen und Vorgaukeln haben wir schon mehr als genug, und letzlich dient es niemandem.

Wie gestern angedeutet, habe ich das Aushalten und Überspielen von (starken) Schmerzen in den letzten Monaten nicht mehr so gut hingekriegt und häufiger als früher Schmerzmittel genommen. Die Aussagen der Ärzte und Ärztinnen haben mich soweit beruhigt; zudem habe ich noch immer oft darauf verzichtet und gehe davon aus, über die wärmeren Jahreszeiten wieder ganz ohne auszukommen. Vielleicht müsste ich wieder unterrichten…; da habe ich das Überspielen meistens glänzend hingekriegt. Zum Glück, dachte ich damals; zum Unglück, dachte ich während der Zeit meiner Krankschreibung, die wohl von ein paar wenigen Leuten angezweifelt wurde; zum Glück, denke ich jetzt wieder, da es mir wirklich – und mit “wirklich” meine ich wirklich – egal ist, ob ein paar wenige Leute vielleicht immer noch meinen, ich hätte einen langen, bezahlten Urlaub gemacht. An die Kollegin, die ein Problem mit meinem schlecht geplanten Operationstermin, ihrem dadurch erhöhten Vorweihnachtsstress (rein fiktiv, sie übernahm ja keine einzige Lektion…) und Sorgen wegen der durch meinen Ausfall verursachten Kosten hatte, denke ich kaum noch je. Sie hat mit fast allem und allen ein Problem, und warum und wie sie sich ihre “Opfer” aussucht, ist einfach durchschaubar. Die Zweckgemeinschaft, die sie mit einer anderen Kollegin, mit der sie früher eine Art “Zickenkrieg” austrug (vor meiner Zeit; habe ich durch mehrere ehemalige Arbeitskollegen erfahren), eingegangen ist, ist nur etwas: falsch, lächerlich und peinlich. Dass ich hier und jetzt noch einmal darüber schreibe, hat nur damit zu tun, dass ich mir für meinen Blog und später für das erste Buch eine gewisse Vollständigkeit wünsche, die nun einmal voraussetzt, dass ich über das eine und andere noch berichten werde, auch wenn ich längst darüberstehe.

Wenn ich schreibe, dass kein Lehrer und keine Lehrerin zu Stellvertretungen gezwungen wird und diese zudem sehr gut entlöhnt werden, kann man mich natürlich als FB-Freundin löschen, wie eine ehemalige Arbeitskollegin dies getan hat. Irgendwie kindisch, unreif und vor allem oberflächlich, und irgendwie auch passend zu anderen Beobachtungen aus dem “realen” Leben. Wenn ein Kollege, der selbst bei der Arbeit zahlreiche Fehler macht(e) und dadurch immer wieder für Unklarheiten, Verwechslungen und Verwirrung sorgt(e), mich bei den “Vorgesetzten” verpetzt, ohne sich zuerst bei mir nach dem Grund für die damalige Verspätung zu erkundigen (siehe Beitrag “Dunkel und ruhig”), hat mich dies, als ich es viel später erfuhr, zwar verletzt, aber ich stehe längst darüber. Mir selbst wäre es nicht im Traum eingefallen, zu petzen, wie viele Fehler er macht(e). Dass ich über diese Erfahrungen berichte, hat mittlerweilen gar nicht mehr so sehr mit Verarbeitung zu tun, sondern viel mehr mit meinem Wunsch und meinem Ziel nach einer gewissen Vollständigkeit in meinem Blog. Dass meine Texte gleichzeitig von Auslassungen und Aussparungen leben, wie vor Kurzem einmal erwähnt, ist kein Widerspruch dazu, sondern zeigt im Rahmen meiner Offenheit und meiner Ehrlichkeit eben auch mein Bedürfnis nach Privatraum. Ein Bedürfnis, das wir alle haben; ein Recht, das wir alle haben.

Die Frühlingsferien auf Kreta letztes Jahr waren wunderschön, und ich postete Bilder vom Meer, vom Strand, vom Sonnenschein und von den Kindern. Auch von der Kirche in Heraklion, in der ich zusammenbrach. Ich war “nur” mit Taieb dort. Wir schauten uns die Kirche an, die farbigen Fenster, die Ikonen, die Altäre, und ich merkte schon, dass ein weiterer Kreislaufzusammenbruch im Anzug sein könnte. Die Anzeichen habe ich auch schon beschrieben; die Unterschiede zu dem “mehr-als-Kollaps” am 30. Januar 2016 ebenfalls. Ich spürte “alles”: die aufkommende Hitze in mir, das Zittern, das Schwarzsehen, die Krämpfe im Bauchbereich, die Kopfschmerzen, die Herzrhythmusstörungen, …, … Ich setzte mich auf eine Kirchenbank im hinteren Bereich, versuchte, die überall verstreuten und den ganzen Boden bedeckenden Blätter – es war nach dem orthodoxen Osterfest – zu fixieren und meine Finger ganz fest auf die Holzbank zu drücken, um die Konzentration zu kanalisieren, zu fokussieren und von dem, was in meinem Körper vorging, abzulenken. Die Strategie, die am Arbeitsplatz meistens so glänzend funktioniert hatte…; zum Glück, zum Unglück, zum Glück. Die Strategie, die mich auch an anderen Orten manchmal “gerettet” hatte; die Strategie, die in der kühlen, reich geschmückten und – definitiv zum Glück – in jener halben Stunde nur spärlich besuchten Kirche von Heraklion zu versagen schien.

Taieb hatte sich – definitiv zum Glück – neben mich auf die Bank gesetzt, sodass ich ihm sagen konnte, was los war. Das geht und ging damals schon ganz schnell; wir können und müssen uns diesbezüglich ganz schnell verständigen. Er verstand sofort und hätte auch, wenn es noch einmal zu mehr als einem Kollaps gekommen wäre, gewusst, wie er reagieren müsste und was zu tun sei. Draussen auf der Einkaufsstrasse, die zum Hafen hinunterführt, gingen viele Menschen auf und ab; vor allem Touristen. Der 30. Januar wiederholte sich dann nicht; es blieb bei einem Kreislaufzusammenbruch, einem von etlichen, die ich erlebt und die ich nicht gezählt habe. Manchmal wegen Müdigkeit, manchmal wegen Stoffwechselstörungen, manchmal wegen Schmerzen. Letztere waren auch in der Kirche dafür verantwortlich. Sie wurden irgendwann so stark, dass der Körper wohl zum eigenen Schutz ein paar Sekunden Bewusstlosigkeit herbeiführte, weil er sie (anders) nicht mehr ertragen konnte. Danach waren sie viel schwächer, hatte sich etwas gelöst. Taieb sass noch neben mir; wir verliessen die Kirche und suchten ein schräg gegenüberliegendes Café auf, wo wir Wasser und frisch gepressten Orangensaft tranken. Der Vorfall blieb unser “Geheimnis” und bleibt auch jetzt, wo ich darüber geschrieben habe, unser “Geheimnis”. Denn wir waren dabei – nur wir zwei. Wir kennen die Details, wir hatten Gefühle dabei, wir erinnern uns – nur wir zwei. Wir zündeten, bevor wir hinaus und zum Café hinüber gingen, drei Kerzen an und gedachten drei verstorbener Menschen. Victor war einer davon; Victor, der siebenjährig an einem Hirntumor starb.

An ihn denke ich auch jetzt gerade, wenn ich Taieb und Finan beim Schlittschuhlaufen zuschaue. Sie haben sich in der Sonne einen Relax-Platz, wie sie ihn nennen, eingerichtet und mit ihrem Proviant bedeckt. Ich bin froh, dass es heute geklappt hat mit Finan. In erster Linie für ihn, aber auch für Taieb. Naila zog wiederum ein anderes Programm vor, und ich dürfte auf keinen Fall einen Sturz riskieren; aus Gründen, die ich auch schon erklärt habe. Mittlerweile ist ein weiterer Grund dazugekommen, aber darüber ein anderes Mal… Nun muss ich hinaus; Taieb ist in eine Pfütze gefallen… 😉