Vom Zufall im Unfall

„Commotion cérébrale“: Ich habe meinem Mann erst von London aus geschrieben, was ich habe und was in Dublin auch noch passiert ist. Betonung auf „auch noch“. Die frohen und glücklichen Stunden stehen im Vordergrund, und von ihnen habe ich erzählt. Die Kopfschmerzen, die er schon mitbekam, begründete ich mit Nebenwirkungen von Imurek – durchaus möglich und naheliegend. Sein Vorschlag ist jetzt, dass wir am Samstagabend ins „Fata Morgana“ gehen. Aus medizinischer Sicht vielleicht nicht die beste Idee, aus psychologischer Sicht schon. Also habe ich zugesagt und freue mich darauf. Zwei kleine Probleme habe ich allerdings.

„Commotion cérébrale“: Den Ausdruck hätte ich beim Lesen und Hören sofort verstanden – Latein sei Dank -, aber in meinem aktiven Wortschatz war er nicht. Gründe, ihn nachzuschauen, hatte ich bis vor Kurzem keine. Meinen ersten nennenswerten Unfall hatte ich am 14. Dezember 2016, meinen zweiten am 15. April 2017. Das mag Zufall sein – oder auch nicht. Das mag Zufall sein – oder eine indirekte Folge von „allem“, was in den vorangegangenen Monaten und Jahren passiert war. Konkreter muss ich „alles“ nicht umschreiben; dazu gibt es mittlerweilen 143 Beiträge in meinem Blog. Sie zeigen zwar längst nicht „alles“, aber doch einen beachtlichen Teil aus dem Leben mit einer chronischen und schweren Erkrankung. Daher gehe ich hier nicht konkret darauf ein, um eventuelle Zusammenhänge zwischen den Erkrankungen, insbesondere einer, und den Unfällen aufzuzeigen. Ich weiss auch, dass sowohl meine Hausärztin als auch mein Hauptfacharzt Zusammenhänge vermuten. So ganz lustig ist das nicht, und so ganz einfach zu akzeptieren ebenfalls nicht. Doch es bleibt mir nichts anderes übrig, ausser ich nähme ihre Vermutungen nicht ernst und würde die eventuellen Zusammenhänge leugnen. Aber das würde gar nichts bringen. Und es wäre absurd: Die Personen, die mir aus verzweifelten Situationen geholfen haben, die mich vor dieser einen, wirklich schlimmen Erfahrung bewahrt hätten, wenn ich auf sie gehört hätte, die mir aus dem sich unselig drehenden Rad, aus dem ich keinen Ausweg mehr sah, weil ich am Arbeitsplatz nicht mehr (Betonung auf „mehr“) sagen konnte und durfte, wie krank ich war, und – mit einer Ausnahme – niemand es bemerkte, den Weg zu mir selbst und für mich selbst aufgezeigt haben, nicht ernst nehmen? Das geht nicht, das geht schlicht nicht.

Nein, 43 1/2 Jahre lang keinen nennenswerten Unfall zu haben und dann innerhalb von vier Monaten gleich zwei, ist wohl nicht einfach ein Zufall. Abschliessende Antworten auf diese Frage, die mich beschäftigt und die nicht ganz so locker daherkommt, wie man vielleicht meinen könnte, gibt es nicht und wird es nie geben. Das ist sogar besser so; wichtig ist, das, was ist, anzunehmen, sich damit auseinanderzusetzen und weiterzumachen. Auf Konzerte zu gehen, zum Beispiel. Von Chris de Burgh, zum Beispiel. Auch wenn ich jedes Mal diese eine, wirklich schlimme Erfahrung wieder durchlebe; jedes Mal, wenn der erste Ton erklingt, wenn die blauen Scheinwerfer aufblitzen, weiss ich es schon. Dann gibt es kein Entrinnen mehr. Wenn der Text beginnt, bin ich jedes Mal schon viel weiter und ganz froh darum, an den Anfang der Geschichte zurückgerissen zu werden und sie mit dem Publikum vereint mitzuerleben: „It was late at night on the open road, speeding like a man on the run…“ „Speeding“ wird für mich jedes Mal zu „falling“; das war kein Rennen, das war ein Fallen; ein Fallen ohne Ende, ein Fallen ins Ungewisse, schnell schon, das stimmt, schnell und schaurig, in horizontaler Lage, immer schneller, bis ein Brett unter meinen Rücken geschoben wurde, ein Holzbrett, das dem Fallen ein hartes, abruptes und unerwartetes Ende setzte.

Aus medizinischer Sicht vielleicht nicht die beste Idee, aus psychologischer Sicht schon ist auch die Reise nach Birmingham und London. Was jedoch psychologisch wertvoll ist, hilft immer auch medizinisch. Eher mittel- und längerfristig wahrscheinlich, weil ich daraus immer wieder Energie schöpfe, um ein weitgehend „normales“ Leben zu führen, wo Uneingeweihte nicht ahnen würden, welchen Herausforderungen ich mich immer wieder stellen muss und stellen kann und, weil ich muss und kann, auch stellen will. Zum Beispiel, dass ziemlich viele Haare ausgehen – mehr noch als bei den Kortisontherapien. Dass auch ziemlich viele nachwachsen, ist mein Glück; dass die „anderen“ davon nichts sehen, ist: mein Glück? Mein Pech? Ich selbst merke es jedenfalls deutlich; ich kämme mich nicht so lange und so oft, weil ich so eitel wäre, und ich spüre einen deutlichen Unterschied, wenn ich auf die Haare fasse oder durch die Haare streiche. Auch das ist nicht so ganz lustig. Meiner Bekannten, mit der ich am 19. April am Abend essen ging, erzählte ich kurz davon, da sie gefragt hatte. Dass es eben nicht einfach ist, wenn Haare ausgehen oder wenn ein Mensch sonst etwas, was zu seinem Körper gehört, verliert, unfreiwillig verliert, musste ich nicht einmal andeuten. Sie formulierte diese Tatsache gleich von sich aus. Und es war nicht der einzige, isoliert gesehen zwar kleine Punkt im jedoch grossen Netz von Folgen (von Folgen von Folgen…), den sie sofort verstand, ohne dass ich einen Satz hätte zu Ende sprechen müssen. Diese Art von Einsicht und Verständnis, ohne dass ich überhaupt zu erklären versuchen müsste, erwarte ich nicht, kann und darf ich nicht erwarten. Man sieht ja meistens nichts… Aber wenn sie mir entgegenkommt, diese Art von Einsicht und Verständnis, ist sie für mich sehr erleichternd und bewahrt mich davor, mich verloren und verlassen zu fühlen.

Hier in London gibt es auf der „Tube“ diese „Priority Seats“ – für Schwangere, Menschen mit Kindern auf dem Arm und solche mit einer Behinderung, einer sichtbaren Behinderung, versteht sich. Das Symbol, der Stock, macht es ganz klar. Ich würde mich nie trauen, mich dorthin zu setzen. Obschon ich dürfte. Obschon ich sogar einen Ausweis dafür habe. Aber das ist nur ein Stück Papier; eines, das zwar „alles“ sagt, eines aber auch, das Menschen, die nur aufs Äussere achten, nie verständen. Dem mag ich mich nicht aussetzen; von zu vielen negativen Erfahrungen anderer Betroffener habe ich gelesen. Klar, ich müsste vielleicht meine eigenen Erfahrungen machen; in Bezug auf Freundschaften sind sie ja auch sehr viel besser, als was ich oft von anderen lese. Ja, vielleicht müsste ich es ausprobieren… Aber momentan jedenfalls mag ich nicht; man sieht ja nichts… Das käme nicht gut, ich spüre es, ich befürchte es. So nehme ich jedes Mal einen weiter entfernten Sitzplatz oder stehe. Wie am Dienstagabend in der „Rush Hour“, als wir nach „Highbury and Islington“ fuhren und meine Freundin Natalia im „Fig and Olive“ trafen – ein schöner Abend; danke, Natalia! -, und wie gestern Abend wieder, als wir zum „Oxford Circus“ fuhren, um im „Argyll Arms“-Pub etwas zu essen, bevor das Konzert im „London Palladium“ – grossartiges Publikum, danke! – begann. So stand ich halt und hoffte, nirgends den Kopf anzuschlagen…, was in der Menschenmenge jedoch ein sehr kleines Risiko war. Auch sonst muss ich zur Zeit zusätzlich aufpassen, nicht nur mit dem Essen und Trinken. Ich soll mich zwar so viel wie möglich bewegen, doch übertreiben darf ich natürlich nicht.

Abgesehen von den beiden Konzerten muss ich „Lärm“ (nicht missverstehen, bitte!) und künstliches Licht meiden. Wir gehen auch nicht „shoppen“; das sollte ich nicht, weil es zu laut, zu grell und in der Menschenmenge auch zu unruhig zu- und herginge. Ich soll mich so viel wie möglich bewegen, aber an ruhigen Orten. So meiden wir sämtliche „Shopping“-Destinationen, nehmen die „Tube“ nur für den wirklich notwendigen Transport und geniessen ruhige Orte wie die weitläufigen Pärke oder die wunderschönen Kensington Gardens, die von unserem Hotel aus zu Fuss zu erreichen sind und wo auch Taieb auf seine Rechnung kommt. Zum Ungemach der armen Tauben… 😉 Am Morgen gehen wir den Tag langsam und gemütlich an, schlafen aus, frühstücken in Ruhe und nehmen uns Zeit. Das muss ich „alles“ so machen; nur unter diesen und ein paar weiteren Voraussetzungen hat der Arzt mich überhaupt reisen lassen. Aber es täte auch denjenigen, die keine Gehirnerschütterung haben, gut; da bin ich mir sicher… Vom Mittwochmorgen bis am Sonntagabend letzter Woche war ich häufig im Bett; lediglich geschrieben habe ich davon nicht viel, weil es langweilig ist – zum Lesen, meine ich. Das Liegen im Dunkeln ist nicht einmal so langweilig; ich konnte über das eine und andere nachdenken, was mich weiterbrachte und wozu im „Alltag“ leider oft die Musse fehlt. Es kann sein, dass noch ein paar solche Tage kommen werden, wenn wir zurück sind. Wir werden sehen… Die Unsicherheiten beim Gehen sind manchmal noch da, auch Unsicherheiten in Bezug auf Distanzen und die Anzahl anwesender Menschen. Das ist, wie das Gefühl, beim Sitzen nach vorne oder nach hinten gezogen zu werden, obschon ich nicht etwa am Autofahren wäre, irritierend und mitunter etwas beängstigend. Vor allem auf den schmalen Treppen in den verwinkelten Gregorianischen Häusern in London, zu denen unser „Guest House“ gehört.

Ob noch einmal für ein paar Tage häufig im Bett oder nicht: Auf das „Fata Morgana“ freue ich mich. Meine beiden kleinen Probleme sind übrigens der Wein und das Tanzen. 🙂

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Eva und Naila, achtjährig

„Chäschüechli“ als Zwischenmahlzeit sind auch nicht schlecht. Lieber hätte ich zwar etwas Süsses gegessen, aber es geht auch so – jedenfalls für diese absehbare Zeit. Naila wollte Chicken Nuggets mit doppelter Portion Ketchup. Also suchte ich für mich eine Alternative zu den „Osterchüechli“, die noch angeboten wurden und die ich lieber gehabt hätte. Wir waren mit dem Zug ins Glattzentrum gefahren – Autofahren darf ich zur Zeit nicht – und die achtjährige Eva suchte ihren Papa. Naila war erschüttert von der Lautsprecherdurchsage. Als ich lachte, lachte sie jedoch auch – wir lachten zusammen und hofften, dass die achtjährige Eva ihren Papa oder der Papa seine achtjährige Eva bald wieder finden würde.

Die Dauerkopfschmerzen hielten auch gestern an und halten heute an – die anfänglichen Druckwellen sind zu einem Dauerdruck geworden, weniger stark zwar, aber permanent. Wenn der Druck grösser wird und die Schmerzen stärker werden, muss ich mich in England sofort in ärztliche Behandlung begeben. Dies hat mir der Arzt, der mich am Freitagmorgen noch einmal untersuchte, gesagt. Zudem habe ich bei ihm am kommenden Freitagnachmittag einen weiteren Kontrolltermin – wir kommen am Freitagmittag aus London zurück. Ich hoffe natürlich sehr, dass die Schmerzen und der Druck zurückgehen oder zumindest bleiben, wie sie sind, und nicht zunehmen. Ich möchte in den nächsten fünf Tagen keinen Arzt/keine Ärztin aufsuchen müssen. Andererseits bin ich nicht unruhig deswegen; ich kenne mich sowohl in Birmingham als auch in London gut aus. In Birmingham wohnte und arbeitete ich 1995/1996 für ein Jahr und bin mehrere Male dorthin zurückgekehrt; wie viele Male ich schon in London war, habe ich nie gezählt. Auch habe ich eine Freundin dort, die ich am Dienstagabend treffen werde. Ich kenne also beide Städte wirklich gut, und ich kenne Menschen in beiden Städten. Dass etwas passiert, möchte ich trotzdem nicht, möchte ich nie, aber wenn es jetzt schon zusätzlich riskant sein muss, dann sind Birmingham und London die geeignetsten Orte dafür…

In Birmingham war ich schon einmal im Spital. Im November oder Dezember 1995. Nur war der Grund ein ganz anderer…: Ich wurde – nach einer aufregenden Nacht mit einem Studenten – plötzlich von einer grossen Panik überfallen, ich könnte mich mit dem lebensbedrohlichen Virus angesteckt haben: HIV und AIDS waren in aller Munde. Warum ich nicht auf Verhütung insistiert hatte, konnte ich damals nicht beantworten – und kann es auch heute nicht. Ich war 22, er war 26. Er studierte Wirtschaft, ich unterrichtete Deutsch. Ich war aus der Schweiz angereist, er war aus Frankreich gekommen; aus Grenoble, um genau zu sein. Er hat ein halbes Dutzend Geschwister, ich bin ein Einzelkind. Ich habe türkisch-zypriotische Wurzeln, er hat marokkanische. Er wollte nicht verhüten, ich wollte schon. Ich gab nach und schwor mir, als diese Panik sich in mir ausbreitete und mein Leben für ein paar Tage auf den Kopf stellte: „Nie mehr mit einem Marokkaner.“ Der Rest ist Geschichte… 😉

Ich war dann HIV-negativ; mein Leben ging weiter. Ohne Stéphane. Die bangen, angstvollen Stunden und Minuten vor dem Testresultat werde ich jedoch nie vergessen. „Keep it low-profile.“, hatte die Krankenschwester nach der Blutabnahme zu mir gesagt. Den Ausdruck hatte ich zuvor nicht gekannt, vergessen werde ich ihn nie. Es gelang mir nicht wirklich, die Möglichkeit „low-profile“ zu halten; umso grösser waren die Erleichterung und das Gefühl, ein zweites Leben geschenkt bekommen zu haben, nach dem Testresultat. Wenn ich morgen oder übermorgen in Birmingham „King’s Heath“ lesen werde, werde ich daran denken. In dem Stadtteil hatte die Nacht sich abgespielt. Darauf gekommen bin ich hier und jetzt, weil ich morgen, wenn wir um 7.05 Uhr starten, mit einem leicht erhöhten Risiko, wieder in Birmingham oder zum ersten Mal in London ärztliche Behandlung zu brauchen, hinfliege. Leicht erhöht in Bezug auf meinen eigenen Risikolevel, der sowieso immer erhöht ist im Vergleich zu Menschen, die keine chronischen Krankheiten haben. In Städte, die ich nicht kenne und/oder in denen ich Verständigungsprobleme haben könnte, würde ich nicht fliegen. Ich hätte die Reise abgesagt. Aber Birmingham und London sind kein Problem, und ich bin zuversichtlich.

Ich hoffe auch, dass wir nicht zum Flugzeug rennen müssen wie in Dublin. Wir waren nicht nur rechtzeitig, sondern sogar früh am Flughafen gewesen und hatten das Gefühl, gar nicht mehr auf die Uhr schauen zu müssen. So wurde es dann sehr knapp; auf der Tafel stand bei unserem Flug bereits „closed“. Das war mir schon einmal passiert, als ich von Casablanca zurückflog (nie mehr mit einem Marokkaner…, genau!) und in Paris umsteigen musste. „Gate closed“, keine Chance mehr. Am Nachmittag hätte ich arbeiten sollen… Ich rief meine Mutter an, und sie rief Guido, meinen damaligen Chef, an. Guido hatte Verständnis. Nicht gespieltes Verständnis, sondern ehrliches Verständnis. Guido hat mir mit seiner offenen und unkomplizierten Art und seiner Menschenkenntnis damals sehr geholfen. Die nicht gehaltenen Lektionen kompensierte ich später selbstverständlich. Ein „Theater“ gab es nicht – im Gegenteil. (Das ist nicht selbstverständlich, wie ich ebenfalls aus eigener Erfahrung weiss und wozu ich auch noch eine Episode zu erzählen hätte…) Ein „Theater“ gab es dank der Freundlichkeit des Bodenpersonals auch in Dublin nicht; wir wurden noch durchgelassen und waren nicht die einzigen, die froh darum waren. Froh um diese Freundlichkeit, wirklich.

In dem Moment wusste ich aber auch mit letzter Sicherheit, dass der Stoss an den Kopf nicht so ganz harmlos gewesen sein konnte. Nach dem Rennen waren die Kopfschmerzen nämlich so stark, dass ich dachte, ich würde den Rückflug nach Zürich nicht überleben. Die Erinnerung an den Rückflug von Heraklion kam auf, obschon der Grund damals ein anderer gewesen war. Zudem tat mir von dem Rennen im Bereich der Lungen und der Atemwege „alles“ weh – und zwar sehr. Nach eineinhalb Jahren ohne Sport nicht verwunderlich. Aber nicht lustig – gar nicht. Noch weniger lustig ist zu hören oder zu lesen, dass andere einen Marathon gelaufen sind. Nicht, dass ich das auch gerne wollte; wie schon einmal geschrieben sehe ich den Sinn darin nicht, ausser er bestehe darin, sich selbst und anderen die Leistung zu beweisen. Aber Leistung um der Leistung willen ergibt für mich keinen Sinn. Nein, nicht, dass ich das auch gerne wollte. Aber ich wäre gerne in einem Zustand, wo ich auf einen Flug rennen kann, ohne dass der ganze Lungen- und Atemwegsbereich weh tut, sich ganz kalt anfühlt und ich kaum noch Luft bekomme. Ich möchte so fit sein, wie ich noch vor fünf Jahren war; ich möchte endlich mein halbstündiges „Training“ pro Tag wieder richtig aufnehmen können – nicht nur für ein paar Tage. Jetzt ist es ja schon wieder unterbrochen worden; ich darf für zwei bis vier Wochen nicht nur keinen Alkohol trinken und keine Süsswaren essen, sondern auch keinen Sport treiben.

Die Frage, ob die Unfälle etwas mit der generellen Schwächung durch meine chronische(n) Erkrankung(en) zu tun haben oder ob sie „zufällig“ passierten bzw. „auch sonst“ passiert wären, ist müssig. Eindeutige Antworten darauf werde ich nicht erhalten; es gibt sie nicht. Die Frage ist müssig und beschäftigt mich doch… Frau Richter, die Osteopathin, hat am Donnerstagnachmittag schnell gemerkt, dass durch den Stoss an den Kopf das gesamte System wieder beeinträchtigt worden ist. Stabil war dieses nach drei Behandlungen noch nicht, und darum sind auch die Rückenschmerzen sowie die thorakalen Schmerzen zurückgekommen. Sie hat gemerkt, wo der Druck im Kopf gerade ist; sie hat gemerkt, wo er sich verstärkt und wo er zurückgeht; sie hat gemerkt, wo die Rückenschmerzen stärker, wo schwächer sind, ohne dass ich darüber gesprochen hätte. Das war schon faszinierend und bestätigte mir ein weiteres Mal, dass alternative Behandlungsmethoden wunderbare Ergänzungen sein können. Ergänzungen zur westlichen Schulmedizin, die einen bei schweren Erkrankungen rettet, die Basis für „alles“ bildet und ohne die ich nicht mehr leben würde. Eine wunderbare Ergänzung war auch die Fussreflexzonenmassage bei Linda am Freitagnachmittag. Ich brauchte unbedingt noch zusätzliche Entspannung nach diesem erneuten Unfall, und Linda hatte zum Glück noch einen freien Termin.

Im Glattzentrum blieben wir übrigens nicht lange. Das darf ich zur Zeit auch nicht. Wir wollten lediglich die reparierte Kaffeemaschine abholen. Plötzlich war Naila nicht mehr neben und auch nicht hinter mir. Nirgends mehr zu sehen, Rufen nützte nichts. Auf dem Weg zum Kundendienst ertönte der Lautsprecher: „Die achtjährige Naila sucht ihre Mama.“

Von Süssem und Saurem

Naila hat sich solidarisch gezeigt und am Mittwochnachmittag, als sie mit ihrer Freundin Carolina und Urs, deren Vater, im Hallenbad in Uster war, auf der Rutschbahn den Kopf angeschlagen. Auf der rechten Seite: perfekt. Wie ich auch – am Samstagnachmittag vor Ostern in Dublin. Die Gehirnerschütterung, die ich seither habe, wird wohl noch eine Weile andauern. Gefährlich wären Schwellungen: Darum keinen Alkohol und keine Süsswaren für zwei bis vier Wochen; deren Konsum könnte Schwellungen zusätzlich fördern. Naila war mit mir beim Arzt, zu dem ich gestern Morgen gehen musste. Meine Hausärztin hat am Freitag frei – wie der Name besagt… – und eine zweite Kontrolle diese Woche war notwendig. Also war ich bei einem ihrer Kollegen. Er war sehr nett. Auch zu Naila, als sie ihm ihre Beule auf der rechten Stirnseite zeigte. Er schaute sie an und gab Naila eine Salbe, die sie selber einreiben kann oder wir ihr auftragen. Sie ist tapfer und meinte: „Bei mir sieht man es von aussen, bei dir von innen!“ Ein Satz, bittersüss. Weil ich das ja so gut, zu gut kenne: dass man es nur von innen sieht. Immerhin das. Menschen mit psychischen Beschwerden haben „nicht einmal dies“: keine Tomographien, keine Spiegelungen, keine Röntgenbilder, keinen Ultraschall, keine Elektrogramme, keine erschreckenden Blutwerte, … Das „bei dir von innen“ ist für mich schon oft schwierig; wie ungleich viel schwieriger muss es für Menschen sein, denen auch die Beweise von innen fehlen… Ich kann es mir gar nicht vorstellen, denn Beweise von innen gibt es bei mir mehr, als mir lieb ist.

Naila sagte zum Arzt: „Meine Mama trinkt sowieso keinen Alkohol.“ Das stimmt natürlich nicht. Wir haben zu Hause keinen Alkohol, da mein Mann keinen trinkt und da ich nur trinke, wenn ich eingeladen bin oder mit Freundinnen und Freunden essen gehe oder ausgehe. Dann trinke ich gerne ein Glas oder zwei Gläser Wein. (Oder Sprizz Apérol. Zum Glück ist das Konzert in München erst in einem Monat. ;-)) Aber nur dann, und nicht mehr. Wenn Naila jedoch gesagt hätte „Meine Mama hat noch nie eine Zigarette geraucht. Meine Mama hat noch nie eine Zigarette auch nur zwischen den Fingern gehabt.“, hätte sie recht gehabt. Absolut recht. Auch „Meine Mama hat nie einen Joint geraucht. Meine Mama hat von Drogen keine Ahnung.“ wäre absolut korrekt gewesen. Ich bin darin so unerfahren, dass es schon fast ein bisschen peinlich ist. Nein, das mit der Alkoholabstinenz ist kein Problem, auch wenn ich an den Konzerten in London und Birmingham gerne ein Glas Wein trinken würde. Das mit den Süssigkeiten stört mich etwas mehr, da ich zwischen den Hauptmahlzeiten schon gerne etwas Süsses esse.

Für Leute, die mich nur von Pausen her kennen, sei es am Morgen, sei es am Nachmittag, mag es so aussehen, als ob ich sehr viel Süsses essen würde. Aber das stimmt eigentlich gar nicht, wenn man es vergleicht mit dem, was ich zum Mittag- und Abendessen esse. Wer mich nur von Pausen her kennt, mag ein ganz falsches Bild meiner Essgewohnheiten haben. Ich kann es mir einfach leisten, zwischendurch Süsses zu essen, und das geniesse ich sehr. Meine diesbezüglichen Gene sind ein Geschenk, meine diesbezüglichen Blutwerte immer tip top – was ich von anderen, nicht durch die Ernährung beeinflussbaren (!) Werten leider nicht behaupten kann – und mein Gewicht ist sehr stabil, ob ich nun einen Berliner weniger oder zwei mehr esse. Nur wenn die Magenschleimhaut auch von Entzündungen betroffen ist, nehme ich ab, weil ich dann nicht viel essen kann. Das ist manchmal etwas blöd, war zum Glück aber noch nie von langer Dauer. Na ja, wie auch immer…, über Ernährung weiss ich viel. Meine Mutter war Ernährungsberaterin – eidgenössisch diplomierte, mit der vierjährigen Vollzeitausbildung und etlichen Praktika an verschiedenen Orten, bevor sie in Spitälern zu arbeiten anfing. Kein Vergleich zu den zahllosen „Schnellbleichen“ im heutigen Angebot… – nebst der „richtigen“ Ausbildung, die es immer noch gibt und die sehr viel anspruchsvoller ist als all die „Schnellbleichen“. Wer mich nicht so gut kennt, kann nicht ahnen, wie viel ich über Ernährung weiss und wie sehr ich zum Beispiel Gemüse liebe – über alles, in „jeder“ Form und alle mir bekannten Sorten. Auch die etwas unbeliebteren wie Auberginen, Blumenkohl, Rosenkohl, … 😉

Meine genetische Prädisposition für Autoimmunerkrankungen kann ich nicht ändern, den Auslöser, die zweite Schwangerschaft, nicht rückgängig machen – würde ich auch NIE, NIE, NIE wollen. Aber meine Lebensqualität kann ich beeinflussen, indem ich einen „gesunden“ Lebensstil pflege. Da dieser aber sowieso zu mir gehört – und „gesund“ heisst für mich niemals fanatisch (!) und niemals asketisch (!) -, konnte und musste ich daran nichts ändern seit den drei Diagnosen. Mein Hauptfacharzt war erstaunt, dass ich nicht einmal während der intensiven und langen Kortisontherapien zugenommen hatte. „Sie nehmen nie zu.“, meinte er nur noch und lachte. Er freute sich für mich, er ist menschlich genauso auf der Höhe wie fachlich. Er hat meine innere Stärke schon früh erkannt, meine Ruhe – vor allem nach Bekanntgabe der (einen) Diagnose. Nicht, weil ich sie nicht verstanden hätte – ganz so dumm bin ich ja nicht… -, sondern weil ich mich noch nie habe unterkriegen lassen und keinen Grund sah anzunehmen, dass ich es genau am 14. Februar 2014 würde tun müssen. Nein – sicher nicht.

Er hat meine Ruhe explizit erwähnt und als sehr positiv wirkenden Faktor erkannt. Dass ich manchmal eine grosse Distanz zu Leuten verspürte, die meinten, ich sei das Gegenteil von „ruhig“, habe ich ihm später einmal anvertraut. Das war befreiend und bestärkend. Leute, die keine Ahnung haben, unter wie viel Kortison oder anderen Medikamenten ich oft stand; Leute, die noch nie einen Prednison-Beipackzettel gelesen haben (Persönlichkeitsveränderungen, bis hin zu Psychosen…); Leute, die den Unterschied zwischen „herkömmlicher“ Müdigkeit und Müdigkeit aufgrund einer schweren Erkrankung nicht kennen – ich gönne es allen, wirklich (!) -; Leute, die sich nicht vorstellen können, wie man sich fühlt, wenn man nicht nur monate-, sondern immer wieder monatelang und somit eben jahrelang zwei bis vier Stunden pro Nacht schläft. Ehrlich gesagt weiss ich selbst nicht, wie man sich fühlt; man fühlt nämlich gar nichts mehr. Man denkt auch kaum mehr. Man funktioniert irgendwie noch – und irgendwann eben auch nicht mehr. So weit hätte ich es damals nicht kommen lassen dürfen. Ich schreibe dies hier nicht für mich – nützt nichts mehr -, sondern für andere Menschen in ähnlichen Situationen.

Denken kann ich mit der Gehirnerschütterung, auf die ich wirklich lieber als auf Süssigkeiten und Alkohol verzichtet hätte, auch nicht immer klar. Gestern Nachmittag erzählte ich einer Kollegin vom Samstagabend in Dublin, vom Essen im „Rasam“, als ob Naila dabei gewesen wäre und vorwitzige Fragen gestellt hätte. Naila hörte es und fragte ganz entsetzt: „Was, iiich?!“ Es war natürlich Taieb gewesen, der Bärbel mit vorwitzigen Fragen löcherte, und ich war einfach nur erleichtert und dankbar, dass sie so offen, verständnis- und humorvoll reagierte… 🙂 Klar denken kann ich nicht immer und hoffe, dass der Text einigermassen verständlich daherkommt. Die gestrigen und vorgestrigen Dauerkopfschmerzen wirken nach. Schmerzmittel nehme ich keine – die Nieren und die Leber haben mit Azathioprin genug zu tun. Erst für das Konzert am Montagabend werde ich wieder Schmerzmittel nehmen. Übel ist mir zwischendurch auch noch, aber dies ist nichts Neues für mich, auch wenn die Art von Übelkeit anders ist. Nicht gewohnt bin ich mir Unsicherheiten beim Gehen; das ist ziemlich „komisch“ und irritierend. Für das Wochenende sind weiterhin mehrere kürzere Ruhezeiten am Tag verordnet, aber vom Montag an sollte ich mich wieder „möglichst viel“ bewegen.

Das habe ich gestern Morgen lieber gehört als die Wein- und Schoggi-Abstinenz: Am Montag um 7.05 Uhr startet nämlich unser Flugzeug. 🙂

„…, but winter’s here and summer’s really over.“

Soeben habe ich den gestrigen Text noch einmal durchgelesen: Da gab es schon ein paar Kleinigkeiten zu korrigieren. Das muss an der Gehirnerschütterung liegen. Ich hatte mir beim Verfassen des gestrigen Texts noch überlegt, ob ich sie überhaupt erwähnen soll. Es wird schon langsam ein bisschen viel…, aber eines der Ziele meines Blogs ist es ja, Realitäten aufzuzeigen. Ohne Rücksicht darauf, ob es vielleicht langsam ein bisschen viel wird. Das ist es ja sowieso oft, das haben gewisse Diagnosen und ihre vielschichtigen und weitreichenden Auswirkungen so an sich, und das ist es ja vor allem für die Betroffenen. Im Wissen darum, dass viele Menschen mit vielen Herausforderungen umgehen müssen. Aber auch im Wissen darum, dass die Rucksack-Theorie niemals funktionieren wird. Denn unsere Rucksäcke sind nicht nur unterschiedlich schwer, wie ich auch schon geschrieben habe, sondern auch unterschiedlich gross, wie gestern Abend eine Bekannte von mir ergänzte.

Sie erzählte mir von einer Freundin, die eine Blutung ins Rückenmark hinein gehabt hat und für mindestens sechs Monate, wenn nicht für immer, im Rollstuhl sein wird, alltägliche Bewegungen wieder erlernen muss und der bei einem Besuch eine ihrer Freundinnen (?) ständig von ihrer Arthrose in einem Knie berichtete. Sie erzählte mir von einer anderen Freundin, die einen psychischen Zusammenbruch gehabt hat und mit Ratschlägen wie „Du musst halt viel an die frische Luft gehen.“ oder „Du musst halt mal ins Theater gehen.“ eingedeckt worden ist. Schon „krass“, wie unsensibel Menschen sein können. Wie unsensibel, undifferenziert und leider eben auch unwissend. Solche Ratschläge (Schläge!) basieren meistens auf einem grossen Unwissen, und vielleicht ist ja gerade dies die „Rettung“ für Betroffene. Dass die meisten es nicht böse meinen. Abgrenzen von „solchen“ Menschen und ihren nutz- und sinnlosen Ratschlägen darf man sich aber trotzdem – und muss man auch.

Das hat mir meine Bekannte gestern Abend auch so ans Herz gelegt. Der Grund, warum ich sie Bekannte und nicht Freundin nenne, liegt in unserem Altersunterschied und stellt nicht etwa eine Wertung der Beziehung dar. Sie könnte meine Mutter sein. Eine junge Mutter zwar, aber es ist eben doch anders als die Beziehungen zu meinen Freundinnen in meinem Alter. Ich habe ihr von Frauen erzählt, die mit einem Arbeitspensum von 20, 30 oder 40 Prozent an ihrem Limit oder bereits darüber hinaus sind und allen Ernstes von einem Burnout reden. Sie haben weder ein halbes Dutzend Kinder zu versorgen noch eine aussergewöhnliche Belastung zu tragen. Dies würden sie nämlich sagen, da sie all die „Peanuts“ des „Alltags“ schon als (grosse) Belastungen empfinden und dies ja auch immer wieder zum Ausdruck bringen. Sie merken einfach nie, wie dies herüberkommt und ankommt und wie dies auf jemanden, der oder die nebst all den „Peanuts“ eine für immer bleibende schwere Erkrankung hat, oder für jemanden, der oder die mit anderen Schicksalsschlägen zurechtkommen und weiterleben muss, wirken kann. Sie merken einfach nie, wie daneben ihre Äusserungen und ihre Klagen sind. Sie merken einfach nie, wie schnell überfordert und wie wenig belastbar sie sind.

Das mag auch „alles“ Gründe haben, auf jeden Fall. In der genetischen Veranlagung, in der Erziehung, in der Prägung durch die Umwelt. Meine Dankbarkeit für meine zahlreichen Ressourcen und für meine Lebensenergie ist denn auch sehr gross. Das Bewusstein um diese Energie und meine Fähigkeiten sowie die Dankbarkeit dafür sind wohl auch die beste Haltung, „solchen“ Menschen zu begegnen. Trotzdem darf man sich von ihnen abgrenzen – weil sie einem nicht guttun. An dieser Stelle passt es aber auch, einmal auszudrücken, dass mir der Umgang und die Freundschaft mit Frauen, die sehr viel leisten und mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit sehr viel leisten, hingegen guttun. Sehr sogar. Alexandra, Tanja, Franziska, Janine, um vier Namen zu nennen. Ich könnte die Aufzählung fortführen und fortführen, aber darum geht es nicht. Es geht ums Prinzip. Freundschaft heisst nicht, dass man immer gleicher Meinung sein muss; das wäre nicht nur unehrlich, sondern auch langweilig. Es geht um Haltungen, Lebenseinstellungen, Werte. Nicht um Wertung, aber um Werte, die sprachlich mit der Wertung natürlich nahe verwandt sind. Ich muss für mich schon werten können, wer mir guttut und wer nicht. Jede(r) sollte dies für sich vornehmen und sich auch eingestehen können. So können wir uns, so kann ich mich von denjenigen, die uns bzw. mir nicht guttun, abgrenzen und denjenigen, die uns bzw. mir guttun, dies vielleicht einmal sagen, schreiben oder zeigen. Ich glaube, dass ich dies so mache; ich glaube aber auch, dass ich es noch bewusster und mit einer grösseren Klarheit machen könnte. Meine Bekannte hat mich in dem, was ich selbst ja auch spüre, bestärkt. Nach dem Gespräch mit ihr hatte ich das Bedürfnis, den Frauen, die mir in ihrer Stärke guttun, dafür zu danken. Die vier oben genannten sollen für alle, die ich meine und die mir dadurch indirekt helfen, stehen.

Die Gehirnerschütterung hätte ich tatsächlich nicht auch noch gebraucht. Sie ist zwar nur eine (sehr) leichte, aber die Schmerzen, die wie Druckwellen durch den Kopf gehen, sind schon unangenehm, mitunter auch etwas beängstigend, da jedes Mal unweigerlich die Frage aufkommt, ob der Druck nach dem Erreichen des Höhepunkts wieder abklingt, und die Vorstellung, dass er nicht abklingen würde, eben eine gewisse Angst auslösen kann. Die unfallbedingten Kopfschmerzen war ich gerade erst losgeworden, und Imurek hat – bis jetzt jedenfalls und im Gegensatz zu Prednison – bei mir nicht zu Kopfschmerzen geführt. Die ebenfalls unfallbedingten Rückenschmerzen, die seit den Osteopathie-Behandlungen deutlich zurückgegangen waren, sind in den vergangenen Tagen leider auch wieder stärker geworden. Frau Richter wird keine Freude haben. Um 15 Uhr habe ich einen Termin bei ihr; mal hören, was sie dazu meint… Dadurch, dass die Kinder Ferien haben, besteht wenigstens genügend Freiraum, sodass ich mich – wie verordnet – zwischendurch hinlegen und ausruhen kann. Wenn ich nicht gerade mitten in einer Therapie wäre, müsste ich auch befürchten, dass die Gehirnerschütterung gleich wieder einen Krankheitsschub auslöst. Wie nach dem Treppensturz im letzten Dezember.

Nein, die Gehirnerschütterung hätte ich nicht auch noch gebraucht. Sie ist meine erste; so, wie der Unfall mein erster nennenswerter Unfall war. Natürlich kommen mir dann manchmal die Worte meiner Hausärztin und auch meines Internisten in den Sinn, dass eine schwere und chronische Krankheit zu einer allgemeinen und dauerhaften Schwächung führt, die sowohl andere Krankheiten als auch Unfälle immer und überall wahrscheinlicher macht… Nicht wirklich lustig, weswegen ich diese Worte wohl zu verdrängen versucht habe. Das ist aber kaum die beste Strategie. Vielmehr versuche ich jetzt, der Schwächung, die ich sowieso akzeptieren muss, meine Stärke entgegenzusetzen, meine innere Stärke. Die ich wiederum nur haben und leben kann, weil ich innere Stärke auch bei anderen Menschen erkenne – ihre innere Stärke. Natürlich werde ich mich an diese Metallstange im Bus und die entsetzte italienische Touristin erinnern. Daneben werden aber mindestens 99 beglückende, bereichernde und berührende Erinnerungen an die sechs Tage in Irland stehen.

Der kleine Junge auf dem Schoss seines Vaters am Flughafen von Dublin, sein hübsches, kleines, feines Gesicht, sein grüner Einteiler, der die Regelmässigkeit in seinen schönen Gesichtszügen noch besser zur Geltung brachte, die Unschuld in seinem Gesicht, die mich bei Babies und kleinen Kindern immer wieder berührt. Die Unschuld auch im Gesicht eines vermutlich vom Downsyndrom betroffenen jungen Mannes ebenfalls am Flughafen von Dublin, die Freude auch, vor allem die Freude, so unbändig und herzlich, als er rannte, immer schneller und schneller, bis er ihn erreicht hatte – seinen Bruder? – und ihm in die Arme sprang – seinem Bruder? Niemals werde ich diese Freude in seinen Augen, seinem Gesicht, diese Spannung und Kraft in seinem ganzen Körper vergessen. Ich hätte beinahe angefangen zu weinen und war einfach nur froh, dass Taieb für einmal nichts bemerkt hatte. Ich mag mich nicht immer erklären…; es gibt in gewissen Momenten auch nichts zu erklären.

Nicht gerade gross war hingegen meine Freude, als der Pilot auf dem Rückflug verkündete, in Zürich gehe ein kalter Wind und die Temperatur liege bei zwei Grad. Ich versuchte, der frohen Botschaft mit Humor zu begegnen: „That cold North wind they call la bise…“ Taieb fand es peinlich.

Sechs Zahlen, zwei Wörter und ein Satz

Das Beste auf dem für den Monat Mai bestellten T-Shirt (vorletztes Beitragsbild) sind die Zahlen: 7, 24, 365. Nicht nach ein paar Wochen vorbei, nicht nach ein paar Monaten vorbei. Dann käme noch die Anzahl Jahre (?) bis zum eigenen Tod dazu. Zum Glück individuell, zum Glück unbekannt. 12 und 52 würden auch dazupassen. Letztlich wird die Malrechnung immer das gleiche Ergebnis liefern: ein Urteil für immer, fürs Leben. Nicht nur zeitlich, auch örtlich. Die kommen durch jede Sicherheitskontrolle – ungesehen, unbemerkt, ungeahnt. Nicht einmal die Amerikaner finden sie – keine Chance. Nur wer sie mitnimmt, weiss, wo sie sind, wo sie sich verstecken, wie sie sich zeigen: die kleinen, unsichtbaren Dämonen.

Da ich gerne und oft reise, sind meine schon ziemlich weit herumgekommen. Falls sie es übertreiben würden, bin ich jeweils vorbereitet. Wie schon einmal erwähnt, schreibe ich mir jeweils ein paar Adressen und Telefonnummern heraus: von Internisten und dem nächstgelegenen Spital. Manchmal sehe ich dann einen mir daher bekannten Strassennamen oder ein Schild mit dem Hinweis auf eine Klinik, wie zum Beispiel im letzten Oktober auf Mallorca. Dann bin ich einerseits erleichtert, dass ich ein paar Vorsichtsmassnahmen getroffen habe, andererseits erinnert es mich an die Tatsache, dass die Geschichte eben nirgends und nie vorbei ist, dass es sich nicht um ein paar Wochen im Jahr oder um ein paar schwierige Monate handelt, dass eine erfolgreiche Therapie eine harte Therapie sein muss und zwangsläufig von Nebenwirkungen begleitet wird.

Das heruntergefahrene Immunsystem ist einer von mehreren Aspekten. Aus dem Grund sollte ich eigentlich nicht an Konzerte gehen, auch nicht an Umzüge, wohl auch nicht auf Ausflüge in Gruppen… Dass ich mich nicht daran halte, hat mit der Lebensqualität zu tun, und die Ärzte und Ärztinnen, die einen davor warnen, weil es halt einfach ihre Aufgabe ist, sagen fast im gleichen Atemzug, dass es vollkommen richtig sei, es trotzdem zu tun, und dass die positiven Auswirkungen solcher Unternehmungen die Risiken (bei weitem) überträfen. Das stimmt. Aber nicht, weil die Risiken klein wären – das sind sie nämlich nicht. Sondern weil die glücklichen Stunden so intensiv sind, dass sie immer stärker sind. Das ist das Gute, das immer wieder Gute in der Geschichte.

Die Halsschmerzen, die ich seit Montag habe, erwähne ich nur und wirklich nur, weil ich den Blog ja unter anderem aus dem Grund angefangen habe: um über die Sache in ihrer ganzen Komplexität zu berichten, über die vielen Facetten, an die Unbetroffene verständlicherweise nicht denken, über die Folgen von Folgen von Folgen… Die Halsschmerzen erwähne ich nur, weil es darum geht, möglichst viel aufzuzeigen. Heute Abend beim Essen mit einer Bekannten erwähne ich sie sicher nicht. Bei den Gesprächen mit den Nachbarinnen erwähne ich sie nicht. Beim Schreiben mit Freundinnen erwähne ich sie nicht. Sie sind auch überhaupt nicht schlimm; sie sind einfach da, weil ich irgendwo irgendetwas eingefangen habe. Früher hatte ich selten Halsschmerzen; früher war ich selten krank.

Und wenn ich krank war, sagte ich nichts und ging zur Arbeit. Mit 37 traute ich mich zum ersten Mal, am Arbeitsplatz anzurufen und zu sagen, ich könne nicht kommen. Da hatte ich die drei Erkrankungen schon seit mehr als eineinhalb Jahren; aber noch keine Diagnosen. Nicht ich rief an, um genau zu sein; mein Mann rief an. Nachdem ich die Nacht durchgek… hatte, konnte ich nämlich nicht mehr aufstehen. Er kam vom Telefon ins Schlafzimmer zurück und fragte mich, da diese Frage ihm gestellt worden war, womit die Klassen beschäftigt werden sollen. Ich werde den Moment nie vergessen… Ich konnte noch genau zwei Wörter sagen: „Alte LAP.“ Dann konnte ich nicht nur nicht mehr aufstehen, sondern auch nicht mehr sprechen, bis der Notfallarzt eintraf. Für die alte LAP (Lehrabschlussprüfung) war es für diese Klassen zu früh…, für mich beinahe zu spät und das erste Mal, dass ich aus Krankheitsgründen nicht zur Arbeit ging.

Darüber wollte ich gar nicht schreiben, jedenfalls nicht heute; das hat sich jetzt so ergeben – ungeplant und ungesteuert. Die Halsschmerzen hatten irgendwie dazu geführt… Mehr jedoch beschäftigen mich die Kopfschmerzen. Seit ich am Samstagnachmittag den Kopf an einer Metallstange in einem doppelstöckigen Bus angeschlagen hatte, weil der Busfahrer schon losfuhr und ziemlich ruckartig (!) losfuhr, als ich erst gerade oben an der Treppe angekommen war, sind sie da. Zuerst stark, dann deutlich schwächer, sodass ich den Samstagnachmittag im Trinity College und den Abend im indischen Restaurant „Rasam“ geniessen konnte und sowohl den Abend als auch den Nachmittag in sehr guter Erinnerung behalten werde. In der Nacht auf den Sonntag aber wieder so stark, dass ich früh erwachte, nicht mehr einschlafen konnte und stattdessen den letzten Beitragstext schrieb. Seit dem Zeitpunkt überdecke ich die Schmerzen mit „Novalgin“, das ich zum Glück mitgenommen hatte.

Den Ausflug zum Malahide Castle und nach Howth konnte ich vom Sonntag auf den Dienstag verschieben, da ich keine Lust hatte, am Sonntagabend im Konzert, das mir aus verschiedenen Gründen besonders viel bedeutete, total mit „Novalgin“ zugedröhnt zu sein. Auf diese Weise konnte ich auf die Schmerzmittel verzichten und sie erst am Abend für das Konzert einnehmen. Zwischendurch war mir schlecht oder schwindlig. Die Empfehlung, zu einem Arzt zu gehen, nahm ich zwar ernst, schob sie aber dennoch bis nach unserer Rückkehr auf. Heute Morgen bei der Ärztin war ich dann zuerst ein wenig erschrocken: leichte Gehirnerschütterung. Zum Glück wirklich nur leicht; auch von den leichten noch eine leichte… Das ist gut so, da ich nicht im Bett bleiben muss, sondern fast alles machen kann. Zwischendurch sollte ich mich hinlegen und ausruhen, und ich gebe mir Mühe, mich daran zu halten…

Die Tage in Irland waren trotzdem wunderschön, intensiv und bereichernd. Ich werde bestimmt noch das eine und andere davon berichten und Fotos vom Wicklow National Park und den prächtigen Powerscourt Gardens als Beitragsbilder verwenden. Das heutige habe ich in Glendalough aufgenommen; der Ginster, der als einzige bekannte Pflanze im Verlauf der Jahreszeiten nicht nur seine Farbe, sondern auch seinen Geruch ändert, gibt der grünen Insel mit seinen gelben Bändern, auch wenn die Sonne nicht scheint, einen frühlingshaften und freundlichen Anstrich. Angst hatte ich nur einmal: am Montagmittag in Glendalough, im Wicklow National Park, bei der Ankunft.

Da war mir so richtig schlecht, und als die Japanerin hinter mir im Bus mir auf die Schultern tippte und fragte „Are you going to …?“, erwartete ich „vomit“ als Ergänzung ihres Satzes. Taieb und ich stiegen als Erste aus und trennten uns vor den Toiletten im Vistor Centre. Als wir uns ein paar Minuten später dort wieder trafen, vertraute er mir halblaut an: „Mama, ich habe imfall gek…“ „Ich auch.“ Die Gründe waren jedoch unterschiedliche. Er hatte auf der ganzen Busfahrt gelesen, obschon ich ihn mehrmals gewarnt hatte. Mehr als ihn warnen, konnte ich nicht… Bei mir war es eben die (sehr) leichte Gehirnerschütterung. Denn sonst wird mir beim Busfahren nie schlecht. Schon gar nicht, wenn ich unten und vorne sitze, wie am Montag… Wir behielten dies für uns und machten uns auf den Weg zu den beiden Seen.

Die Japanerin wollte das wohl auch; die Ergänzung war „the lakes“ gewesen… 😉

Ironie, eine Bank und Schokolade

„Passen Sie auf, Ironie verstehen auch nicht alle.“ Wir lachten zusammen. Sie hatte mir vorgeschlagen, die Unfallversicherung zu fragen, ob sie vielleicht auch noch mein Maturazeugnis sehen wolle, und ich hatte erwidert, dass die Versicherung meine einzige nicht wirklich gute Note, nämlich diejenige in Physik, eventuell mit dem Unfall in Zusammenhang bringen könnte. Falsche Einschätzung der Ausmasse bei den Treppenstufen und Unterschätzung der bei einem Sturz wirksam werdenden Kräfte… Womit ich definitiv selber schuld wäre und die Versicherung ihr Ziel erreicht hätte: keine Unfalltaggelder zahlen zu müssen. Ich hatte nämlich nichts getan für dieses Fach; und nichts bedeutet nichts. Am Schluss reichte es trotzdem für das zweitbeste Maturazeugnis meines Jahrgangs, und mein Biologielehrer und damaliger Rektor des ziemlich grossen Gymnasiums fand es schade, dass ich diese Ehre so leichtfertig einem Schüler aus einer der Parallelklassen überlassen hatte. Mich selbst störte es nicht; ich wollte den gleichen Durchschnitt wie meine Oma 70 Jahre zuvor erreichen. Das war mir gelungen. Dass locker noch zwei Zehntel mehr drin gelegen hätten, war mir egal. Dass meine mangelhaften Physikkenntnisse 24 Jahre später zu meinem ersten nennenswerten Unfall führen würden, konnte ich jedoch nicht ahnen.

„Passen Sie auf, Ironie verstehen auch nicht alle.“ Sie hatte ein Beispiel auf Lager, ein echtes Beispiel aus ihrem Leben; so absurd, dass man eigentlich nur noch an Slapstick denken kann, wenn man es hört. Wie auch immer – Ironie erkennen tatsächlich nicht alle. Ich wende sie ganz gerne an, bei bestimmten Themen jedenfalls. Mit Humor gegen Zynismus; mit Humor, Sachlichkeit und Mitleid, habe ich einmal geschrieben, als es um Herrn K. ging. Mit Ironie gegen auf Unwissen basierende falsche Bilder und falsche Urteile. Mit Ironie auch im letzten Beitrag gegen ein paar Sätze in einem Brief, der am 12. März geschrieben worden war, am 12. April bei mir eintraf und der mir wohl ein letztes Mal gezeigt hat, dass es nicht nur Therapieresistenzen (ein Schreckgespenst!), sondern auch Erklärungs- und Einsichtsresistenzen gibt. Wie im letzten Beitrag erwähnt – und da könnte jetzt eben ein Fünkchen Ironie mitmischen – hatte ich „alles“ geplant, eiskalt geplant. Das ist so meine Art, das mache ich immer so. Im Beruf sowie im Privatleben. Wer mich kennt, weiss das. Darum halten meine Freundschaften jeweils auch nur ein paar Wochen. Alles geplant also; die Lohnfortzahlung, die im neunten Dienstjahr natürlich nicht schlecht ausfällt: geplant, berechnet, ausgenutzt.

Wenn die Leute, die das glaubten, oder die paar wenigen, die es immer noch zu glauben scheinen, auch nur einen Schimmer einer Ahnung hätten, was es bedeutet, mit einer Erkrankung zu leben, die fast „alles“ im Körper betreffen kann (betreffen heisst angreifen, bekämpfen, zerstören) und deren Verlauf unvorhersehbar und unberechenbar ist, hätten sie es nie wagen können, solche Vermutungen auch nur für sich anzustellen, geschweige denn direkt oder indirekt zu äussern. Wenn ich hier schreiben würde, woran solche Anmassungen grenzen, müsste ich Wörter verwenden, die ich nicht über die Tastatur bringe und von denen ich nicht möchte, dass unsere Kinder sie eines Tages in meinen Texten lesen werden. Wenn über Gründe nicht mehr geredet werden darf, führt dies – logischerweise – zu Verstummung und – im besten (!) Fall, wie bei mir – zum Reden und Schreiben an anderen Orten, auf anderen Plattformen. Der Blog eben, erst ein Beginn. Wenn über Gründe nicht mehr geredet werden darf, zeigt dies aber auch einen Mangel an Raum, Zeit, Kapazität sowie Überforderung und Überlastung auf der Seite, die abblockt.

Gründe nenne ich in meinen Texten. Was so „alles“ vor, während oder nach Lektionen passieren konnte, habe ich beschrieben. Es gäbe noch mehr…, es gibt immer noch mehr. Worte sagen nie alles. Wie viele Male ich trotz Krankschreibung zur Arbeit ging, möchte ich nicht wissen. Es handelt sich nicht um Tage, auch nicht um Wochen, sondern um Monate. Wie viele Male ich wegen innerer Blutungen, Entzündungen, Schmerzen oder Müdigkeit das Bewusstsein verlor und wie viele Male ich mich auf der Toilette übergab, möchte ich ebenfalls nicht wissen. Wie viele Male ich haarscharf an dem, was dann am 30. Januar 2016, meinem vorläufig letzten Arbeitstag (!), tatsächlich passierte, vorbeigegangen war, möchte ich schon gar nicht wissen. Doch ich möchte darüber schreiben, weil es mir sonst zu viel wird. Wir haben alle irgendwo unsere Grenzen. Meine liegen weit aussen, aber dort, wo sie sind, sind sie. Und sie sind überschritten worden. Das hat wohl vor allem mit meiner eigenen Persönlichkeit zu tun, gibt aber niemandem das Recht, die Geschichte in ihr Gegenteil zu verkehren. Wie viel lieber hätte ich gearbeitet, als zum zweiten Mal hintereinander einen Winter zu erleben, von dem ich dachte, es sei mein letzter?! Wie viel lieber?!

Ich bin in Dublin und schreibe diesen Text neben Taieb, der noch schläft. Wie dankbar ich bin, dass ich hier bin, weiss nur ich. Und das ist auch gut so. Viele Menschen sind zur Zeit, viele Menschen sind in jedem Moment für etwas besonders dankbar, weil sie nicht mehr daran geglaubt haben. Ich werde heute Abend auf dem Konzert nicht die Einzige sein. Ich bin vielleicht auf dem heutigen Ausflug zum Malahide Castle und nach Howth und dem morgigen Ausflug nach Glendalough und zu den Powerscourt Gardens nicht die Einzige. Ich war gestern Nachmittag im Trinity College und dessen berühmter Bibliothek nicht die Einzige. Trotzdem: Dankbarkeit hat mit der Erziehung, vor allem aber mit eigenen Erfahrungen zu tun. Sie wird nicht tiefer durch geplanten Urlaub; sie wird tiefer durch Grenzerfahrungen. Ungeplante, wohlverstanden; wahre Grenzerfahrungen sind ungeplant. Ich bin glücklich, dass die Reise nach Irland zustande gekommen ist, obschon es den ganzen Winter über nicht danach ausgesehen hatte.

Der Grund, aus dem ich schon wach bin, ist allerdings etwas weniger lustig: Ich habe gestern auf der Fahrt in die Stadt hinein im doppelstöckigen Bus den Kopf an einer Metallstange angeschlagen, weil der Fahrer schon losfuhr, als ich erst gerade das obere Stockwerk erreicht hatte. Die italienische Touristin, die sogleich aufschrie und die Hände verrührte, konnte ich beruhigen. Taieb wurde auf derselben Fahrt schlecht, sodass wir uns, im City Centre angekommen, zuerst einmal erholen mussten. Bei Tee, Kaffee und Scones ohne Rosinen. Taieb war schnell wieder fit und ich etwas später auch. Aber jetzt sind die Kopfschmerzen ziemlich stark, und ich werde nachher Schmerzmittel nehmen. Solche, die ich überhaupt nehmen darf und die ich den Winter über leider öfters nehmen musste. Schreiben kann ich auch ohne, schlafen nicht mehr wirklich, und den Ausflug sowie das Konzert will ich auf jeden Fall geniessen können.

Als wir gestern Nachmittag in den „Hop on, hop off“-Bus eingestiegen waren, fragte der Fahrer, woher wir kämen, damit er uns die richtigen Kopfhörer geben könne. (Schweizerdeutsch im Angebot? :-))  „Do you work in a bank?“ „No. I don’t, and I wouldn’t want to.“ „Do you make chocolate?“ „No, I don’t either, but I would actually love to.“ Wir lachten zu viert: der Fahrer, seine beiden Kollegen und ich. Dann öffnete ich Taiebs Rucksack, nahm drei Lindt-Schokoladeeier heraus und machte das Klischee komplett. Das eine wenigstens. Sie waren überrascht und freuten sich sehr über das unverhoffte Ostergeschenk. Beim Abendessen im indischen Restaurant „Rasam“ fehlte mir dann die Osterdekoration, und Alexandra, Bärbel und Henrik gingen leer aus. Die wissen einfach nichts davon… 😉

 

 

Geplant – eiskalt

Das T-Shirt auf dem Beitragsbild habe ich für den Mai bestellt. Den „Awareness Month“. Ich werde es dann jeden Tag tragen und zwischendurch mal waschen. 😉 Na ja, vielleicht auch nicht jeden Tag, aber so oft, wie es vom Wetter und von der Situation her möglich ist… Gestern ist es angekommen. Gestern stand auch plötzlich, unverhofft und unerwartet eine eventuell weitere Diagnose im Raum. Wobei sie nicht eigentlich im Raum stand, sondern eher wie ein kleines, weisses Gespenst herumschwebte, nachdem sie geäussert worden war. Wumm. Ich schluckte einmal leer und antwortete, dies könne schon sein, da ich Autoimmunerkrankungen hätte und die genannte ja auch eine sei. Die genetische Prädisposition dafür macht jede neue Diagnose viel wahrscheinlicher als bei Menschen, die nicht betroffen sind.

Gut, es kommt ja eigentlich nicht so darauf an. Ob diese Symptome von der auf dem T-Shirt bezeichneten Krankheit oder von derjenigen, die gestern Morgen vorerst einmal als reine Vermutung in mein Leben trat, kommen, ändert für mich ja nicht so viel: Ich habe sie sowieso. Die Tatsache, dass die auf dem T-Shirt bezeichnete Krankheit fast „alles“ im Körper betreffen kann, macht die Differenzierung sowieso schwierig. Das war auch mit der zweiten Erkrankung, der Dermatitis, sowie mit der dritten Erkrankung, von der ich aber seit viereinhalb Jahren nichts mehr gehört habe, so. Und so wäre es jetzt auch mit einer eventuellen vierten Diagnose. Die Vermutung werde ich am 3. Mai meiner Hausärztin mitteilen, damit die notwendigen Abklärungen eingeleitet werden können. Ich glaube selbst nicht, dass ich bald mit einer vierten Diagnose konfrontiert sein werde; ich glaube, dass die Rötungen/Entzündungen um die Nägel herum sowie die Trockenheit der Nägel und der Haut darum herum von dem kommen, was ich schon etwas länger kenne… Wir werden sehen… Gelassen nehmen werde ich es so oder so.

Heute hatte ich wieder einmal Grund zu vermuten, dass ein paar wenige Leute davon ausgehen, ich hätte bezahlten Urlaub gemacht und meine wiedererlangte Arbeitsfähigkeit auf den 1. Mai 2017 geplant. Ein paar wenige. Aus dem privaten Umfeld wohl gar niemand, und die im letzten Beitrag beschriebene, ganz gute Menschenkenntnis der meisten Menschen ist im Zusammenhang mit chronischen Krankheiten besonders erfreulich und wichtig. Höchstens ein paar wenige aus meinem ehemaligen beruflichen Umfeld. Ja klar, ich hatte den achtmonatigen Krankheitsschub geplant; ich hatte die fünfeinhalb Monate im Anschluss an die damalige Therapie, in denen ich nicht mehr als zwei bis drei Stunden pro Nacht schlafen konnte, geplant; ich hatte geplant, dass die Kortisontherapie nicht mehr nachhaltig wirkte und der Unfall (geplant?!) gleich wieder einen Krankheitsschub auslöste.

Ich hatte geplant, dass ich die Therapie mit einem Immunsuppressivum/Zytostatikum nicht mehr länger aufschieben kann und dass sie – wahrscheinlich mitverursacht durch die schwere Infektion (geplant?!) – erst nach zehn Wochen zu wirken anfängt. Ja klar, ich hatte alles geplant; es war alles ja so lustig, so entspannend, so erholsam. Ja klar, genau diejenige Erkrankung, die in der Fachliteratur nicht selten als die unvorhersehbarste und unberechenbarste aller Erkrankungen bezeichnet wird, kann man planen. Direkte Verbindung zu Gott. Die habe ich auf jeden Fall. Darum hat er mich am 30. Januar 2016 dann wieder gehen lassen. Ich hatte ihm gesagt, so gehe das nicht. Ich hatte ihm gesagt, mit mir nicht. Planen wir doch lieber das noch junge Jahr. Und so planten wir es – bis ins letzte Detail. Berechnend, messerscharf, kalt wie der Tod.

Die Strecke zwischen Eglisau und Winterthur bin ich vorgestern wieder einmal mit dem Auto gefahren. Aus dem gleichen Grund wie letztes Mal: Ich wollte beim „Cachet“ zwei kleine Möbelstücke abholen. An der Stelle vom 30. Januar 2016 fahre ich jedes Mal etwas schneller vorbei und drehe die Musik etwas lauter. Zum Glück kam noch nie an genau jener Stelle „Someone had to pull the trigger…“ oder „Beware that hooded old man at the rudder, (rudder, rudder)…“; ich weiss nicht, ob ich es aushielte. An jener Stelle, an der ich Gott kurz getroffen und also meine lange Abwesenheit geplant hatte. Ja klar; das habe ich mich nur nie zuzugeben getraut. Aber heute traue ich mich. Heute habe ich auch Grund, wieder einmal Klartext zu sprechen.

Es kann sein – obschon ich es nicht glaube -, dass ich bald mit einer vierten Diagnose konfrontiert sein werde. Der „Verdacht“ wurde gestern geäussert und das ausgesprochene Wort, das mit „P“ beginnt und mit „s“ endet (PS: Das habe ich vielleicht auch noch…), ist irgendwo in meinem Kopf haften geblieben. Heute lese ich ein paar Sätze Schwarz auf Weiss, die in mir eigentlich nur noch einen Gedanken auslösen: „Du hast keine Ahnung, wirklich keine Ahnung…“ Vielleicht auch: „Ihr habt keine Ahnung…“; es sind wohl schon mehrere Personen, die in einer Welt leben, in der alle Wölfe abgeschossen worden sind oder sofort abgeschossen werden (in der Schweiz!!) und darum wirklich nicht wissen, worüber sie sich ein Bild zu machen versuchen, wenn sie sich eines machen. Die Planbarkeit in der ganzen Wolfsgeschichte ist das Paradoxon schlechthin.

Ein sehr, sehr gutes Gefühl ist die Tatsache, dass mich diese indirekt ausgedrückten Annahmen nicht mehr aufregen; überhaupt nicht mehr. Ich bin an einem ganz anderen Punkt und bin so froh darum, so dankbar dafür. Ich freue mich, bald wieder arbeiten zu können, und ich werde mir auf jeden Fall genügend Zeit nehmen, meinen Weg in eine neue berufliche Welt zu finden und zu gehen. Vorerst aber freue ich mich auf die beiden Konzertreisen, auf denen ich auch Freunde treffen werde und verschiedene Unternehmungen angesagt (geplant!) sind. Heute Abend fliegen wir nach Dublin. Um 21.30 Uhr. Da ich zwar schon viel gereist und weit gereist bin, aber noch nie in Irland war, ist die Freude eine besondere. Taieb will einen echten Troll sehen. Das Troll-Museum in Dublin, das interessant sein soll, lockt ihn weniger; ein echter muss es sein. Wir werden sehen… Auch den Wikingern möchte er näher auf die Spur kommen; sie waren nebst „Regenwald“ und „Licht, Feuer, Wärme“ sein drittes Thema beim altersdurchmischten Lernen. Wir werden etwa eine Stunde nördlich von Dublin wohnen, auf dem Land.

Die Hotelanlage scheint schön und grosszügig zu sein; es gibt auch einen Spa-Bereich und einen Indoor-Pool. Falls es einen Fitnessraum mit Hometrainer geben sollte, käme er mir gelegen. Denn vorgestern habe ich – erneut auf dem Nullpunkt meiner Kondition – wieder mit dem halbstündigen Training täglich begonnen. Die Gelenke spüre ich schon mehr, als „normal“ ist, aber es läuft nicht schlecht, und es wäre von Vorteil, wenn ich jetzt nicht gleich sechs Tage unterbrechen würde. Für mich ist die Tatsache, dass ich die halbe Stunde trotz erneutem längeren Unterbruch in „vernünftiger“ Zeit hinkriegte, schon ein kleiner Erfolg. Die Berichte vom Zürcher Marathon, der am Sonntag stattfand, sind für mich hingegen Berichte aus einer anderen Welt. Da ich aber das Gefühl habe, es gehe bei Extremleistungen, für die der (westeuropäische) Mensch nicht gemacht ist, vor allem darum, sich selbst und den anderen die Leistung zu beweisen, macht mir das auch nichts aus. Ich möchte in Handlungen und Aktivitäten einen Sinn erkennen können, der ausserhalb der Leistung um der Leistung willen liegt.

Jetzt muss ich aufhören und meinen Koffer fertig packen. Naila hat heute Abend eine Theateraufführung mit ihrer Klasse. „Der König, der die Zeit vergass“. Mein Mann und meine Mutter werden hingehen. Ich war stattdessen heute Morgen in der Hauptprobe. Taieb und seine Klasse auch. Das war ein bunter und froher Abschluss vor Ostern, vor den Frühlingsferien, die fast drei Wochen dauern. Naila hat die Rolle der Ärztin. Die hatte sie unbedingt gewollt. Ich habe ihr zugeschaut und zugehört; sie spielt authentisch und natürlich. Ob ich allerdings ihre Patientin sein möchte, steht auf einem anderen Blatt…