Iss dich schön – mit Ziegenkäse

„Sorry about that, folks!“ Der Fahrer des Busses von Birmingham nach London hatte am Dienstagnachmittag zehn Minuten vor Erreichen unseres Ziels, Victoria Station, an einer Ampel eine Vollbremsung machen müssen. Ein Handy kam von hinten nach vorne geflogen, direkt vor Taiebs Füsse. Er hob es auf, begutachtete es und gab es dem Teenager, der kurz danach neben ihm stand, zurück. Es war trotz weitem Flug unversehrt geblieben. Der Teenager war erleichtert und Taieb freute sich für ihn. Ich war froh, dass das kleine Mädchen sowie das Baby vor uns nicht von den Sitzplätzen gefallen waren, hatte ich doch auf der Fahrt beide in mein Herz geschlossen. Erst nach dem Aussteigen beim Mittagessen im „Shakespeare“-Pub merkte ich, dass eine Vollbremsung bei Gehirnerschütterung nicht das Richtige sein kann. Die Kopfschmerzen wurden (noch) stärker und der Druck nahm zu. Ich bekam Angst, erinnerte mich an die Worte des Arztes in Eglisau und wollte Natalia sehen. Hätte ich den Auslöser für die (noch) stärker gewordenen Schmerzen und den erhöhten Druck nicht gekannt, wäre ich sofort zu einem Arzt oder einer Ärztin gegangen.

So hoffte ich, das Mittagessen im Pub oder die Stunde Bettruhe später in unserem Hotel würde helfen. Dem war leider nicht so. Also vereinbarte ich telefonisch einen Arzttermin für den kommenden Tag auf 13 Uhr und nahm Schmerzmittel für den Abend. Das hatte ich nicht einmal für das Konzert in Birmingham am Vorabend getan. Wir hatten an sich ja wirklich gute Plätze, nur hatte ich ständig Scheinwerfer genau auf mir und direkt in den Augen. Von daher fand ich den Platz dann doch eher unangenehm. Ich merkte da schon, wie die Kopfschmerzen stärker wurden; die Vollbremsung am Dienstagnachmittag war aber der Hauptgrund für meine (grossen) Zweifel, das Konzert in London am Mittwochabend besuchen zu können. Mein Plan war, wenn irgendwie möglich, hinzugehen und den Saal nach dem dritten Lied zu verlassen. „On the wings of the morn…, I’m sailing beside you in your lonely sky.“

Den Dienstagabend konnte ich dank der Schmerzmittel trotzdem geniessen. Natalia hatte ich seit Oktober 2014, als ich zum vierten und letzten Mal das Sprachlager nach Oxford begleitete – stimmt, darüber muss ich bei Gelegenheit auch noch berichten… -, nicht mehr gesehen. Da wir uns zuvor mindestens einmal im Jahr sahen, war diese Dauer ziemlich lange gewesen, und wenn ich mir überlege, was in der Zwischenzeit passiert ist, vervielfacht sie sich… Darum war mir das Treffen besonders wichtig. Taieb konnte sein Englisch anwenden und ich war positiv überrascht, wie viel er versteht und irgendwie auch ausdrücken kann. „You will see in a few years, you will have a tough time, Sabine. He’s gonna be a heartbreaker.“ Etwas Ähnliches hatte auch Bärbel gemeint, als wir in Dublin zusammen essen gingen; etwas Ähnliches hatte auch Monika gesagt, als ich sie anfangs April besuchte. Alexandra erzählte mir, Chiara habe zum ersten Mal einen Jungen ganz hübsch gefunden, nachdem sie ein Foto von ihm gesehen hatte. Das war ein Foto aus Berlin gewesen, vom letzten Sommer; ich erinnere mich und ich erinnere mich sehr gerne. Auf dem Gendarmenmarkt. Wie auch immer: Ich habe mir vorgenommen, keine „tough times“ zu haben deswegen; ich habe sie auch ohne „heartbreaker“ schon oft und heftig genug. Ein bisschen Ironie schwingt da natürlich auch wieder mit; weiss ich doch sehr wohl, dass Gefühle nicht plan- und lenkbar sind…

Nachdem ich am Mittag im Pub Taiebs Salat, den er zu seinem mit „Beans“ gefüllten „Jacket Potato“ serviert bekam, gegessen hatte, kam am Abend mit der Vorspeise – „Goat cheese“ (!) – der zweite und mit dem Hauptgang – Aubergine, mit Gemüse gefüllt und mit „Goat cheese“ (!) überbacken – der dritte Salat des Tages. Da ich auch Taiebs Gemüse, das reichlich unter seinen Teigwaren lag und von dem er behauptete, es zu spät entdeckt zu haben (als er leider schon satt war…), ass, hätte ich mich wirklich gerne für so ein schlaues Heftchen oder ein noch schlaueres Buch gemeldet und meinen Dienstag bezüglich Essen porträtieren lassen. So im Stil von „Iss dich fit“ oder „Iss dich hübsch“. Ganz ohne Ironie, versteht sich. Die Frage nach dem Nachtisch kam selbstverständlich auch auf. Früchte wären der krönende Abschluss gewesen, doch es gab sie nicht als Fruchtsalat, sondern „nur“ in Form von Kuchen. Liebend gern hätte ich Kuchen gegessen und meinem fast schon übertrieben gesunden Essverhalten an jenem Tag ein abruptes Ende gesetzt. Aber ich darf zur Zeit ja keine Süssspeisen essen und sah mich einem kleineren Problem gegenüber…

Natalia kenne ich übrigens von meinem Jahr in Birmingham 1995/96. Sie ist fünf oder sechs Jahre jünger als ich und war meine Schülerin gewesen. Da sie so gut war, konnte ich sie alleine unterrichten und ihr Max Frisch näherbringen. Das war für mich natürlich viel interessanter als die stereotypen „Role-plays“, die ich mit den meisten Gruppen einüben musste und bei denen es viel mehr um Auswendiglernen als um Verstehen geht. Von der Anwendung und Anpassung in konkreten und echten Situationen ganz zu schweigen. Dass wir es geschafft haben, unseren Kontakt aufrechtzuerhalten, spricht für uns beide, finde ich. Nach den A-Levels verliess sie Birmingham; sie mag die Stadt nicht. Ich schon. Sie ist so voller Erinnerungen für mich. „Kings Heath“ habe ich dann nicht bloss angeschrieben gesehen, sondern wir sind sowohl am Montag als auch am Dienstag mit dem Bus von bzw. nach London durch den ganzen Stadtteil gefahren, der Hauptstrasse entlang. Sie ist lang und bunt; rechts und links reihen sich Geschäfte, Cafés und Wohnhäuser aneinander. In einem der Wohnhäuser hatte sie damals stattgefunden, diese Nacht mit Stéphane.

Den Arzttermin konnte ich absagen, und statt um 13 Uhr zum Arzt zu gehen, machte ich einen Termin für Manicure ab (siehe Foto). Das bedeutete für mich mehr als pinke Nägel, mehr als gepflegte Hände und Schönheit, mehr, als ich jetzt gerade auszudrücken vermag. Am Mittwochmorgen, als wir aufwachten und aufstanden, sah es nämlich noch gar nicht danach aus. Die Angst war wieder da. Aber nach dem englischen Frühstück bei, wie sich später herausstellte, zwei Marokanerinnen gingen die Kopfschmerzen zurück – auf das Niveau von VOR der Vollbremsung. Taieb hatte festgestellt, dass sie Marrokanisch miteinander redeten, und mich darauf aufmerksam gemacht. So fragte ich sie, woher genau sie seien, und wir kamen ins Gespräch. Mit Taieb redeten sie ein paar Worte auf Marrokanisch und erfüllten ihm am Donnerstagmorgen, als wir noch einmal bei ihnen englisch frühstückten, seine Wünsche erst, nachdem er sie auf Marokkanisch zu formulieren versucht hatte. Vielleicht war das am Mittwochmorgen irgendwie befreiend gewesen oder der Kaffee hatte ein Zaubermittel enthalten; jedenfalls gingen die Kopfschmerzen danach zurück. Auf das Niveau, auf dem sie am Montag und am Dienstagmorgen waren und auf dem sie auch jetzt noch sind. Daher muss ich erneut für ein paar Tage häufig im Bett und im Dunkeln sein – aber nicht nur. Warum übermässiges Liegen für alle Menschen und insbesondere für Betroffene von gewissen chronischen Erkrankungen schnell einmal gefährlich werden kann, habe ich auch schon erläutert und möchte mich hier nicht wiederholen. Ich muss liegen und ruhen – aber nicht übermässig, sondern mich so viel, wie eben möglich ist, bewegen. Was möglich ist, kann stark variieren.

Ins „Fata Morgana“ konnten wir gestern Abend nicht gehen, weil es mir wirklich nicht gut ging und ich mich fühlte, als ob ich gar nicht wach sei. Also versuchen wir es heute Abend noch einmal, in einem arabischen Lokal in Zürich. Dort waren wir erst einmal, als wir noch keine Kinder hatten. Lange, lange her… Mein Mann hat offenbar mit dem Besitzer abmachen können, dass er mein Lieblingslied spielen lässt: „Sidi Mansour“. Das ist wunderbar, macht mein Problem mit dem Tanzen einfach noch grösser, sehr gross sogar…

Für mein Problem mit dem Nachtisch hatte Natalia jedoch die zündende Idee: „How about the selection of cheese?!“ 🙂

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