Von Schüssen und Tomographien

Bald werde ich ein Gericht vielleicht einmal von innen sehen. Immer wieder etwas Neues…, nicht nur mit der Computertomographie vom Kopf am letzten Freitagnachmittag, auch auf anderen Ebenen. Ich schreibe es nicht zum ersten Mal: Langweilig wird es nie. Nein, ich möchte mich nicht scheiden lassen – die Gerüchteküche finde ich trotzdem und ganz allgemein ein spannendes, unterhaltsames und bisweilen amüsantes menschliches Phänomen (!)… -, und nein, ich möchte nicht aus Neugierde einem Prozess beiwohnen. Aber ich möchte Gerechtigkeit. Gerechtigkeit in meiner eigenen Sache und Gerechtigkeit für andere.

Nicht, dass ich in der Illusion leben würde, vor Gericht Gerechtigkeit zu erreichen. „Recht haben“ und „Recht bekommen“ sind zwei unterschiedliche Dinge, zwei Paar Schuhe, wie an unzählbaren Stellen nachgelesen werden kann. „Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand.“ Eine Redewendung, die wohl keiner Erklärungen bedarf. Nicht, dass ich in dieser Illusion leben würde – nicht mehr. Dazu habe ich zu viel gehört, zu viel gelesen, zu viel mitbekommen. Mit dem eventuellen Gang vor Gericht möchte ich „nur“ zeigen, dass es mir ernst ist. Weil ich recht habe, ob ich Recht bekomme oder nicht. Weil ich zwar schon über vieles geschrieben habe, aber noch längst nicht über alles. Weil ich verdammt lange verdammt stark war und es vielleicht vorübergehend bald nicht mehr bin. Nicht mehr sein will, nicht mehr sein kann. Darum werde ich vielleicht nicht nur vor Gericht gehen und in seriösen Medien meinen Fall thematisieren und meine Geschichte erzählen, sondern mit der Öffentlichkeitsarbeit deutlich weiter gehen.

Am Montagabend kam mir eine Idee – spontan und unerwartet. Sie kam mir vor dem Konzert von Pippo Pollina und seiner Band in Winterthur. Ich weiss nicht, warum, ich weiss nicht, woher. Ich weiss aber, wohin, und ich weiss, wozu. Sie wirkte befreiend. Sie braucht Mut, noch viel mehr Mut als das eine oder andere, was ich im Blog schon geschrieben habe. Doch ich habe ihn, den Mut. Es braucht wohl bald einen Schuss vor den Bug. Ich bin sehr bald bereit dazu, das spüre ich. Meine Geduld ist nämlich am Versiegen, meine Energie – und das braucht viel (!) – ebenfalls. Was hierzulande in vielen Fällen abgeht, wenn eine Person wegen Krankheit oder Unfall länger ausfällt, ist beschämend für einen Staat, der sich Sozialstaat nennt und sogar stolz darauf ist. Sozial ist daran herzlich wenig, und man merkt es erst, wenn man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person näher kennt. Meine erste und „krasse“ Erfahrung mit diesem System, von dem ich zuvor keine Ahnung hatte und geglaubt hätte, es funktioniere einigermassen fair und korrekt, machte ich mit Herrn K., über dessen Vorgehensweise ich berichtet habe. Meine zweite Erfahrung mache ich jetzt mit der Unfallversicherung. Wenn der Fall abgeschlossen ist (was er für mich gar nie sein wird; eine Spur bleibt immer zurück…), wenn er also im herkömmlichen Sinn abgeschlossen ist, werde ich darüber berichten. Und eben höchstwahrscheinlich sehr bald auf noch andere Art und Weise. Lange warten kann und will ich nicht mehr.

Berichten werde ich auch darüber, wie es ist, wenn alle Beteiligten versuchen, sich aus der Verantwortung zu ziehen; wie es ist, wenn die Beteiligten sich gegenseitig widersprechen, weil sie beide das gleiche Ziel haben (nicht bezahlen zu müssen selbstverständlich), aber mit dem jeweiligen Gegenteil zu argumentieren versuchen („wir bezahlen nicht, weil A ist“ versus „wir bezahlen nicht, weil B ist“: A und B schliessen sich gegenseitig aus – logisch, nicht?!); wie es ist, wenn junge, unerfahrene und unreife „Bürohengste“ – der Ausdruck gefällt mir, meine Hausärztin hat ihn verwendet – über mich bestimmen und entscheiden, ob meine Verletzungen schlimm waren, wie lange sie Schmerzen verursachen und ab wann sie auf keinen Fall mehr vorhanden sein, geschweige denn meine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen dürfen; wie es ist, wenn absichtlich die Erklärung meines Internisten bezüglich verzögerten und verlangsamten Heilungsprozessen (das haben schwere Erkrankungen so an sich…) ignoriert wird – gibt es nicht in der Welt der jungen, unerfahrenen und unreifen „Bürohengste“ (!); wie es ist, wenn ich mich an die beiden Winter zurückerinnere, wo ich mehr als einmal nicht mehr sicher war, ob ich „das alles packen“ würde; wie es ist, mit diesem Nichtmehrsichersein konfrontiert zu werden – und zwei kleine Kinder daneben, die Hunger haben, von ihren Sorgen erzählen wollen, Hausaufgaben erledigen müssen und Geschenke für die nächsten Kindergeburtstage brauchen; wie es ist, sich ausgeliefert zu fühlen; wie es ist, wenn profitgierige Versicherungen Menschen, die eigentlich schon mit mehr als genug umgehen müssen, hängen lassen oder ihnen zumindest hundert weitere Hindernisse in den Weg stellen; wie es ist, wenn eine schubweise verlaufende Krankheit durch diesen ganzen Stress und Ärger nur noch schlimmer gemacht wird und „Erholung“ ein nie mehr zu erreichendes Fremdwort geworden ist.

Ja, da gibt es einiges zu berichten – in sozialversicherungsrechtlicher, aber auch in arbeitsrechtlicher Hinsicht. Ich hätte geschwiegen, ich hätte versucht zu „vergessen“. Aber unter anderen Umständen. Die eigentlich und wirklich einschneidenden und schlimmen Erfahrungen sind diese. Nicht die Krankheit(en) an sich. Nicht die entzündeten Organe, nicht die Schmerzen. Nicht das Blut. Nicht die vielen Arzttermine. Nicht die Ungewissheit. Nicht die Einschränkungen, nicht die Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Damit kann ich gut umgehen, damit kann ich gut leben, daran wachsen und reifen, stärker und selbstbewusster werden. Zermürbend und verletzend auf eine Art und Weise, die ich nicht einmal ausdrücken kann – fast hätte ich geschrieben: die nicht einmal ich ausdrücken kann – ist dieser schnöde, menschenverachtende und verlogene Umgang mit Menschen, die schwer erkrankt oder schwer verletzt sind und alleine daher fast täglich neuen Herausforderungen gegenüberstehen.

Ich könnte zum jetzigen Zeitpunkt des Schreibens zu meinem Hauptfacharzt nach Zürich fahren, er könnte mit bildgebenden Verfahren Bilder vom Innern meines Körpers machen und ich wüsste: Er würde Entzündungen erkennen und Schwarz auf Weiss bzw. Weiss auf Schwarz nachweisen können. Trotz Azathioprin. Trotz „Chemotherapie light“. Und ich weiss auch, warum trotz intensivem Therapieren (und ein paar Nebenwirkungen!) eine Verschlechterung eingetreten ist in den letzten zwei Wochen: aus oben vorerst einmal umschriebenen Gründen. Und nein, es geht nicht um Schuldzuweisungen, wie ahnungs- und empathielose Bürokraten bestimmt behaupten würden; es geht um Tatsachen, die „richtige“ Ärzte sofort bestätigen können und unter denen ich zu leiden habe. So, wie viele andere Betroffene auch. Nur hat das falsche System mit meiner Beharrlichkeit nicht gerechnet. Er wird kommen, der Schuss vor den Bug.

Kopfverletzungen dauern oft länger, hat die Angestellte in der Radiologie mir gesagt. Das merke ich, und darum musste ich am Freitagnachmittag eine Computertomographie – nicht etwa ein neuartiges Erlebnis…, neu war nur, welcher Körperteil tomographiert wurde – durchführen lassen. Ich habe immer noch Kopf- und Nackenschmerzen, wenn auch nicht mehr ununterbrochen, und ich habe immer noch Störungen mit dem Gleichgewichtssinn. Wenn ich ein Fenster öffne, habe ich manchmal das Gefühl, ich würde eine halbe Drehung machen; wenn ich zum Fenster hinausschaue, habe ich manchmal das Gefühl, das Licht blitze oder ein Vogel flattere davon; wenn ich im Bett liege, habe ich manchmal das Gefühl, ich sässe im Auto und hätte gerade unverhofft anhalten müssen; wenn ich eine gerade Strecke gehe, habe ich manchmal das Gefühl, ein Hindernis stelle sich mir in den Weg, obschon da gar nichts ist. Das kann irritieren. Auto fahren sollte ich noch nicht, auf Alkohol und Süssspeisen verzichten jedoch schon. Keine allzu schlimmen Einschränkungen, aber mit allem anderen, was so war, ist und sein wird, eben doch nicht ganz einfach. Im Gegenteil: langsam ein bisschen viel…

Auf Menschen, die das wahrnehmen und unumwunden ausdrücken können, bin ich angewiesen. Sandra zum Beispiel. Die auf gestern Abend abgemachte und langersehnte Gesangsstunde hat nicht stattgefunden; Sandra meint, die Vibrationen beim Singen würden die Kopfschmerzen verstärken. Also gehen wir bald einmal zusammen Kaffee trinken und verschieben die Gesangsstunde auf die Tage nach Auffahrt (Christi Himmelfahrt) – vorausgesetzt, dass in München, Würzburg und Frankfurt kein Busfahrer ruckartig losfährt oder eine Vollbremsung macht und auch sonst nichts passiert… 😉

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