Sehr geehrter Herr K.

Sehr geehrter Herr K.

Ihren Bericht an die BVK habe ich damals im Herbst überflogen und jetzt erst richtig gelesen. Auch auf Anraten eines meiner Internisten schreibe ich Ihnen hier unsere Meinung dazu:
Der Bericht ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich haarsträubend. Auf den 20 Seiten wiederholen Sie sich vier-, fünf-, sechsmal wortwörtlich über mehrere Zeilen hinweg. Sie machen ausser bei Titeln/Untertiteln keine Abschnitte sowie sprachliche Fehler, die eines solchen Berichtes absolut unwürdig sind. «Spüren» schreiben Sie mehrfach mit «h». Ob es daran liegt, dass Sie auch die Bedeutung des Wortes nicht zu verstehen scheinen, entzieht sich meiner Kenntnis. Nominalisierte Verben müssten grossgeschrieben werden, zum Teil fehlen Punkte und andere Satzzeichen, Wörter stehen doppelt, und Sie schreiben viermal «mit den Kinder». Der Dativ lässt grüssen… Oder der Nominativ war dem Dativ sein Tod.

Viel schlimmer noch als die sprachlichen Unzulänglichkeiten und diejenigen bezüglich Layout sind die inhaltlichen Fehler. Und Sie haben recht mit dem, was Sie ebenfalls mehrmals erwähnen und ständig wiederholen: Ich habe tatsächlich «Beobachter»-Ratgeber gelesen und bin mit dem «Beobachter» an einem Artikel zu dem ganzen Thema. Aus gesundheitlichen Gründen bin ich damit leider in Verzug geraten, aber jetzt mache ich vorwärts und hoffe, dass die drei Autoimmunerkrankungen, die Sie zum Teil falsch beschreiben und nicht zu kennen scheinen (Aussage eines mich behandelnden Arztes), mir dabei keinen Strich durch die Rechnung machen. Die schlimmste Behauptung in Ihrem 20-seitigen Roman, dessen relevante Angaben auf zwei Seiten Platz gehabt hätten (Aussage einer mich behandelnden Ärztin), ist folgende: «Frau Essahli holte sich weiterhin jeweils das Arbeitsunfähigkeitszeugnis bei der Hausärztin ab. Sie machte die oben beschriebenen multiplen Störungen geltend, …»

Was für eine Anmassung. Was für ein Hohn. Ich holte das Zeugnis jeweils nicht ab, sondern ging jedes Mal zu Frau W. in die Sprechstunde, und ich machte auch keine Störungen geltend, sondern war nach dem langen und heftigen Schub einer meiner Erkrankungen sowie dem Therapieversagen total erschöpft, ausgelaugt und verzweifelt. So etwas gibt es bei Vertrauensärzten, die im Namen und im Interesse von Versicherungen, die nicht bezahlen wollen, arbeiten, natürlich nicht. Ich hätte nach dieser Zeit auf keinen Fall arbeiten können, noch weniger als in den acht Monaten schon. Ihre Schlussfolgerungen mit den 50% im September 2016 und mit den 100% nach den Herbstferien im Oktober 2016 waren vollkommen daneben. Aus dem Grund schrieb Frau W. mich bis und mit Ende Februar 2017 zu 100% arbeitsunfähig. Übrigens habe ich die Lohnfortzahlung zu 100% erhalten – Ihr undifferenziert und empathielos wirkendes Schreiben hat immerhin diesbezüglich keinen Einfluss gehabt. Menschlich «verletzt» hat es mich nämlich genug, aber in diesem Bereich kommt man bei Ihnen nicht an. Das habe ich sofort gespürt (oder gespührt?), und das (sowie meine Arbeitsunfähigkeit bis und mit Ende Februar 2017) bestätigten mir die involvierten Ärzte und Ärztinnen. Solche, denen es um das Wohlergehen der Patienten und Patientinnen geht; solche, die sich für die Gesundheit von kranken oder verletzten Menschen einsetzen; solche, die ihren Beruf aus Liebe zur Medizin und aus Liebe zu den Menschen gelernt haben.

Die Intensität der von mir angegebenen Gelenkschmerzen zweifeln Sie an: «…, was aufgrund der klinisch völlig unauffälligen Gelenke, abgesehen vom … beidseits und der oben erwähnten möglichen …, nicht nachvollziehbar oder erklärbar ist.» Dann machen Sie nicht einmal einen Punkt, geschweige denn einen Abschnitt, und fahren mit einem neuen Thema weiter. Haben Sie denn meine Schmerzen? Und wissen Sie, dass der Rheumatologe sehr wohl Auffälligkeiten festgestellt hat? Er hat sich bei den Untersuchungen einfach mehr Zeit genommen, mehr Mühe gegeben und sie sorgfältiger durchgeführt als Sie. Und er ist nicht nur fachlich, sondern auch menschlich kompetent. So, wie meine Hausärztin; so, wie meine Internisten; so, wie mein Dermatologe. Wie kommen Sie dazu, nach ein paar wenigen Minuten medizinischer Begutachtung, wie Sie Ihr Vorgehen nennen, über die Intensität meiner Schmerzen zu urteilen? Warum übersähen Sie Ihre diesbezüglichen Ausführungen mit Fremdwörtern und Fachausdrücken? Damit es wissenschaftlich und seriös tönt? Und die Lesenden nicht wissen, dass Sie von Ihrem dreistündigen Verhör lediglich ein paar wenige Minuten für Untersuchungen eingesetzt hatten? Die ganz gezielt zu nichts Auffälligem führten…

Verhör, ja. X-mal wiederholen Sie, dass Frau Essahli dies als Verhör empfand und den Untersuch für eine Zumutung hielt. Für eine Zumutung hielt ich ihn gar nicht. Aber für vollkommen nutz- und sinnlos, für überflüssig. Wissen Sie, was einer meiner Internisten gesagt hat? Hier, wörtlich: «Sie haben eine schwere, organische Erkrankung. Warum mussten Sie überhaupt zu diesem Herrn K. gehen? Ich verstehe das nicht.» Ja genau, wir verstanden das alle nicht. Doch für Sie ist ja alles halb so «wild», wenn überhaupt. Sie wiederholen x-mal meine Aussage, ich hätte viel durchgemacht. Sie wiederholen es jedes Mal (wie überhaupt fast alles) im Konjunktiv. Frau Essahli habe, habe, habe…, sei, sei, sei…, könne, wolle oder würde. So tönt es so richtig nach «alles nur erfunden, alles eingebildet», nicht? Warum haben Sie nicht den Indikativ verwendet? Warum haben Sie nicht geschrieben, was Sache war und wie es mir wirklich ging? Weil Sie es nicht wussten, weil Sie meine Akten nicht studiert hatten, weil Sie meine Hausärztin zwei Tage vor meinem Besuch angerufen und sie gefragt hatten, was ich denn hätte und warum sie mich krankgeschrieben habe, weil Sie sich überhaupt nicht in andere Menschen einfühlen wollen und/oder können, weil Ihre Resultate mehr oder weniger zum Vornherein feststehen, weil Sie alles andere als unabhängig sind…

Was Sie in den paar wenigen Minuten Ihrer Untersuchungen alles entdeckt, gemessen, analysiert und interpretiert haben wollen, ist äusserst beeindruckend und grenzt ans Übermenschliche. Wir können es kaum glauben, was Ihnen in dieser kurzen Zeit alles klargeworden ist und wie viele griechische und lateinische Fremdwörter Ihnen dazu einfallen. Immerhin habe ich zwei neue Adjektive von Ihnen gelernt: mnestisch und dysphorisch. Sie haben bei mir also keine mnestischen Störungen festgestellt. Habe ich Ihnen denn je gesagt, dass diese im Stundentakt (oder im Dreistundentakt) auftreten? Nein, habe ich nicht. Und haben Sie sich einmal überlegt, wie verletzend Ihre Abwertungen sind? Gerade im Bereich des Gedächtnisses, der Identität…? Es war für mich schlimmer als alles andere, Gedächtnisstörungen festzustellen und Handlungsblockaden zu haben. Aber alles, was Ihnen dazu einfällt, ist x-mal zu schreiben, dass Sie davon nichts bemerkt hätten, dass Frau Essahli jedoch solche beklage… Ich beklage gar nichts. Ich beklage mich überhaupt nicht. Ich bin stark, und schlimm für mich sind nicht meine Erkrankungen; schlimm sind Leute wie Sie, die nur darauf aus sind, sämtliche Beschwerden, Beeinträchtigungen und Schmerzen zu bagatellisieren. Kennen Sie «Der Mensch erscheint im Holozän» von Max Frisch? Dort können Sie die unermessliche Angst, die aufkommen kann, wenn das Gedächtnis einen im Stich lässt, nachlesen. Vielleicht schafft es ja Max Frisch, Sie zum Nachdenken zu bringen.

Ich hätte wenig Blut verloren, schreiben Sie. Ja echt jetzt? Soll ich darüber lachen oder weinen? Ich habe viel Blut verloren, immer und immer wieder. Zu Hause, unterwegs, am Arbeitsplatz. Meine Krankheit schätzen Sie vollkommen falsch ein, und vor allem scheinen Sie nicht kapiert zu haben, dass ich nicht nur die Krankheit, über die Sie am ausführlichsten, wenn auch oft falsch, berichten, habe, sondern zwei weitere. Sie haben mich GENÖTIGT, Ihnen die beiden anderen Diagnosen mitzuteilen und machen sich im Bericht indirekt fast darüber lustig. Frau Essahli möchte darüber nur mit einer Frau sprechen. X-mal. Nein, wissen Sie was? Ich kann darüber auch mit Männern sprechen, kann Sie als Arzt jedoch nicht ernst nehmen. Sie haben nicht einmal gemerkt, dass ich auch noch an einer anderen Erkrankung leide und dass Ihre NÖTIGUNG mich so weit brachte, mal zu schauen, was Sie wissen und wie Sie reagieren. Meine dysphorische Stimmungslage bei Ihnen dürfte wohl darauf zurückzuführen sein. Haben Sie etwa erwartet, dass ich euphorisch bei Ihnen erscheinen würde?

Ich hätte diffus geantwortet, schreiben Sie. Gleichzeitig stellen Sie aber keine mnestischen Störungen fest. Hmm…, so lässt das diffuse Antworten sich natürlich gut als Absicht, mangelnde Kooperation oder sogar als Hinweis auf Scheininvalidität oder Sozialschmarotzertum – Christoph Blocher lässt grüssen (!) – deuten. Ehrlich gesagt wirkten Sie auf mich von Anfang an am menschlichen Schicksal uninteressiert, uninformiert und empathielos, und ich konnte gar nicht mehr richtig antworten. Es war so klar, worauf Sie hinauswollten, und ich spürte Sie als Mensch so überhaupt nicht, dass ich gar nicht anders konnte, obschon ich durchaus gewollt hätte. Zudem stellten Sie mir die gleichen Fragen zwei-, drei-, viermal, verwechselten Jahreszahlen, Daten und Dosierungen (2,5 Mg Kortison; ich muss jetzt noch darüber lachen!), sodass ich Ihre Aussagen und vor allem Ihre Fragen als mindestens ebenso diffus empfunden haben muss wie Sie meine Antworten. «Sie hatten da ja einmal ein bisschen wenig Blut.», meinten Sie, um noch eines von zahlreichen Beispielen zu nennen. Ja, so kann man es auch ausdrücken. Ich hatte sehr wenig Blut, weil ich sehr viel Blut verloren hatte, und es ging mir im Juni 2016 – entgegen Ihrer Aussage – überhaupt nicht gut, auch wenn die Werte sich einigermassen erholt hatten. Glauben Sie tatsächlich, dass diese Zahlen alles aussagen? Können Sie sich tatsächlich nicht vorstellen, dass solche schlechten Werte, wie ich sie hatte, noch viel mehr durcheinanderbringen und die Folgen deutlich länger andauern?

Mein Gewicht haben Sie aufgerundet, obschon ich mit den Kleidern auf der Waage stand. Logisch… Interessanterweise war ich noch nie so schwer wie bei Ihnen. Im Bericht beschreiben Sie mich als «normalgewichtige 43-Jährige in gutem Allgemeinzustand». «Normalgewichtig» suggeriert eine andere Figur als meine, und «guter Allgemeinzustand» wäre damals an Zynismus kaum zu überbieten gewesen. In den paar Minuten Ihres Untersuchs haben Sie verschiedene Übungen zu neurologischen Abklärungen mit mir gemacht. Warum eigentlich? Hat irgendjemand behauptet, ich hätte eine neurologische Erkrankung? Oder eignen sie sich einfach besonders gut, um keine Auffälligkeiten festzustellen – wie Sie ja geschrieben haben – und um kranke Menschen gesundzuschreiben? Und was haben die Stellung meiner Finger, die Abstände zwischen den Fingern, meine Zähne, etc., etc., etc. mit allem zu tun? Füllt noch eine zusätzliche Seite und führt zu nichts Auffälligem. Darum ging es ja in erster Linie. Zeit füllen, Seiten füllen. Wortwörtliche Wiederholungen über mehrere Zeilen hinweg immer wieder.

Ich sei nicht beim Rheumatologen und auch nicht beim Augenarzt gewesen…, schreiben Sie weiter. Das tut mir wirklich leid; es ging mir einfach zu schlecht, um auch noch zu diesen Spezialisten zu gehen. Haben Sie sich vielleicht einmal überlegt, wie viele Arzttermine ich schon gehabt habe? Ich weiss es selbst nicht und möchte es auch gar nicht wissen… Inzwischen habe ich aber beides nachgeholt. Im Gegensatz zu Ihnen kann der Rheumatologe meine Schmerzen nachvollziehen (wie seltsam…), und die Augenärztin meinte, es wäre beinahe gefährlich geworden. Ich hatte übrigens im Oktober 2016, wo Sie mir eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit attestieren wollten, eine vierwöchige Augenentzündung (Konjunktivitis, Skleritis, beinahe wäre noch eine Uveitis daraus geworden) und hätte nicht arbeiten können. Und wissen Sie, was? Ich habe immer gerne und immer viel gearbeitet. Mit 25 hatte ich mein Lizentiat. Die Noten waren nicht einmal so schlecht, um es bescheiden auszudrücken. Glauben Sie, dies sei auf Dumm- und Faulheit zurückzuführen? Sie haben mich als Person überhaupt nicht wahrgenommen, nicht erkannt. Weil Sie ein anderes Ziel verfolgten – von Anfang an.

Warum haben Sie das unterdrückte Immunsystem mit keinem einzigen Wort erwähnt? Die deutlich erhöhte Anfälligkeit für Infektionen? Die schwerer verlaufenden und länger dauernden Infektionen? Können Sie sich vorstellen, wie oft ich im Winter krank war? Also krank im konventionellen Sinn? Gesund bin ich ja eigentlich nie, obschon Sie das natürlich anders sehen und über die sogenannte Remission (es war übrigens keine, jedenfalls keine stabile!) schreiben, alles sei in Ordnung. Was soll ich dazu sagen? Nichts, ausser: Die Aussage ist schlicht falsch. Lieber zitiere ich noch einmal einen meiner Internisten: «Der Bericht wurde in Unkenntnis der Erkrankung verfasst.» Starkes Stück, nicht? Leider, leider wahr…, und am schlimmsten für mich. Kannten Sie mich vor dem 25. August 2016? Haben Sie mich danach noch jemals gesehen? Wissen Sie, wie es mir im Januar 2017 ging? Nein…, und besser so.

Warum schreiben Sie x-mal, ich hätte die Therapie mit «Imurek» verweigert? Genügt es nicht, wenn Sie dies einmal erwähnen würden? Können Sie sich vorstellen, warum ich sie nicht beginnen wollte? Nein, Sie haben bei mir ja keine Hautveränderungen festgestellt…, auch keinen Haarausfall, oder? Trockene und aufgerissene Lippen sind nicht der Rede wert, ich weiss schon, vor allem nebst den zahlreichen anderen Beschwerden und Einschränkungen, die gewisse Erkrankungen so mit sich bringen… Oder können Sie sich eventuell vorstellen, dass ich Angst vor der erhöhten Tumorbildung hatte? Ich habe zwei Kinder, und ich liebe das Leben so oder so, ob ich Mutter bin oder nicht. Aber das zählt für Sie ja alles nicht, und Sie stellen mich in dem Bericht so richtig, richtig blöd hin. Was Sie interessieren könnte: Im Januar 2017 musste ich kapitulieren und die «Imurek»-Therapie beginnen. So viel zu Ihrer zu 100% attestierten Arbeitsfähigkeit! (Gut, Sie konnten natürlich nicht ahnen, dass ich am 14. Dezember 2016 einen Unfall haben würde und dass dieser gleich wieder einen Krankheitsschub auslösen würde…; tönt bestimmt sehr verdächtig, nicht?)

Von der Müdigkeit, die chronische Erkrankungen oft verursachen und Kortisontherapien noch verstärken, sodass ich oft nicht mehr wusste, wie ich den Tag «überleben» sollte, scheinen Sie leider ebenfalls keine Ahnung zu haben. Das gönne ich Ihnen. Das gönne ich jedem und jeder. Aber mit welcher Gleichgültigkeit Sie darüber berichten, ist viel schlimmer als ein Schlag ins Gesicht. Sie schreiben, dass mit Absetzen des Kortisons Ende August 2016 diese Nebenwirkung hinfällig werden sollte. Ich bin übrigens letztes Jahr auch auf den Mond geflogen; wollte Ihnen dies nur nicht sagen. Nur um den Wahrheitsgehalt Ihrer Aussage aufzuzeigen: Er entspricht demjenigen meiner Mondreise. Unter massiven Schlafstörungen litt ich noch fünfeinhalb Monate über das Therapieende hinaus; erst eine schwere Infektion Ende Januar 2017 setzte ihnen ein Ende. Die Müdigkeit sei multifaktoriell bedingt, schreiben Sie. Wiederum beeindruckend, wie Sie das alles in drei Stunden herausgefunden haben. Was sind denn die multiplen Faktoren? Warum benennen Sie sie nicht? Machen Sie doch nicht alles so kompliziert; wenn schon, müsste die Geschichte ja «nur» für mich kompliziert sein. Wenn die Müdigkeit multifaktoriell bedingt wäre, hätte ich sie doch schon vor Ausbruch der Erkrankungen und vor den Kortisontherapien haben müssen, oder? Die Müdigkeit, die gewisse chronische Krankheiten verursachen, ist ungleich viel grösser, umfassender und erschlagender als irgendeine andere Form von Müdigkeit – und ich kenne sie alle, glauben Sie mir.

Wie kommen Sie dazu, etwas über meinen Arbeitsplatz zu schreiben? Was wissen Sie denn darüber? Warum nehmen Sie das, was der Arbeitgeber schreibt, für bare Münze, und das, was ich Ihnen dazu erzähle, nicht ernst? Wissen Sie, dass die Kollegin, die mich «mobbte» und die wahrscheinlich für den Ausbruch des ungewöhnlich langen und heftigen Schubs mitverantwortlich ist, mit fast allen einmal, mehrere Male oder immer wieder Probleme hatte/hat und dass sie sich gezielt ihre «Opfer» aussucht, dass sie in den Augen der meisten Kollegen und Kolleginnen eine schwierige, neidische und falsche Person ist, die dann noch eine zweite, mit der sie früher auch einmal eine Art «Zickenkrieg» geführt hatte, ins Boot holte? Kennen Sie sie? Warum nehmen Sie sie und ihr hässliches Verhalten nicht genauer unter die Lupe? Weil es so viel einfacher ist, den «Opfern» die Schuld in die Schuhe zu schieben. So viel bequemer auch. So viel feiger aber auch… So läuft es oft und ich durchschaue diese sowie andere Strategien zum Glück längst. Wenn jemand sich immer wieder und an mehreren Orten als «Mobbing»-Opfer sieht, muss man vielleicht wirklich hinschauen, wie die «Rollen verteilt» sind und wer was dazu beiträgt. Aber nicht, wenn der Fall einmalig und so klar ist. Das wissen viele; etliche Schriftlichkeiten dazu existieren. Es zuzugeben, braucht aber Zivilcourage.

Warum schreiben Sie und wiederholen x-mal, dass ich zur Untersuchung ein paar Minuten zu spät erschienen sei? Ist das relevant? Oder kommt es einfach sehr gelegen, um mich in ein schlechtes/falsches Licht zu rücken? Haben Sie sich überlegt, warum ich ein paar Minuten zu spät kam? Könnte vielleicht der Zug Verspätung gehabt haben? («Frau Essahli fährt alleine mit dem öffentlichen Verkehr zum Untersuch nach A.», schreiben Sie ja selbst, obschon die Relevanz der Aussage in einem solchen Bericht nicht unbedingt einleuchtet. «Alleine»? Wow!) Oder könnten vielleicht gesundheitliche Gründe für die eigentlich nicht der Rede werte Verspätung verantwortlich gewesen sein? Haben Sie sich dazu Gedanken gemacht? Soll ich Ihnen einen kleinen Tip geben? Der Zug hatte keine Verspätung. Aber ich hatte so starke Bauch- und Rückenschmerzen, dass ich nicht schnell gehen konnte. Da staunen Sie jetzt, oder? Schreiben Sie doch in Ihrem Bericht, ich hätte nicht schmerzgeplagt gewirkt. Haben Sie schon einmal etwas von Schmerzmitteln gehört? Haben Sie daran gedacht, dass ich vielleicht auf der Treppe zu Ihrer Praxis solche genommen haben könnte? Und wenn ich keine genommen hätte: Haben Sie sich einmal überlegt, dass ich vielleicht total gut im Überspielen und Überdecken von Schmerzen bin? Weil ich es gelernt habe in den vielen Jahren? Weil mir nichts anderes übrigblieb? Weil ich am Arbeitsplatz oft anwesend war, als ich eigentlich krankgeschrieben gewesen wäre? Weil ich zwei Kinder spontan und natürlich und ohne jegliche Schmerzmittel geboren habe? Ich glaube, mit Schmerzen und dem Umgang damit kenne ich mich sehr gut aus, und Ihr Bericht lässt mich vermuten, dass ich mich damit viel besser auskenne als Leute, die solch menschenverachtende Berichte verfassen können.

Warum wiederholen Sie x-mal, dass ich einen Blog beginnen, ein Buch daraus erstellen und auch anderweitig an die Öffentlichkeit gehen möchte? Ist das wichtig für diesen Bericht? Nein, ist es nicht. Sie hätten es kein einziges Mal erwähnen müssen, schreiben es aber – wie alles, was irgendwie gegen mich ausgelegt werden könnte – x-mal hin. Sie kennen mich nicht, nach Ihrem fast dreistündigen Verhör samt Nötigung und den wenigen Minuten medizinischer Begutachtung genau so wenig, wie Sie mich zuvor kannten. Wenn Sie mich nämlich auch nur ein bisschen durchschaut hätten, hätten Sie gemerkt, dass ich das, was ich sage, ernst meine und durchziehe… Die Dauer der Krankheitsschübe geben Sie auf mehrere Wochen als mögliches Maximum an. Das ist falsch. Die Schübe können – wie in meinem Fall – mehrere Monate dauern, acht Monate zum Beispiel, um noch einmal meinen eigenen Fall anzuführen. Sie können aber auch noch länger dauern, ein Jahr zum Beispiel. Es gibt auch Menschen, die gar nie mehr in eine Remission kommen. Warum erwähnen Sie das alles nicht? Warum stellen Sie meinen achtmonatigen Schub mehrfach als «protrahiert» dar (zum Glück war ich in Latein so gut…!), als ob er etwas Aussergewöhnliches und damit Suspektes gewesen wäre? Warum behaupten Sie in Ihrem Bericht, dass Nebenwirkungen mit Absetzen des Medikaments sofort abklängen? Das stimmt überhaupt nicht. Haben Sie noch nie etwas von Nachwirkungen gehört? Und dass diese lange, heftig und einschneidend sein können? Oder Sie wollen bzw. dürfen einfach nicht… Das wäre dem Profit der Versicherungen bestimmt äusserst abträglich.

Wissen Sie, dass ich nicht erst ab 1. Februar 2016, sondern bereits im Dezember 2015 krankgeschrieben gewesen wäre? Und alles der Schule zuliebe (Semesterende, Notenabgabe, Notenkonvente, …) durchzog? Wissen Sie, dass ich mehrere Male krankgeschrieben war, nichts davon erwähnte und wie gewohnt zur Arbeit ging? Wissen Sie, dass ich mich, bis ich 37½ war, nicht einmal getraut hatte, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und am Arbeitsplatz anzurufen, wenn ich krank war? Wissen Sie, dass ich mich sehr darauf freue, wieder zu arbeiten? Können Sie sich dies vorstellen? Und wenn ich schon beim Thema bin: Warum schreiben Sie mehrfach, ich könne meinen angestammten Beruf als Berufs- und Kantonsschullehrerin problemlos ausüben? Denken Sie, chronische und schubweise verlaufende Erkrankungen halten sich an Stundenpläne und Schulglocken? Warum gestehen Sie mir nicht zu, dass ich in einem Job arbeiten sollte, wo die Arbeitszeiten etwas flexibler sind? Warum gestehen Sie mir nicht zu, dass ich sehr gerne als Journalistin arbeiten würde, weil Schreiben eine meiner Leidenschaften und Begabungen ist? Warum beschreiben Sie das Berufsprofil einer Lehrerin/eines Lehrers so oberflächlich? Warum sind die mich behandelnden Ärzte und Ärztinnen, denen es um das Wohlergehen ihrer Patienten und Patientinnen geht, sich einig, dass mein angestammter Beruf in dieser Situation ungünstig ist? Warum sehen Sie das anders? Ihr Bericht lässt vermuten, dass es Ihnen fast schon Freude macht, Menschen, die krank oder verletzt sind, «in die Pfanne zu hauen». Zumindest lässt er eine grosse, grosse Gleichgültigkeit dem menschlichen Schicksal gegenüber spüren.

Warum wiederholen Sie x-mal meine Aussage, ich bräuchte Erholung? Was bezwecken Sie mit dem mehrfachen Wiederholen solcher Aussagen? Können Sie auch nur ein kleines bisschen nachvollziehen, warum ich Erholung brauchte und eigentlich immer noch brauche? Wenn Sie auch nur eine vage Ahnung von meinen Erkrankungen hätten, wären Ihnen das Bedürfnis und der Wunsch nach Erholung klar. So aber stellen Sie mich dar, als ob ich einfach gerne noch mehr bezahlten Urlaub gemacht hätte. Mit bezahltem Urlaub hat der ganze Schrott, den ich erlebt habe (ich schreibe absichtlich nicht «durchgemacht»; sonst müssen Sie es nachher wieder zehnfach zitieren…), nichts zu tun, gar nichts. Warum schreiben Sie, ich hätte keine Bauchschmerzen gehabt? Ich hatte starke Schmerzen, nicht nur in der Bauch-, sondern auch in der Rückengegend und an anderen Orten. Was können Sie denn über meine Schmerzen urteilen? Warum erwähnen Sie, dass der Besuch bei Ihnen auf meinen Wunsch hin vom 24. auf den 25. August verschoben werden musste? Spielt das eine Rolle? Es handelt sich um einen einzigen Tag. Wenn es sich nämlich um einen Monat oder auch nur um zwei Wochen gehandelt hätte, könnte ich die Erwähnung eher nachvollziehen… Warum schreiben Sie «wegen Organisation der Kinderbetreuung»? Ist das relevant? Und ich weihe Sie gleich noch in ein Geheimnis ein: Es war nicht wegen Organisation der Kinderbetreuung. Es war aus einem anderen Grund: Ich wollte den Mittwochnachmittag mit den Kindern verbringen und zu Ihnen kommen, wenn sie in der Schule sind. Sehr verwerflich, ich weiss schon… Das müssen Sie jetzt gleich in Ihrem Bericht ergänzen; dann rückt er mich in ein noch schlechteres und damit falscheres Licht. Egal… Der Nachmittag mit den Kindern (n!) war nämlich entspannend und erholsam. Im krassen Gegensatz zum Besuch bei Ihnen.

Frau Essahli gehe schwimmen und velofahren und habe in den Sommerferien relaxen können, schreiben Sie. Wer hat Ihnen das denn erzählt? Also ich war es nicht. Ich war weder schwimmen noch velofahren (ich hab nicht mal ein Velo!), und der Ausdruck «relaxen» ist im Zusammenhang mit schweren, chronischen Erkrankungen ziemlich höhnisch. (Aber das müssen Sie jetzt nicht gleich wieder zitieren, so, wie Sie es mit «blanker Hohn» in anderem Zusammenhang getan haben…) Wenn Sie um meine Kondition und damit stückweise um meine körperliche Verfassung Bescheid wüssten, würden Sie das Wort «relaxen» nicht einmal denken, geschweige denn so unreflektiert hinschreiben. Ebenfalls unreflektiert erscheint Ihre Aussage, ich sei inhaltlich an meine Erkrankungen und an die Nebenwirkungen behaftet gewesen. Wozu bin ich denn zu Ihnen gekommen? Wozu musste ich mich denn von Ihnen ausfragen und ausquetschen lassen? Um über Musik zu sprechen? Über Konzerte? Über Chris de Burgh? Über Lesen, Schreiben, Kochen oder Backen? Über unsere Kinder und die Unternehmungen mit ihnen? Über das Ausgehen mit Freundinnen? Kunst? Malerei? Meine Querflöte oder unser Klavier? Über meine Bücher? Das hätten Sie ja sowieso alles zu meinen Ungunsten ausgelegt; so, wie Sie das Reden über die Erkrankungen und die Nebenwirkungen zu meinen Ungunsten auslegten. Was für eine paradoxe Situation. Was auch immer ich sagte oder gesagt hätte, worüber auch immer ich sprach oder gesprochen hätte; es wurde zu meinen Ungunsten ausgelegt/wäre zu meinen Ungunsten ausgelegt worden. Aus dem Grund mussten Sie auch x-mal wiederholen, was ich in einem Ratgeber des «Beobachters» gelesen hätte. Ist das wirklich relevant für ein medizinisches Gutachten? Oder rückt es mich einfach ins Licht der «unangenehmen Rebellin»? Des «enfant terrible», das ich manchmal ganz gerne bin?

«Leiden aus subjektiver Sicht» mag wohl ein vorgegebener Titel bzw. Untertitel in solchen Gutachten sein. Aber der Ausdruck öffnet Tür und Tor für lange Ausführungen, die ganz klar die Tendenz zeigen, sämtliche Beschwerden, Schmerzen und Beeinträchtigungen zu bagatellisieren, nach Möglichkeit auch ein bisschen zu manipulieren und alles, was der Patient oder die Patientin sagt, als eben «subjektiv» darzustellen. Eigentlich stimmt es ja: Nur der Patient oder die Patientin weiss, wie es wirklich ist, mit dem, was er oder sie hat, zu leben. Aber in Ihrem Gutachten wird der Ausdruck «subjektiv» dazu missbraucht, die Krankheiten, die Krankheitsschübe sowie die Nebenwirkungen gewisser Medikamente als «eigentlich gar nicht so schlimm» auszulegen. Es ist für mich an dieser Stelle sehr schwierig, sämtlichen Gutachtern, die sich auf dieses geld- und profitgierige sowie menschenverachtende Spiel einlassen, nicht auch einmal sämtliche Symptome sämtlicher von ihnen beschönigter Krankheiten zu wünschen. Nur für ein paar Wochen, das würde reichen. Den Rest nehmen wir dann schon wieder auf uns; die Monate, die Jahre, das Urteil auf Lebenszeit.

Im Bericht erwähnen Sie zwei meiner Fachärzte und meine Hausärztin. Über die beiden Ärzte schreiben Sie, sie seien nicht erreichbar gewesen bzw. Ihr email sei unbeantwortet geblieben. Das ist ja schon merkwürdig… Wenn ich ein Anliegen oder eine Frage habe oder es mir schlecht geht, sind diese beiden Ärzte – wie die anderen übrigens auch – erreichbar. Einer der beiden hat im September 2014 an einem freien Tag seine Praxis für mich geöffnet und eine Notfallbehandlung durchgeführt. Er hat mich beruhigt, er hat mir geholfen, er hatte sogar noch etwas zu essen für mich, weil es meine Mittagspause war – die habe ich übrigens oft für die Arbeit geopfert bzw. für Arzttermine, damit ich an der Arbeit nicht fehlte…! – und weil ich vor einer Kortisongabe von 100 Mg (Sie haben richtig gelesen: 100 Mg (!); nicht Ihre hübschen 2,5 Mg) besser noch etwas essen sollte. Danach bin ich übrigens an die Arbeit zurückgekehrt – vor 24 Jugendliche. Gar keine Leistung, ich weiss schon… Und das war bei weitem kein Einzelvorkommnis; es war lediglich eines der richtig heftigen Ereignisse – von der Intensität des Krankheitsausbruchs und gleichzeitigem Arbeiten her gesehen. Der Arzt, der für Sie nicht erreichbar war, hatte mich «gerettet»; schon am folgenden Tag sah «alles» viel besser aus. Am folgenden Samstag rief er mich zweimal auf mein Handy an, um zu fragen, wie es mir gehe.

Der andere Arzt, der Ihr Email unbeantwortet liess, setzt vielleicht Prioritäten und kümmert sich lieber um seine Patienten und Patientinnen. Ich habe mit ihm über Sie geredet – und längst nicht nur mit ihm. Ich glaube, ich weiss, warum er keine Lust und keine Zeit hatte, Ihnen zu antworten. Vielleicht kamen ihm Ihre Fragen diffus vor… Vielleicht mag er das unselige und eiskalt kalkulierende Vorgehen in dem ganzen Pseudo-Sozialsystem nicht… Für mich hat er jedenfalls immer viel Zeit – und für seine anderen Patienten und Patientinnen bestimmt auch. Seine Ruhe, sein Verständnis, seine menschliche und fachliche Kompetenz haben mir schon über manche schwierige Zeit hinweggeholfen. Auch wenn ich ihn zwischendurch lange nicht sehe: Ich weiss immer, dass er da wäre, wenn ich ihn bräuchte. Im Gegensatz zu Ihnen nimmt er mich als intelligente Frau wahr und führt mit mir Gespräche auf gleichem Niveau. Im Gegensatz zu Ihnen sagt er, dass ich eine schwere, organische Erkrankung hätte. Im Gegensatz zu Ihnen darf er sich mit meinen Erkrankungen auskennen. Im Gegensatz zu Ihnen arbeitet er nicht für geld- und profitgierige Versicherungen. Ich wünsche Ihnen ein ganz kleines bisschen seiner Menschlichkeit und höre jetzt mit Schreiben auf. Nicht, weil ich nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil ich beschlossen habe, nach zehn Seiten aufzuhören.

Freundliche Grüsse von

Sabine Essahli

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Selber schuld?!

„Keep calm and carry on writing.“ Das Titelbild passt heute besonders gut: Ich werde weiterhin schreiben und weiterhin die Dinge bei ihrem Namen nennen. Zur Zeit hat die Geschichte zwar ein Ausmass angenommen, wo ich manchmal sogar an meiner Energie zweifle und das mit dem Ruhigbleiben ein richtiges Kunststück geworden ist. „Now panic and freak out.“, würde zur Zeit besser passen. Aber gut: Die Anwältin ist mandatiert, und meinen Plan B, wenn nicht sehr bald Gerechtigkeit in die Sache kommt, ziehe ich durch. Wenn ich mich entscheide zu kämpfen, dann kämpfe ich kompromisslos.

Wer das nicht weiss, merkt es dann vielleicht zu spät. Und wer meint, ich drohe, kennt mich nicht oder kennt mich schlecht. Wenn man sich wehrt, werden einem ja sowieso gleich „Drohungen“ und „Vorwürfe“ vorgeworfen (ja, vorgeworfen). Das ist eine billige Strategie, um Menschen, die vieles durchschauen, kein Blatt vor den Mund nehmen und sich wehren, zu beeinflussen, beeindrucken, beirren und mundtot zu machen. So zu tun, als ob sie die „Bösen“ und die „Dummen“ seien, mit denen etwas nicht stimmt. Diese wirklich sehr billige Strategie habe ich zum Glück ebenfalls durchschaut und lasse mich weder durch sie noch durch andere Taktiken verunsichern. Ich hoffe, dass auch andere Menschen in ähnlichen Situationen sich nicht (mehr) verunsichern lassen.

Den Brief an Herrn K. werde ich veröffentlichen. Er ist fast fertig und wird bald einen Blog-Beitrag bilden. Darauf werde ich ihn auch auf andere Arten öffentlich machen. Was die Unfallversicherung sich erlaubt und was meine Ärzte und Ärztinnen dazu sagen ist die Fortsetzung, die ich ebenfalls in einem der kommenden Beiträge schildern werde. Der Höhepunkt in der äusserst unseligen Geschichte war eigentlich erreicht gewesen, aber gestern wurde er sogar noch überschritten, und zwar massiv. Wie es mir dabei geht, kann ich zur Zeit, wo ich so mitten darin bin, nicht richtig ausdrücken. Aber auch diese Zeit wird kommen; die Zeit, wo ich ausdrücken kann, wie ich mich fühle und wie es mir geht, wenn im ganzen System nur der Profit regiert und die menschlichen Schicksale den oft unerfahrenen und unreifen „Bürohengsten“ (um nochmals den Ausdruck meiner Hausärztin zu verwenden) am A… vorbeigehen.

Die nicht mehr für möglich gehaltene Steigerung kam gestern in der Behauptung meines ehemaligen Arbeitgebers, ich sei an der Kündigung selber schuld. Selber schuld?! Weil ich sie nicht nur akzeptiert, sondern erwartet hatte? Weil ich per se nichts dagegen hatte, da ich beruflich sowieso noch etwas anderes machen möchte und Abklärungen zu meinen kognitiven Fähigkeiten mehr als dafür sprechen? (Sorry, kommt gar nicht gut an, ich weiss schon… Wie kann man auch nur so aufmüpfig und eingebildet sein und dies am Arbeitsplatz andeuten? Es tut mir ja so leid…, obschon ich es eigentlich nur gut gemeint hatte!) Weil ich mich befreit fühlte und den Satz „Wenn es dir zu dumm wird, kannst du ja gehen.“ ernst genommen hatte? Weil ich mich nicht mehr äussern mochte und den Satz „Über Gründe müssen wir nicht mehr reden.“ ebenfalls ernst nahm? Insbesondere nachdem mir eine Fachperson aus dem schulischen und psychologischen Bereich gesagt hatte, dies sei klar ein Zeichen von Überlastung und Überforderung auf der Seite, die so etwas sagt, und mache Kommunikation sehr schwierig, wenn nicht unmöglich.

Selber schuld?! Weil ich äussere und vor allem innere Blutungen hatte und ab und zu das Schulzimmer verlassen und die Einzeltoilette aufsuchen musste? Weil das Blut lief und ich zum Teil gar nicht mehr genau wusste, woher es kam? Weil ich so starke Bauch- und Rückenschmerzen hatte, dass ich sogar Schmerzmittel, die ich gar nicht einnehmen dürfte, einnahm, um die Lektionen irgendwie durchzustehen? Weil ich mich wegen der Medikamente übergeben musste? Weil mir vor Müdigkeit Schwarz vor Augen wurde? Bin ich an der Müdigkeit vielleicht auch selber schuld?! Durchgefeiert? Durchgequatscht? Oder doch eher Kortison? Eventuell sogar hochdosiert? Weil ich unter Kortison nicht nur eine durchschnittliche Schlafdauer von drei Stunden über mehrere Monate hatte, sondern oft auch Kopfschmerzen bekam, sodass ich oft nicht klar denken, keine klaren Entscheide treffen und nicht handeln konnte?

Selber schuld?! Weil ich das grelle Neonlicht nicht vertrug? Weil mehrere innere Organe zum Teil stark entzündet waren, was Schmerzen verursachte und Funktionsstörungen hervorrief? Weil ich Fieber hatte und heiss hatte und manchmal in ein leeres Schulzimmer gehen musste, um mich am Lavabo mit kühlem Wasser etwas abzukühlen? Weil mir die Gelenke weh taten, vor allem beim Sitzen, und ich manchmal nicht mehr wusste, ob ich stehen oder sitzen sollte? Im Sitzen taten die Fuss- und Kniegelenke am meisten weh; im Stehen fühlte ich mich exponiert, was bei Bauchkrämpfen, die mich manchmal schon fast ans Gebären unserer Kinder erinnerten, nicht so ganz lustig war. Zudem hatte ich oft Angst, das Bewusstsein im Klassenzimmer zu verlieren, wofür das Risiko beim Stehen und Gehen grösser war.

Selber schuld?! Weil ich, wenn ich die mir bekannten Vorboten eines Kreislaufzusammenbruchs spürte, beschloss, nicht im Klassenzimmer das Bewusstsein zu verlieren, sondern die erwähnte Einzeltoilette oder das ebenfalls erwähnte, oft leer stehende Schulzimmer aufsuchte? Weil, wenn die Haut so trocken war, dass sie Risse bekam, die Lippen von senkrechten Rissen durchzogen waren und im Mund entzündete Stellen und Wunden sich öffneten, sogar das Sprechen schmerzhaft und das Essen noch schmerzhafter wurde? Weil mir die Ellbogen- und Handgelenke weh taten und ich nicht immer gut schreiben konnte? Weil die Muskeln betroffen waren und ich kaum zwei Bücher oder eine Schachtel tragen konnte? Weil manchmal jede Bewegung anstrengend war? Weil ich Herzrhythmusstörungen hatte, die bisweilen ein beklemmendes Engegefühl hervorriefen? Weil, je nach hauptsächlich betroffenen Organen, ich total ausgelaugt und erschöpft war, im unteren Rückenbereich alles brannte oder ich einen andauernden Reizhusten hatte? Weil ich alle zwei bis drei Monate eine Augenentzündung hatte, von der aber niemand etwas sah? Weil…, weil…, weil…?

Selber schuld?!

Vielleicht an der diesbezüglich ungünstigen Konstellation meiner Gene? Habe ich dumm gemacht beim Zusammentreffen der Eizelle meiner Mutter und des Spermiums meines Vaters, wirklich dumm. Da bin ich schon selber schuld, da war ich unaufmerksam, nicht aufgepasst. Das habe ich nun davon. (Dafür habe ich mir in anderen Bereichen so richtig viel herausgenommen… Tut mir leid für die Unausgewogenheit; ich bin klar selber schuld.) Oder vielleicht am Ausbruch aller drei Autoimmunerkrankungen durch die zweite Schwangerschaft? Habe ich auch dumm gemacht…, was für eine Anmassung, sich ein zweites Kind zu wünschen und es dann auch noch zu zeugen. Tut mir wirklich auch leid, ich hatte damals leider nicht an die armen Arbeitgeber und die noch viel ärmeren Versicherungen gedacht. Die sind schon zu bedauern in ihrem Leiden wegen so unbedachter Zeugungsakte und anderem verantwortungslosem Verhalten. Was für eine Bürde, was für eine Last. Vielleicht könnte ja auch noch mein Mann mitverantwortlich gemacht und ein Teil der Schuld ihm in die Schuhe geschoben werden? Nicht? Das wäre doch noch die Steigerung der Steigerung? Ich möchte den Beteiligten, die sich so unerhört daneben benehmen, nur noch ein bisschen mehr auf die Sprünge helfen… Im Falle, dass ihnen in ihrem fiesen Spiel die Ideen ausgehen; im Falle, dass sie in ihrer Gemeinheit nicht mehr weiterkommen.

Übrigens: Ich liebe das Leben. Immer und trotz allem, was ich gerade so erlebe. Ich werde – wie schon einige Male – gestärkt und reifer daraus hervorgehen. Ich werde die Beteiligten bemitleiden, so sehr bemitleiden. Und ich werde weiter schreiben und (beginnen zu) reden. Die Gehirnerschütterung ist noch nicht ausgestanden, aber wenigstens sind die Kopfschmerzen am Zurückgehen und die Zeiten ohne Kopfschmerzen werden länger. Vorgestern lag ich im Bett und hatte das Gefühl, in einem Flugzeug, das abstürze, zu sein. Doch auch diese Symptome sind am Zurückgehen. Heute Morgen war ich in Winterthur, weil unser Notebook und unser Drucker sich voneinander entfremdet hatten. Zum Glück konnte das Problem schnell behoben werden und die beiden gehen wieder gemeinsame Wege. Das Auto stellte ich vor dem Kioskladen des Mazedoniers, über den ich schon in zwei Beiträgen geschrieben habe, ab. Da ich mein Portemonnaie zu Hause vergessen hatte, konnte ich bei ihm keinen Kaffee kaufen. Er half mir nicht nur mit der schweren Tasche und der Autotüre, sondern schenkte mir einen Kaffee, meinte, dies sei für ihn selbstverständlich bei Menschen, die er kenne, und ich könne jederzeit bei ihm Kaffee trinken kommen. „Chasch immer cho Kafi trinke.“

Auch solche Menschen gibt es. Und ja: Ich werte. Ganz bewusst und ganz überzeugt.

Von Schüssen und Tomographien

Bald werde ich ein Gericht vielleicht einmal von innen sehen. Immer wieder etwas Neues…, nicht nur mit der Computertomographie vom Kopf am letzten Freitagnachmittag, auch auf anderen Ebenen. Ich schreibe es nicht zum ersten Mal: Langweilig wird es nie. Nein, ich möchte mich nicht scheiden lassen – die Gerüchteküche finde ich trotzdem und ganz allgemein ein spannendes, unterhaltsames und bisweilen amüsantes menschliches Phänomen (!)… -, und nein, ich möchte nicht aus Neugierde einem Prozess beiwohnen. Aber ich möchte Gerechtigkeit. Gerechtigkeit in meiner eigenen Sache und Gerechtigkeit für andere.

Nicht, dass ich in der Illusion leben würde, vor Gericht Gerechtigkeit zu erreichen. „Recht haben“ und „Recht bekommen“ sind zwei unterschiedliche Dinge, zwei Paar Schuhe, wie an unzählbaren Stellen nachgelesen werden kann. „Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand.“ Eine Redewendung, die wohl keiner Erklärungen bedarf. Nicht, dass ich in dieser Illusion leben würde – nicht mehr. Dazu habe ich zu viel gehört, zu viel gelesen, zu viel mitbekommen. Mit dem eventuellen Gang vor Gericht möchte ich „nur“ zeigen, dass es mir ernst ist. Weil ich recht habe, ob ich Recht bekomme oder nicht. Weil ich zwar schon über vieles geschrieben habe, aber noch längst nicht über alles. Weil ich verdammt lange verdammt stark war und es vielleicht vorübergehend bald nicht mehr bin. Nicht mehr sein will, nicht mehr sein kann. Darum werde ich vielleicht nicht nur vor Gericht gehen und in seriösen Medien meinen Fall thematisieren und meine Geschichte erzählen, sondern mit der Öffentlichkeitsarbeit deutlich weiter gehen.

Am Montagabend kam mir eine Idee – spontan und unerwartet. Sie kam mir vor dem Konzert von Pippo Pollina und seiner Band in Winterthur. Ich weiss nicht, warum, ich weiss nicht, woher. Ich weiss aber, wohin, und ich weiss, wozu. Sie wirkte befreiend. Sie braucht Mut, noch viel mehr Mut als das eine oder andere, was ich im Blog schon geschrieben habe. Doch ich habe ihn, den Mut. Es braucht wohl bald einen Schuss vor den Bug. Ich bin sehr bald bereit dazu, das spüre ich. Meine Geduld ist nämlich am Versiegen, meine Energie – und das braucht viel (!) – ebenfalls. Was hierzulande in vielen Fällen abgeht, wenn eine Person wegen Krankheit oder Unfall länger ausfällt, ist beschämend für einen Staat, der sich Sozialstaat nennt und sogar stolz darauf ist. Sozial ist daran herzlich wenig, und man merkt es erst, wenn man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person näher kennt. Meine erste und „krasse“ Erfahrung mit diesem System, von dem ich zuvor keine Ahnung hatte und geglaubt hätte, es funktioniere einigermassen fair und korrekt, machte ich mit Herrn K., über dessen Vorgehensweise ich berichtet habe. Meine zweite Erfahrung mache ich jetzt mit der Unfallversicherung. Wenn der Fall abgeschlossen ist (was er für mich gar nie sein wird; eine Spur bleibt immer zurück…), wenn er also im herkömmlichen Sinn abgeschlossen ist, werde ich darüber berichten. Und eben höchstwahrscheinlich sehr bald auf noch andere Art und Weise. Lange warten kann und will ich nicht mehr.

Berichten werde ich auch darüber, wie es ist, wenn alle Beteiligten versuchen, sich aus der Verantwortung zu ziehen; wie es ist, wenn die Beteiligten sich gegenseitig widersprechen, weil sie beide das gleiche Ziel haben (nicht bezahlen zu müssen selbstverständlich), aber mit dem jeweiligen Gegenteil zu argumentieren versuchen („wir bezahlen nicht, weil A ist“ versus „wir bezahlen nicht, weil B ist“: A und B schliessen sich gegenseitig aus – logisch, nicht?!); wie es ist, wenn junge, unerfahrene und unreife „Bürohengste“ – der Ausdruck gefällt mir, meine Hausärztin hat ihn verwendet – über mich bestimmen und entscheiden, ob meine Verletzungen schlimm waren, wie lange sie Schmerzen verursachen und ab wann sie auf keinen Fall mehr vorhanden sein, geschweige denn meine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen dürfen; wie es ist, wenn absichtlich die Erklärung meines Internisten bezüglich verzögerten und verlangsamten Heilungsprozessen (das haben schwere Erkrankungen so an sich…) ignoriert wird – gibt es nicht in der Welt der jungen, unerfahrenen und unreifen „Bürohengste“ (!); wie es ist, wenn ich mich an die beiden Winter zurückerinnere, wo ich mehr als einmal nicht mehr sicher war, ob ich „das alles packen“ würde; wie es ist, mit diesem Nichtmehrsichersein konfrontiert zu werden – und zwei kleine Kinder daneben, die Hunger haben, von ihren Sorgen erzählen wollen, Hausaufgaben erledigen müssen und Geschenke für die nächsten Kindergeburtstage brauchen; wie es ist, sich ausgeliefert zu fühlen; wie es ist, wenn profitgierige Versicherungen Menschen, die eigentlich schon mit mehr als genug umgehen müssen, hängen lassen oder ihnen zumindest hundert weitere Hindernisse in den Weg stellen; wie es ist, wenn eine schubweise verlaufende Krankheit durch diesen ganzen Stress und Ärger nur noch schlimmer gemacht wird und „Erholung“ ein nie mehr zu erreichendes Fremdwort geworden ist.

Ja, da gibt es einiges zu berichten – in sozialversicherungsrechtlicher, aber auch in arbeitsrechtlicher Hinsicht. Ich hätte geschwiegen, ich hätte versucht zu „vergessen“. Aber unter anderen Umständen. Die eigentlich und wirklich einschneidenden und schlimmen Erfahrungen sind diese. Nicht die Krankheit(en) an sich. Nicht die entzündeten Organe, nicht die Schmerzen. Nicht das Blut. Nicht die vielen Arzttermine. Nicht die Ungewissheit. Nicht die Einschränkungen, nicht die Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Damit kann ich gut umgehen, damit kann ich gut leben, daran wachsen und reifen, stärker und selbstbewusster werden. Zermürbend und verletzend auf eine Art und Weise, die ich nicht einmal ausdrücken kann – fast hätte ich geschrieben: die nicht einmal ich ausdrücken kann – ist dieser schnöde, menschenverachtende und verlogene Umgang mit Menschen, die schwer erkrankt oder schwer verletzt sind und alleine daher fast täglich neuen Herausforderungen gegenüberstehen.

Ich könnte zum jetzigen Zeitpunkt des Schreibens zu meinem Hauptfacharzt nach Zürich fahren, er könnte mit bildgebenden Verfahren Bilder vom Innern meines Körpers machen und ich wüsste: Er würde Entzündungen erkennen und Schwarz auf Weiss bzw. Weiss auf Schwarz nachweisen können. Trotz Azathioprin. Trotz „Chemotherapie light“. Und ich weiss auch, warum trotz intensivem Therapieren (und ein paar Nebenwirkungen!) eine Verschlechterung eingetreten ist in den letzten zwei Wochen: aus oben vorerst einmal umschriebenen Gründen. Und nein, es geht nicht um Schuldzuweisungen, wie ahnungs- und empathielose Bürokraten bestimmt behaupten würden; es geht um Tatsachen, die „richtige“ Ärzte sofort bestätigen können und unter denen ich zu leiden habe. So, wie viele andere Betroffene auch. Nur hat das falsche System mit meiner Beharrlichkeit nicht gerechnet. Er wird kommen, der Schuss vor den Bug.

Kopfverletzungen dauern oft länger, hat die Angestellte in der Radiologie mir gesagt. Das merke ich, und darum musste ich am Freitagnachmittag eine Computertomographie – nicht etwa ein neuartiges Erlebnis…, neu war nur, welcher Körperteil tomographiert wurde – durchführen lassen. Ich habe immer noch Kopf- und Nackenschmerzen, wenn auch nicht mehr ununterbrochen, und ich habe immer noch Störungen mit dem Gleichgewichtssinn. Wenn ich ein Fenster öffne, habe ich manchmal das Gefühl, ich würde eine halbe Drehung machen; wenn ich zum Fenster hinausschaue, habe ich manchmal das Gefühl, das Licht blitze oder ein Vogel flattere davon; wenn ich im Bett liege, habe ich manchmal das Gefühl, ich sässe im Auto und hätte gerade unverhofft anhalten müssen; wenn ich eine gerade Strecke gehe, habe ich manchmal das Gefühl, ein Hindernis stelle sich mir in den Weg, obschon da gar nichts ist. Das kann irritieren. Auto fahren sollte ich noch nicht, auf Alkohol und Süssspeisen verzichten jedoch schon. Keine allzu schlimmen Einschränkungen, aber mit allem anderen, was so war, ist und sein wird, eben doch nicht ganz einfach. Im Gegenteil: langsam ein bisschen viel…

Auf Menschen, die das wahrnehmen und unumwunden ausdrücken können, bin ich angewiesen. Sandra zum Beispiel. Die auf gestern Abend abgemachte und langersehnte Gesangsstunde hat nicht stattgefunden; Sandra meint, die Vibrationen beim Singen würden die Kopfschmerzen verstärken. Also gehen wir bald einmal zusammen Kaffee trinken und verschieben die Gesangsstunde auf die Tage nach Auffahrt (Christi Himmelfahrt) – vorausgesetzt, dass in München, Würzburg und Frankfurt kein Busfahrer ruckartig losfährt oder eine Vollbremsung macht und auch sonst nichts passiert… 😉

Von Schicksalen und Profitgier

Ich konnte dann nicht widerstehen. Dem Wein schon, den Süssigkeiten ebenfalls. Den Shishas. Aber zu „Sidi Mansour“ nicht zu tanzen, das geht nicht. Schon gar nicht, wenn es live vorgetragen und für mich gesungen wird. Zu viele Erinnerungen sind damit verbunden, zu viel bedeutet es mir. Wir tanzten also, kamen um 4.30 Uhr nach Hause und waren um 5 Uhr im Bett. So spät ist es schon lange nicht mehr geworden. Wir waren froh, dass die Kinder bei meiner Mutter waren und wir bis 13 Uhr schlafen konnten. Nach ein paar Tassen Kaffee holten wir die Kinder ab und fuhren mit ihnen nach Zurzach. Für mich ist es Therapie, für meinen Mann Entspannung und für die Kinder Vergnügen. Das Thermalbad bietet für uns alle etwas, tut uns allen gut.

Nach dem ersten Unfall hatte ich eine ärztliche Verordnung für zehn Besuche im Thermal- und Solebad sowie eine weitere für zehn Osteopathie-Behandlungen. Nach dem zweiten Unfall jetzt das Gleiche noch einmal sowie zehn für Fussreflexzonenmassage. Denn noch blöder als die Dauerkopfschmerzen, die erst seit gestern eben keine Dauerschmerzen mehr sind, sondern mit Unterbrüchen auftreten, ist die Tatsache, dass das ganze System wieder in Mitleidenschaft gezogen worden ist und die Rückenschmerzen, die der erste Unfall verursacht hatte und die fast weg waren, nach dem Schlag mit dem Kopf an die Metallstange im Dubliner Bus zurückgekommen sind. Das Gleiche gilt für die thorakalen Schmerzen: Sie waren fast weg gewesen, sind durch den erneuten Unfall jedoch in der gleichen Form zurückgekommen. Das war für mich fast am schlimmsten, weil ich das Gefühl hatte, wieder bei Null beginnen zu müssen. Dieses Gefühl habe ich sowieso öfters und werde ich wahrscheinlich immer wieder haben. Damit kann ich umgehen. Aber bei den Unfällen zusätzlich mit diesem Gefühl konfrontiert gewesen zu sein, war nicht so lustig. Jetzt sind die Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und die Rückenschmerzen aber wieder am Zurückgehen, und ich sehe die zusätzlich verordneten Therapien auch als Zeit der Entspannung, Zeit der Ruhe und Zeit für mich. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir uns solche Zeiten zugestehen und uns selbst wertschätzen. Wenn wir dies nicht tun, aber ständige Wertschätzung von aussen erwarten oder brauchen, stimmt etwas nicht. Zuerst müssen wir sie uns selber geben. Erst dann kann sie auch von aussen kommen. Und wenn sie nicht kommt, trifft es uns viel weniger. Eine von vielen, wirklich vielen wertvollen Einsichten, zu denen ich durch die schwere Erkrankung und die damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen gelangen konnte. Für diese bin ich dankbar; sie haben mich zu der Person, die ich heute bin, gemacht. Sie waren hart, sie forderten heraus, sie bleiben mir erhalten. Sie waren grenzwertig.

Die Grenze zwischen Leben und Tod habe ich auch beschritten. Nicht gesucht, ausgelotet, wie dieser Tage über den im Himalaya tödlich verunglückten Extrembergsteiger Ueli Steck berichtet wird. Aber beschritten. Dass das Suchen und Ausloten dieser Grenze bewundert und bejubelt wird, ist für mich eher schwierig zu verstehen. Die Verklärung stimmt für mich nicht. Wer diese Grenze nicht sucht und nicht auslotet, sie aber trotzdem einmal beschritten hat, kann sich irgendwie betrogen vorkommen. Vor allem, wenn es in noch relativ jungen Jahren passiert. Ich war 42. Als die Krankheiten ausbrachen, war ich 35. Diese Grenze zu beschreiten, hatte nichts Grossartiges, nichts Heldenhaftes, nichts Reisserisches. Es war vielmehr das Ende einer ganz schlimmen Zeit, insbesondere am Arbeitsplatz, und der Anfang von zahlreichen Auf- und Umbrüchen in meinem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der diese Erfahrung in noch relativ jungen Jahren machen musste, sie je freiwillig machen wollte. Ich glaube, das kann nur ein Mensch wollen, dem das Müssen darin fehlt. Als Extrembergsteiger zum Beispiel, der den Zurückgebliebenen, den Normalsterblichen vom Tor zum Jenseits berichtet und darum die unterschiedlichsten Menschen in seinen Bann zu ziehen vermag. So habe ich es gelesen und nicht ganz verstanden, was daran so einzigartig sein soll. Es gibt wohl immer und überall Menschen, die davon berichten können. Nicht als Extrembergsteiger, die dieses Tor nicht sehen müssen, sondern wollen, doch als von schweren Verletzungen oder Erkrankungen Betroffene, die es nicht sehen wollten, sondern mussten. In letzterem Fall fehlt das Grossartige, Heldenhafte, Reisserische. Sie ist still, diese Erfahrung. Manchmal, wenn ich müde bin, holt sie mich ein.

Gestern Nachmittag fuhr ich gleich noch einmal nach Zurzach. Kinder bezahlen im Thermalbad am Mittwochnachmittag nur den halben Preis, und es hat deutlich weniger Besucher und Besucherinnen als am Wochenende oder an Feiertagen. Taieb und Naila schlossen Freundschaft mit Pauline, einem Mädchen aus Tann. „Mir händ e Fründin gfunde, sie isch us Thun!“, klärte Naila mich auf. Paulines Mutter stand daneben, fing an zu lachen und sagte mir, wo sie tatsächlich wohnen würden. Sie war mir sofort sympathisch, und ich erinnerte mich an Ludmila, Maxims Mutter, die ich in der Kinderspielhalle „Berolino“ kennengelernt hatte und bei der ich mich nächste Woche melden werde, damit wir eine Schiff-Fahrt mit den Kindern auf dem Rhein planen können. Paulines Mutter erzählte mir, dass ihre beiden älteren Kinder Schweizerdeutsch sprächen, die Jüngste aber beharrlich beim Hochdeutschen geblieben sei. Vielleicht, weil die engagierte Kindergärtnerin grossen Wert darauf gelegt hatte… Egal: Die drei verstanden sich sofort und sausten ungezählte Male in der Strömung im Kreis herum. Immer wieder sah ich ihre Köpfe auftauchen und vorbeisausen. Taiebs braune Haarspitzen, Nailas dunkle Locken. Zwischendurch graue Haare, den Kopf eines älteren Herrn. Taieb und Naila spielten „Surfbrett“, Taieb war der Surfer, Naila das Brett…, und alle waren zufrieden. Die Sonne schien, die Farben der Blumen in den Beeten leuchteten, mein Blick schweifte ab und zu in den nahegelegenen Wald. Mir fielen eine Frau und ein junger Mann auf, die zerebrale Beeinträchtigungen zu haben scheinen. Für sie hoffte ich besonders, dass sie das Baden geniessen können, dass es sie entspannt und ihnen guttut. Zerebrale Beeinträchtigungen – vielleicht von Geburt an, vielleicht durch einen Unfall. Es kann ganz schnell gehen – für uns alle. Ganz schnell kann es mehr sein als eine leichte Gehirnerschütterung… Der junge Mann war, so vermutete ich, mit seinen Grosseltern im Bad. Für die geduldige und ruhige ältere Frau, die sich um ihn kümmerte und auf ihn wartete, für mich eben seine Grossmutter, hoffte ich, dass auch ihr das Baden guttat.

Bevor wir nach Zurzach fuhren, war ich bei meiner Ärztin gewesen – zur Blutkontrolle und anschliessender Besprechung. Das Stechen tat weh, und manchmal frage ich mich, wie ich das häufige Stechen über Wochen, Monate, Jahre, für immer… aushalten soll. Die Resultate waren dafür erfreulich, was bedeutet, dass wir die am 11. Januar begonnenen und bis zu den Frühlingsferien schon fast zur Gewohnheit gewordenen wöchentlichen Kontrollen auf monatliche Kontrollen reduzieren können. Meine Venen werden nichts dagegen haben… Das ist ein kleiner Erfolg, der mich freut. Noch viel mehr freute mich jedoch die Feststellung meiner Ärztin, dass ich sehr viel gelernt hätte und persönlich weit gekommen sei in dieser Zeit der langen Krankschreibung. Das empfinde ich selbst auch so. Es von anderen zu hören, ist trotzdem bestärkend; insbesondere wenn die Feststellung von Menschen kommt, die wissen und verstehen, was ich so alles erlebt und erfahren habe in den vergangenen Monaten und Jahren. Mit ihr hatte ich mich über die drei äusserst lesenswerten Artikel aus dem „Beobachter“, die ich gestern auf Facebook postete und hier anfüge, unterhalten.

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/krebs-am-arbeitsplatz_der-lange-weg-zurueck/

http://www.beobachter.ch/geld-sicherheit/versicherungen/artikel/leistungskuerzung-bei-unfall_da-knausert-die-versicherung/

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/blind-im-beruf_mein-bauchgefuehl-ist-ja-nicht-sehbehindert/

Über die Schicksale dahinter. Über unsere Versicherungen, denen diese Schicksale am A… vorbeigehen, wenn sie nur ihren Profit steigern können. Über die oft sehr unreifen Entscheidungstragenden in den Schicksalen anderer Menschen. Über meine eigenen Erfahrungen. Der Person, die mir damals, im Februar 2016, empfohlen hatte, eine umfassende Rechtsschutzversicherung abzuschliessen, bin ich sehr dankbar. Meine Rechtsschutzversicherung ist daran, einen passenden Anwalt zu mandatieren. Wenn der Fall vorüber ist, werde ich darüber schreiben – nicht nur im Blog. Längst nicht nur. Dass es mir den Winter hindurch so schlecht ging und ich nicht alle Dokumente für den Journalisten zusammenstellen konnte, hat jetzt fast noch etwas Gutes. So kann die Geschichte mit Herrn K. gleich noch um ihre Fortsetzung mit der Unfallversicherung ergänzt werden. Und um ein paar weitere brisante Punkte. Die ich hätte verzeihen können und wollen, jetzt aber nicht mehr will und nicht mehr kann. Darüber zu schreiben, reicht aber nicht einmal mehr. Ich muss und werde auch darüber reden. Ich glaube, darüber zu reden, ist fast noch wichtiger. Es braucht die Mimik, die Gestik, den Ausdruck, den ganzen Menschen. Darüber reden und anderen helfen. Wer sich in diesem System nicht wehren und nicht ausdrücken kann, ist hoffnungslos verloren. Ich weiss nicht, was wäre, wenn ich meine Ressourcen und meine Lebensenergie nicht hätte. Ich weiss es wirklich nicht und möchte es wohl auch nicht wissen…

Ich weiss aber, dass ich – gerade dadurch, dass ich persönlich weit gekommen bin – kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Noch viel weniger als bis anhin schon. Und ich weiss auch, dass jetzt dann gleich die Kinder zum Mittagessen nach Hause kommen und ich nichts gekocht habe. Zum Glück hat mein Mann gestern ein „Tajine“ und marokkanischen Salat zubereitet. 🙂

Von Schicksalen und Profitgier

Ich konnte dann nicht widerstehen. Dem Wein schon, den Süssigkeiten ebenfalls. Den Shishas. Aber zu „Sidi Mansour“ nicht zu tanzen, das geht nicht. Schon gar nicht, wenn es live vorgetragen und für mich gesungen wird. Zu viele Erinnerungen sind damit verbunden, zu viel bedeutet es mir. Wir tanzten also, kamen um 4.30 Uhr nach Hause und waren um 5 Uhr im Bett. So spät ist es schon lange nicht mehr geworden. Wir waren froh, dass die Kinder bei meiner Mutter waren und wir bis 13 Uhr schlafen konnten. Nach ein paar Tassen Kaffee holten wir die Kinder ab und fuhren mit ihnen nach Zurzach. Für mich ist es Therapie, für meinen Mann Entspannung und für die Kinder Vergnügen. Das Thermalbad bietet für uns alle etwas, tut uns allen gut.

Nach dem ersten Unfall hatte ich eine ärztliche Verordnung für zehn Besuche im Thermal- und Solebad sowie eine weitere für zehn Osteopathie-Behandlungen. Nach dem zweiten Unfall jetzt das Gleiche noch einmal sowie zehn für Fussreflexzonenmassage. Denn noch blöder als die Dauerkopfschmerzen, die erst seit gestern eben keine Dauerschmerzen mehr sind, sondern mit Unterbrüchen auftreten, ist die Tatsache, dass das ganze System wieder in Mitleidenschaft gezogen worden ist und die Rückenschmerzen, die der erste Unfall verursacht hatte und die fast weg waren, nach dem Schlag mit dem Kopf an die Metallstange im Dubliner Bus zurückgekommen sind. Das Gleiche gilt für die thorakalen Schmerzen: Sie waren fast weg gewesen, sind durch den erneuten Unfall jedoch in der gleichen Form zurückgekommen. Das war für mich fast am schlimmsten, weil ich das Gefühl hatte, wieder bei Null beginnen zu müssen. Dieses Gefühl habe ich sowieso öfters und werde ich wahrscheinlich immer wieder haben. Damit kann ich umgehen. Aber bei den Unfällen zusätzlich mit diesem Gefühl konfrontiert gewesen zu sein, war nicht so lustig. Jetzt sind die Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und die Rückenschmerzen aber wieder am Zurückgehen, und ich sehe die zusätzlich verordneten Therapien auch als Zeit der Entspannung, Zeit der Ruhe und Zeit für mich. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir uns solche Zeiten zugestehen und uns selbst wertschätzen. Wenn wir dies nicht tun, aber ständige Wertschätzung von aussen erwarten oder brauchen, stimmt etwas nicht. Zuerst müssen wir sie uns selber geben. Erst dann kann sie auch von aussen kommen. Und wenn sie nicht kommt, trifft es uns viel weniger. Eine von vielen, wirklich vielen wertvollen Einsichten, zu denen ich durch die schwere Erkrankung und die damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen gelangen konnte. Für diese bin ich dankbar; sie haben mich zu der Person, die ich heute bin, gemacht. Sie waren hart, sie forderten heraus, sie bleiben mir erhalten. Sie waren grenzwertig.

Die Grenze zwischen Leben und Tod habe ich auch beschritten. Nicht gesucht, ausgelotet, wie dieser Tage über den im Himalaya tödlich verunglückten Extrembergsteiger Ueli Steck berichtet wird. Aber beschritten. Dass das Suchen und Ausloten dieser Grenze bewundert und bejubelt wird, ist für mich eher schwierig zu verstehen. Die Verklärung stimmt für mich nicht. Wer diese Grenze nicht sucht und nicht auslotet, sie aber trotzdem einmal beschritten hat, kann sich irgendwie betrogen vorkommen. Vor allem, wenn es in noch relativ jungen Jahren passiert. Ich war 42. Als die Krankheiten ausbrachen, war ich 35. Diese Grenze zu beschreiten, hatte nichts Grossartiges, nichts Heldenhaftes, nichts Reisserisches. Es war vielmehr das Ende einer ganz schlimmen Zeit, insbesondere am Arbeitsplatz, und der Anfang von zahlreichen Auf- und Umbrüchen in meinem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der diese Erfahrung in noch relativ jungen Jahren machen musste, sie je freiwillig machen wollte. Ich glaube, das kann nur ein Mensch wollen, dem das Müssen darin fehlt. Als Extrembergsteiger zum Beispiel, der den Zurückgebliebenen, den Normalsterblichen vom Tor zum Jenseits berichtet und darum die unterschiedlichsten Menschen in seinen Bann zu ziehen vermag. So habe ich es gelesen und nicht ganz verstanden, was daran so einzigartig sein soll. Es gibt wohl immer und überall Menschen, die davon berichten können. Nicht als Extrembergsteiger, die dieses Tor nicht sehen müssen, sondern wollen, doch als von schweren Verletzungen oder Erkrankungen Betroffene, die es nicht sehen wollten, sondern mussten. In letzterem Fall fehlt das Grossartige, Heldenhafte, Reisserische. Sie ist still, diese Erfahrung. Manchmal, wenn ich müde bin, holt sie mich ein.

Gestern Nachmittag fuhr ich gleich noch einmal nach Zurzach. Kinder bezahlen im Thermalbad am Mittwochnachmittag nur den halben Preis, und es hat deutlich weniger Besucher und Besucherinnen als am Wochenende oder an Feiertagen. Taieb und Naila schlossen Freundschaft mit Pauline, einem Mädchen aus Tann. „Mir händ e Fründin gfunde, sie isch us Thun!“, klärte Naila mich auf. Paulines Mutter stand daneben, fing an zu lachen und sagte mir, wo sie tatsächlich wohnen würden. Sie war mir sofort sympathisch, und ich erinnerte mich an Ludmila, Maxims Mutter, die ich in der Kinderspielhalle „Berolino“ kennengelernt hatte und bei der ich mich nächste Woche melden werde, damit wir eine Schiff-Fahrt mit den Kindern auf dem Rhein planen können. Paulines Mutter erzählte mir, dass ihre beiden älteren Kinder Schweizerdeutsch sprächen, die Jüngste aber beharrlich beim Hochdeutschen geblieben sei. Vielleicht, weil die engagierte Kindergärtnerin grossen Wert darauf gelegt hatte… Egal: Die drei verstanden sich sofort und sausten ungezählte Male in der Strömung im Kreis herum. Immer wieder sah ich ihre Köpfe auftauchen und vorbeisausen. Taiebs braune Haarspitzen, Nailas dunkle Locken. Zwischendurch graue Haare, den Kopf eines älteren Herrn. Taieb und Naila spielten „Surfbrett“, Taieb war der Surfer, Naila das Brett…, und alle waren zufrieden. Die Sonne schien, die Farben der Blumen in den Beeten leuchteten, mein Blick schweifte ab und zu in den nahegelegenen Wald. Mir fielen eine Frau und ein junger Mann auf, die zerebrale Beeinträchtigungen zu haben scheinen. Für sie hoffte ich besonders, dass sie das Baden geniessen können, dass es sie entspannt und ihnen guttut. Zerebrale Beeinträchtigungen – vielleicht von Geburt an, vielleicht durch einen Unfall. Es kann ganz schnell gehen – für uns alle. Ganz schnell kann es mehr sein als eine leichte Gehirnerschütterung… Der junge Mann war, so vermutete ich, mit seinen Grosseltern im Bad. Für die geduldige und ruhige ältere Frau, die sich um ihn kümmerte und auf ihn wartete, für mich eben seine Grossmutter, hoffte ich, dass auch ihr das Baden guttat.

Bevor wir nach Zurzach fuhren, war ich bei meiner Ärztin gewesen – zur Blutkontrolle und anschliessender Besprechung. Das Stechen tat weh, und manchmal frage ich mich, wie ich das häufige Stechen über Wochen, Monate, Jahre, für immer… aushalten soll. Die Resultate waren dafür erfreulich, was bedeutet, dass wir die am 11. Januar begonnenen und bis zu den Frühlingsferien schon fast zur Gewohnheit gewordenen wöchentlichen Kontrollen auf monatliche Kontrollen reduzieren können. Meine Venen werden nichts dagegen haben… Das ist ein kleiner Erfolg, der mich freut. Noch viel mehr freute mich jedoch die Feststellung meiner Ärztin, dass ich sehr viel gelernt hätte und persönlich weit gekommen sei in dieser Zeit der langen Krankschreibung. Das empfinde ich selbst auch so. Es von anderen zu hören, ist trotzdem bestärkend; insbesondere wenn die Feststellung von Menschen kommt, die wissen und verstehen, was ich so alles erlebt und erfahren habe in den vergangenen Monaten und Jahren. Mit ihr hatte ich mich über die drei äusserst lesenswerten Artikel aus dem „Beobachter“, die ich gestern auf Facebook postete und hier anfüge, unterhalten.

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/krebs-am-arbeitsplatz_der-lange-weg-zurueck/

http://www.beobachter.ch/geld-sicherheit/versicherungen/artikel/leistungskuerzung-bei-unfall_da-knausert-die-versicherung/

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/blind-im-beruf_mein-bauchgefuehl-ist-ja-nicht-sehbehindert/

Über die Schicksale dahinter. Über unsere Versicherungen, denen diese Schicksale am A… vorbeigehen, wenn sie nur ihren Profit steigern können. Über die oft sehr unreifen Entscheidungstragenden in den Schicksalen anderer Menschen. Über meine eigenen Erfahrungen. Der Person, die mir damals, im Februar 2016, empfohlen hatte, eine umfassende Rechtsschutzversicherung abzuschliessen, bin ich sehr dankbar. Meine Rechtsschutzversicherung ist daran, einen passenden Anwalt zu mandatieren. Wenn der Fall vorüber ist, werde ich darüber schreiben – nicht nur im Blog. Längst nicht nur. Dass es mir den Winter hindurch so schlecht ging und ich nicht alle Dokumente für den Journalisten zusammenstellen konnte, hat jetzt fast noch etwas Gutes. So kann die Geschichte mit Herrn K. gleich noch um ihre Fortsetzung mit der Unfallversicherung ergänzt werden. Und um ein paar weitere brisante Punkte. Die ich hätte verzeihen können und wollen, jetzt aber nicht mehr will und nicht mehr kann. Darüber zu schreiben, reicht aber nicht einmal mehr. Ich muss und werde auch darüber reden. Ich glaube, darüber zu reden, ist fast noch wichtiger. Es braucht die Mimik, die Gestik, den Ausdruck, den ganzen Menschen. Darüber reden und anderen helfen. Wer sich in diesem System nicht wehren und nicht ausdrücken kann, ist hoffnungslos verloren. Ich weiss nicht, was wäre, wenn ich meine Ressourcen und meine Lebensenergie nicht hätte. Ich weiss es wirklich nicht und möchte es wohl auch nicht wissen…

Ich weiss aber, dass ich – gerade dadurch, dass ich persönlich weit gekommen bin – kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Noch viel weniger als bis anhin schon. Und ich weiss auch, dass jetzt dann gleich die Kinder zum Mittagessen nach Hause kommen und ich nichts gekocht habe. Zum Glück hat mein Mann gestern ein „Tajine“ und marokkanischen Salat zubereitet. 🙂

Von Schicksalen und Profitgier

Ich konnte dann nicht widerstehen. Dem Wein schon, den Süssigkeiten ebenfalls. Den Shishas. Aber zu „Sidi Mansour“ nicht zu tanzen, das geht nicht. Schon gar nicht, wenn es live vorgetragen und für mich gesungen wird. Zu viele Erinnerungen sind damit verbunden, zu viel bedeutet es mir. Wir tanzten also, kamen um 4.30 Uhr nach Hause und waren um 5 Uhr im Bett. So spät ist es schon lange nicht mehr geworden. Wir waren froh, dass die Kinder bei meiner Mutter waren und wir bis 13 Uhr schlafen konnten. Nach ein paar Tassen Kaffee holten wir die Kinder ab und fuhren mit ihnen nach Zurzach. Für mich ist es Therapie, für meinen Mann Entspannung und für die Kinder Vergnügen. Das Thermalbad bietet für uns alle etwas, tut uns allen gut.

Nach dem ersten Unfall hatte ich eine ärztliche Verordnung für zehn Besuche im Thermal- und Solebad sowie eine weitere für zehn Osteopathie-Behandlungen. Nach dem zweiten Unfall jetzt das Gleiche noch einmal sowie zehn für Fussreflexzonenmassage. Denn noch blöder als die Dauerkopfschmerzen, die erst seit gestern eben keine Dauerschmerzen mehr sind, sondern mit Unterbrüchen auftreten, ist die Tatsache, dass das ganze System wieder in Mitleidenschaft gezogen worden ist und die Rückenschmerzen, die der erste Unfall verursacht hatte und die fast weg waren, nach dem Schlag mit dem Kopf an die Metallstange im Dubliner Bus zurückgekommen sind. Das Gleiche gilt für die thorakalen Schmerzen: Sie waren fast weg gewesen, sind durch den erneuten Unfall jedoch in der gleichen Form zurückgekommen. Das war für mich fast am schlimmsten, weil ich das Gefühl hatte, wieder bei Null beginnen zu müssen. Dieses Gefühl habe ich sowieso öfters und werde ich wahrscheinlich immer wieder haben. Damit kann ich umgehen. Aber bei den Unfällen zusätzlich mit diesem Gefühl konfrontiert gewesen zu sein, war nicht so lustig. Jetzt sind die Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und die Rückenschmerzen aber wieder am Zurückgehen, und ich sehe die zusätzlich verordneten Therapien auch als Zeit der Entspannung, Zeit der Ruhe und Zeit für mich. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir uns solche Zeiten zugestehen und uns selbst wertschätzen. Wenn wir dies nicht tun, aber ständige Wertschätzung von aussen erwarten oder brauchen, stimmt etwas nicht. Zuerst müssen wir sie uns selber geben. Erst dann kann sie auch von aussen kommen. Und wenn sie nicht kommt, trifft es uns viel weniger. Eine von vielen, wirklich vielen wertvollen Einsichten, zu denen ich durch die schwere Erkrankung und die damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen gelangen konnte. Für diese bin ich dankbar; sie haben mich zu der Person, die ich heute bin, gemacht. Sie waren hart, sie forderten heraus, sie bleiben mir erhalten. Sie waren grenzwertig.

Die Grenze zwischen Leben und Tod habe ich auch beschritten. Nicht gesucht, ausgelotet, wie dieser Tage über den im Himalaya tödlich verunglückten Extrembergsteiger Ueli Steck berichtet wird. Aber beschritten. Dass das Suchen und Ausloten dieser Grenze bewundert und bejubelt wird, ist für mich eher schwierig zu verstehen. Die Verklärung stimmt für mich nicht. Wer diese Grenze nicht sucht und nicht auslotet, sie aber trotzdem einmal beschritten hat, kann sich irgendwie betrogen vorkommen. Vor allem, wenn es in noch relativ jungen Jahren passiert. Ich war 42. Als die Krankheiten ausbrachen, war ich 35. Diese Grenze zu beschreiten, hatte nichts Grossartiges, nichts Heldenhaftes, nichts Reisserisches. Es war vielmehr das Ende einer ganz schlimmen Zeit, insbesondere am Arbeitsplatz, und der Anfang von zahlreichen Auf- und Umbrüchen in meinem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der diese Erfahrung in noch relativ jungen Jahren machen musste, sie je freiwillig machen wollte. Ich glaube, das kann nur ein Mensch wollen, dem das Müssen darin fehlt. Als Extrembergsteiger zum Beispiel, der den Zurückgebliebenen, den Normalsterblichen vom Tor zum Jenseits berichtet und darum die unterschiedlichsten Menschen in seinen Bann zu ziehen vermag. So habe ich es gelesen und nicht ganz verstanden, was daran so einzigartig sein soll. Es gibt wohl immer und überall Menschen, die davon berichten können. Nicht als Extrembergsteiger, die dieses Tor nicht sehen müssen, sondern wollen, doch als von schweren Verletzungen oder Erkrankungen Betroffene, die es nicht sehen wollten, sondern mussten. In letzterem Fall fehlt das Grossartige, Heldenhafte, Reisserische. Sie ist still, diese Erfahrung. Manchmal, wenn ich müde bin, holt sie mich ein.

Gestern Nachmittag fuhr ich gleich noch einmal nach Zurzach. Kinder bezahlen im Thermalbad am Mittwochnachmittag nur den halben Preis, und es hat deutlich weniger Besucher und Besucherinnen als am Wochenende oder an Feiertagen. Taieb und Naila schlossen Freundschaft mit Pauline, einem Mädchen aus Tann. „Mir händ e Fründin gfunde, sie isch us Thun!“, klärte Naila mich auf. Paulines Mutter stand daneben, fing an zu lachen und sagte mir, wo sie tatsächlich wohnen würden. Sie war mir sofort sympathisch, und ich erinnerte mich an Ludmila, Maxims Mutter, die ich in der Kinderspielhalle „Berolino“ kennengelernt hatte und bei der ich mich nächste Woche melden werde, damit wir eine Schiff-Fahrt mit den Kindern auf dem Rhein planen können. Paulines Mutter erzählte mir, dass ihre beiden älteren Kinder Schweizerdeutsch sprächen, die Jüngste aber beharrlich beim Hochdeutschen geblieben sei. Vielleicht, weil die engagierte Kindergärtnerin grossen Wert darauf gelegt hatte… Egal: Die drei verstanden sich sofort und sausten ungezählte Male in der Strömung im Kreis herum. Immer wieder sah ich ihre Köpfe auftauchen und vorbeisausen. Taiebs braune Haarspitzen, Nailas dunkle Locken. Zwischendurch graue Haare, den Kopf eines älteren Herrn. Taieb und Naila spielten „Surfbrett“, Taieb war der Surfer, Naila das Brett…, und alle waren zufrieden. Die Sonne schien, die Farben der Blumen in den Beeten leuchteten, mein Blick schweifte ab und zu in den nahegelegenen Wald. Mir fielen eine Frau und ein junger Mann auf, die zerebrale Beeinträchtigungen zu haben scheinen. Für sie hoffte ich besonders, dass sie das Baden geniessen können, dass es sie entspannt und ihnen guttut. Zerebrale Beeinträchtigungen – vielleicht von Geburt an, vielleicht durch einen Unfall. Es kann ganz schnell gehen – für uns alle. Ganz schnell kann es mehr sein als eine leichte Gehirnerschütterung… Der junge Mann war, so vermutete ich, mit seinen Grosseltern im Bad. Für die geduldige und ruhige ältere Frau, die sich um ihn kümmerte und auf ihn wartete, für mich eben seine Grossmutter, hoffte ich, dass auch ihr das Baden guttat.

Bevor wir nach Zurzach fuhren, war ich bei meiner Ärztin gewesen – zur Blutkontrolle und anschliessender Besprechung. Das Stechen tat weh, und manchmal frage ich mich, wie ich das häufige Stechen über Wochen, Monate, Jahre, für immer… aushalten soll. Die Resultate waren dafür erfreulich, was bedeutet, dass wir die am 11. Januar begonnenen und bis zu den Frühlingsferien schon fast zur Gewohnheit gewordenen wöchentlichen Kontrollen auf monatliche Kontrollen reduzieren können. Meine Venen werden nichts dagegen haben… Das ist ein kleiner Erfolg, der mich freut. Noch viel mehr freute mich jedoch die Feststellung meiner Ärztin, dass ich sehr viel gelernt hätte und persönlich weit gekommen sei in dieser Zeit der langen Krankschreibung. Das empfinde ich selbst auch so. Es von anderen zu hören, ist trotzdem bestärkend; insbesondere wenn die Feststellung von Menschen kommt, die wissen und verstehen, was ich so alles erlebt und erfahren habe in den vergangenen Monaten und Jahren. Mit ihr hatte ich mich über die drei äusserst lesenswerten Artikel aus dem „Beobachter“, die ich gestern auf Facebook postete und hier anfüge, unterhalten.

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/krebs-am-arbeitsplatz_der-lange-weg-zurueck/

http://www.beobachter.ch/geld-sicherheit/versicherungen/artikel/leistungskuerzung-bei-unfall_da-knausert-die-versicherung/

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/blind-im-beruf_mein-bauchgefuehl-ist-ja-nicht-sehbehindert/

Über die Schicksale dahinter. Über unsere Versicherungen, denen diese Schicksale am A… vorbeigehen, wenn sie nur ihren Profit steigern können. Über die oft sehr unreifen Entscheidungstragenden in den Schicksalen anderer Menschen. Über meine eigenen Erfahrungen. Der Person, die mir damals, im Februar 2016, empfohlen hatte, eine umfassende Rechtsschutzversicherung abzuschliessen, bin ich sehr dankbar. Meine Rechtsschutzversicherung ist daran, einen passenden Anwalt zu mandatieren. Wenn der Fall vorüber ist, werde ich darüber schreiben – nicht nur im Blog. Längst nicht nur. Dass es mir den Winter hindurch so schlecht ging und ich nicht alle Dokumente für den Journalisten zusammenstellen konnte, hat jetzt fast noch etwas Gutes. So kann die Geschichte mit Herrn K. gleich noch um ihre Fortsetzung mit der Unfallversicherung ergänzt werden. Und um ein paar weitere brisante Punkte. Die ich hätte verzeihen können und wollen, jetzt aber nicht mehr will und nicht mehr kann. Darüber zu schreiben, reicht aber nicht einmal mehr. Ich muss und werde auch darüber reden. Ich glaube, darüber zu reden, ist fast noch wichtiger. Es braucht die Mimik, die Gestik, den Ausdruck, den ganzen Menschen. Darüber reden und anderen helfen. Wer sich in diesem System nicht wehren und nicht ausdrücken kann, ist hoffnungslos verloren. Ich weiss nicht, was wäre, wenn ich meine Ressourcen und meine Lebensenergie nicht hätte. Ich weiss es wirklich nicht und möchte es wohl auch nicht wissen…

Ich weiss aber, dass ich – gerade dadurch, dass ich persönlich weit gekommen bin – kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Noch viel weniger als bis anhin schon. Und ich weiss auch, dass jetzt dann gleich die Kinder zum Mittagessen nach Hause kommen und ich nichts gekocht habe. Zum Glück hat mein Mann gestern ein „Tajine“ und marokkanischen Salat zubereitet. 🙂

Iss dich schön – mit Ziegenkäse

„Sorry about that, folks!“ Der Fahrer des Busses von Birmingham nach London hatte am Dienstagnachmittag zehn Minuten vor Erreichen unseres Ziels, Victoria Station, an einer Ampel eine Vollbremsung machen müssen. Ein Handy kam von hinten nach vorne geflogen, direkt vor Taiebs Füsse. Er hob es auf, begutachtete es und gab es dem Teenager, der kurz danach neben ihm stand, zurück. Es war trotz weitem Flug unversehrt geblieben. Der Teenager war erleichtert und Taieb freute sich für ihn. Ich war froh, dass das kleine Mädchen sowie das Baby vor uns nicht von den Sitzplätzen gefallen waren, hatte ich doch auf der Fahrt beide in mein Herz geschlossen. Erst nach dem Aussteigen beim Mittagessen im „Shakespeare“-Pub merkte ich, dass eine Vollbremsung bei Gehirnerschütterung nicht das Richtige sein kann. Die Kopfschmerzen wurden (noch) stärker und der Druck nahm zu. Ich bekam Angst, erinnerte mich an die Worte des Arztes in Eglisau und wollte Natalia sehen. Hätte ich den Auslöser für die (noch) stärker gewordenen Schmerzen und den erhöhten Druck nicht gekannt, wäre ich sofort zu einem Arzt oder einer Ärztin gegangen.

So hoffte ich, das Mittagessen im Pub oder die Stunde Bettruhe später in unserem Hotel würde helfen. Dem war leider nicht so. Also vereinbarte ich telefonisch einen Arzttermin für den kommenden Tag auf 13 Uhr und nahm Schmerzmittel für den Abend. Das hatte ich nicht einmal für das Konzert in Birmingham am Vorabend getan. Wir hatten an sich ja wirklich gute Plätze, nur hatte ich ständig Scheinwerfer genau auf mir und direkt in den Augen. Von daher fand ich den Platz dann doch eher unangenehm. Ich merkte da schon, wie die Kopfschmerzen stärker wurden; die Vollbremsung am Dienstagnachmittag war aber der Hauptgrund für meine (grossen) Zweifel, das Konzert in London am Mittwochabend besuchen zu können. Mein Plan war, wenn irgendwie möglich, hinzugehen und den Saal nach dem dritten Lied zu verlassen. „On the wings of the morn…, I’m sailing beside you in your lonely sky.“

Den Dienstagabend konnte ich dank der Schmerzmittel trotzdem geniessen. Natalia hatte ich seit Oktober 2014, als ich zum vierten und letzten Mal das Sprachlager nach Oxford begleitete – stimmt, darüber muss ich bei Gelegenheit auch noch berichten… -, nicht mehr gesehen. Da wir uns zuvor mindestens einmal im Jahr sahen, war diese Dauer ziemlich lange gewesen, und wenn ich mir überlege, was in der Zwischenzeit passiert ist, vervielfacht sie sich… Darum war mir das Treffen besonders wichtig. Taieb konnte sein Englisch anwenden und ich war positiv überrascht, wie viel er versteht und irgendwie auch ausdrücken kann. „You will see in a few years, you will have a tough time, Sabine. He’s gonna be a heartbreaker.“ Etwas Ähnliches hatte auch Bärbel gemeint, als wir in Dublin zusammen essen gingen; etwas Ähnliches hatte auch Monika gesagt, als ich sie anfangs April besuchte. Alexandra erzählte mir, Chiara habe zum ersten Mal einen Jungen ganz hübsch gefunden, nachdem sie ein Foto von ihm gesehen hatte. Das war ein Foto aus Berlin gewesen, vom letzten Sommer; ich erinnere mich und ich erinnere mich sehr gerne. Auf dem Gendarmenmarkt. Wie auch immer: Ich habe mir vorgenommen, keine „tough times“ zu haben deswegen; ich habe sie auch ohne „heartbreaker“ schon oft und heftig genug. Ein bisschen Ironie schwingt da natürlich auch wieder mit; weiss ich doch sehr wohl, dass Gefühle nicht plan- und lenkbar sind…

Nachdem ich am Mittag im Pub Taiebs Salat, den er zu seinem mit „Beans“ gefüllten „Jacket Potato“ serviert bekam, gegessen hatte, kam am Abend mit der Vorspeise – „Goat cheese“ (!) – der zweite und mit dem Hauptgang – Aubergine, mit Gemüse gefüllt und mit „Goat cheese“ (!) überbacken – der dritte Salat des Tages. Da ich auch Taiebs Gemüse, das reichlich unter seinen Teigwaren lag und von dem er behauptete, es zu spät entdeckt zu haben (als er leider schon satt war…), ass, hätte ich mich wirklich gerne für so ein schlaues Heftchen oder ein noch schlaueres Buch gemeldet und meinen Dienstag bezüglich Essen porträtieren lassen. So im Stil von „Iss dich fit“ oder „Iss dich hübsch“. Ganz ohne Ironie, versteht sich. Die Frage nach dem Nachtisch kam selbstverständlich auch auf. Früchte wären der krönende Abschluss gewesen, doch es gab sie nicht als Fruchtsalat, sondern „nur“ in Form von Kuchen. Liebend gern hätte ich Kuchen gegessen und meinem fast schon übertrieben gesunden Essverhalten an jenem Tag ein abruptes Ende gesetzt. Aber ich darf zur Zeit ja keine Süssspeisen essen und sah mich einem kleineren Problem gegenüber…

Natalia kenne ich übrigens von meinem Jahr in Birmingham 1995/96. Sie ist fünf oder sechs Jahre jünger als ich und war meine Schülerin gewesen. Da sie so gut war, konnte ich sie alleine unterrichten und ihr Max Frisch näherbringen. Das war für mich natürlich viel interessanter als die stereotypen „Role-plays“, die ich mit den meisten Gruppen einüben musste und bei denen es viel mehr um Auswendiglernen als um Verstehen geht. Von der Anwendung und Anpassung in konkreten und echten Situationen ganz zu schweigen. Dass wir es geschafft haben, unseren Kontakt aufrechtzuerhalten, spricht für uns beide, finde ich. Nach den A-Levels verliess sie Birmingham; sie mag die Stadt nicht. Ich schon. Sie ist so voller Erinnerungen für mich. „Kings Heath“ habe ich dann nicht bloss angeschrieben gesehen, sondern wir sind sowohl am Montag als auch am Dienstag mit dem Bus von bzw. nach London durch den ganzen Stadtteil gefahren, der Hauptstrasse entlang. Sie ist lang und bunt; rechts und links reihen sich Geschäfte, Cafés und Wohnhäuser aneinander. In einem der Wohnhäuser hatte sie damals stattgefunden, diese Nacht mit Stéphane.

Den Arzttermin konnte ich absagen, und statt um 13 Uhr zum Arzt zu gehen, machte ich einen Termin für Manicure ab (siehe Foto). Das bedeutete für mich mehr als pinke Nägel, mehr als gepflegte Hände und Schönheit, mehr, als ich jetzt gerade auszudrücken vermag. Am Mittwochmorgen, als wir aufwachten und aufstanden, sah es nämlich noch gar nicht danach aus. Die Angst war wieder da. Aber nach dem englischen Frühstück bei, wie sich später herausstellte, zwei Marokanerinnen gingen die Kopfschmerzen zurück – auf das Niveau von VOR der Vollbremsung. Taieb hatte festgestellt, dass sie Marrokanisch miteinander redeten, und mich darauf aufmerksam gemacht. So fragte ich sie, woher genau sie seien, und wir kamen ins Gespräch. Mit Taieb redeten sie ein paar Worte auf Marrokanisch und erfüllten ihm am Donnerstagmorgen, als wir noch einmal bei ihnen englisch frühstückten, seine Wünsche erst, nachdem er sie auf Marokkanisch zu formulieren versucht hatte. Vielleicht war das am Mittwochmorgen irgendwie befreiend gewesen oder der Kaffee hatte ein Zaubermittel enthalten; jedenfalls gingen die Kopfschmerzen danach zurück. Auf das Niveau, auf dem sie am Montag und am Dienstagmorgen waren und auf dem sie auch jetzt noch sind. Daher muss ich erneut für ein paar Tage häufig im Bett und im Dunkeln sein – aber nicht nur. Warum übermässiges Liegen für alle Menschen und insbesondere für Betroffene von gewissen chronischen Erkrankungen schnell einmal gefährlich werden kann, habe ich auch schon erläutert und möchte mich hier nicht wiederholen. Ich muss liegen und ruhen – aber nicht übermässig, sondern mich so viel, wie eben möglich ist, bewegen. Was möglich ist, kann stark variieren.

Ins „Fata Morgana“ konnten wir gestern Abend nicht gehen, weil es mir wirklich nicht gut ging und ich mich fühlte, als ob ich gar nicht wach sei. Also versuchen wir es heute Abend noch einmal, in einem arabischen Lokal in Zürich. Dort waren wir erst einmal, als wir noch keine Kinder hatten. Lange, lange her… Mein Mann hat offenbar mit dem Besitzer abmachen können, dass er mein Lieblingslied spielen lässt: „Sidi Mansour“. Das ist wunderbar, macht mein Problem mit dem Tanzen einfach noch grösser, sehr gross sogar…

Für mein Problem mit dem Nachtisch hatte Natalia jedoch die zündende Idee: „How about the selection of cheese?!“ 🙂